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„Die Konkurrenten machen das Gleiche“

„Die Welt des Sports ist eine scheinheilige. Doping steht auf der Tagesordnung wie Frühstück. In der Welt des Hochleistungssports wird das akzeptiert und gedeckt bis hinauf in höchste Funktionärskreise.“ Das hat der ehemalige Sportmanager Stefan Matschiner am Donnerstag in seinem Dopingprozess im Wiener Straflandesgericht gesagt.

Über den Umstand, dass während bzw. nach der Tour de France 2009 und 2010 offiziell kein einziger positiver Dopingtest abgelegt wurde, „kann ich nur den Kopf schütteln. Man wollte das einfach nicht.“

Teilgeständnis abgelegt

Matschiner, dem von der Staatsanwaltschaft Wien versuchtes Blutdoping im Sinne des im August 2008 in Kraft getretenen §22a Anti-Doping-Gesetzes und die vom Arzneimittelgesetz unter Strafe gestellte Weitergabe verbotener Dopingpräparate vorgeworfen wird, bekannte sich schuldig, bei einigen der von ihm betreuten Athleten „die Managementkomponenten mit der medizinischen Komponente kombiniert zu haben“. Zum Blutdoping legte er kein Geständnis ab.

Der ehemalige Sportmanager Stefan Matschiner in einem Gerichtssaal

APA/Herbert Neubauer

Matschiner beim Prozessauftakt

Konkret gab Matschiner zu, acht Sportler mit EPO, Testosteron und Wachstumshormonen versorgt zu haben: „Ich als Manager hatte das Interesse, dass ich Athleten, die ich betreue, helfe, damit sie die Leistung erbringen können, weil man genau weiß, dass die Konkurrenten das Gleiche machen, egal aus welchem Land die kommen.“

Drei Sportler namentlich genannt

Als Abnehmer nannte Matschiner den 2008 des Dopings überführten Ex-Radprofi Bernhard Kohl, dessen ehemaligen Schweizer Stallgefährten im Gerolsteiner-Team, Markus Zberg, sowie die Triathletin Lisa Hütthaler. Die fünf weiteren, offenbar teilweise noch aktiven Sportler gab Matschiner nicht bekannt, um diese zu schützen: „Es gibt zu vielen ein persönliches Verhältnis, das noch aufrecht ist.“ Auch Staatsanwältin Nina Weinberger beließ es bei der Diktion des Strafantrags, wo die Betreffenden als „Sportler A“, „Sportler B“, „Sportler C“, „Sportler D“ und „Sportler E“ aufscheinen.

Er habe mit der Weitergabe der Dopingmittel nichts verdient und sich „nicht als Dealer gesehen“, versicherte Matschiner: „Doping war für mich keine Einnahmequelle, sondern Mittel zum Zweck.“ Ihm sei es rein um den sportlichen Erfolg seiner Schützlinge gegangen. Sein Geschäftsmodell habe vorgesehen, am Ende sechs bis acht Prozent von deren Einnahmen aus Preisgeldern, Sponsoren-Verträgen und sonstigen Aktivitäten zu erhalten.

„Das waren Minimaldosen“

Der Angeklagte betonte, den betreffenden Athleten die verbotenen Präparate in Mengen überlassen zu haben, die nicht gesundheitsschädlich waren: „Das waren Minimaldosen. Ich habe kein schlechtes Gewissen bei den Plänen, die ich geschrieben habe.“ So habe er Kohl nicht, wie von diesem behauptet, im Lauf der Jahre Mittel im Wert von 50.000 Euro überlassen. Die Grenze von 6.000 Euro sei in diesem Fall nicht überschritten worden. „Das hat ihm nicht gereicht. Dabei hätte es funktioniert, wäre Herr Kohl nicht so dumm gewesen und hätte sich das CERA nicht von anderen besorgt“, sagte Matschiner. Kohl war 2008 bei Nachkontrollen von Tour-de-France-Dopingproben positiv auf das EPO-Derivat CERA getestet worden.

Den gegen ihn erhobenen Vorwurf, noch im Herbst 2008 in Österreich Blutdoping betrieben zu haben, wies Matschiner zurück. Mittels einer eigens dafür angeschafften und von Kohl und zwei weiteren Sportlern finanzierten Blutzentrifuge soll sich Matschiner laut Anklagebehörde strafbar gemacht haben, indem er zumindest bis Ende September 2008 die Maschine in einer eigens dafür angemieteten Wohnung in Linz in Betrieb hatte. Laut Kohl soll es dort am 22. September 2008 zu verbotenen Vorgängen gekommen sein.

Matschiner behauptete jedoch, sich vom 22. bis 25. September 2008 mit einem weiteren Schützling, dem US-Sprinter Ernest Wiggins, zu PR-Zwecken in Belgrad befunden zu haben. Er legte zum Beweis dafür einen Reisepass mit entsprechenden Ein- und Ausreisevermerken vor, den Richterin Martina Spreitzer-Kropiunik nun kriminaltechnisch untersuchen lassen will.

Humanplasma hat Betreuung 2006 eingestellt"

Er habe Blutdoping in Österreich nur betrieben, solange das noch nicht strafbar war, erzählte Matschiner. Die entsprechenden Geräte habe er von der Wiener Firma Humanplasma übernommen, „weil der das zu heiß oder zu dumm geworden ist. Sie haben die Betreuung 2006 eingestellt.“ Er habe Anfang 2007 „alles, was bei Humanplasma herumgelegen ist, gekauft. Mein Gedanke war, endgültig vom synthetischen EPO wegzukommen.“

Der damalige Humanplasma-Geschäftsführer Rudolf Meixner habe ihn im weiteren Verlauf gebeten, die Blutzentrifuge zu vernichten, „weil ein Chip mit den Daten drinnen war“. Er habe das Gerät daher „in die Einzelteile zerlegt und über drei bis vier Wochen in verschiedenen Mistkübeln entsorgt“ und sich dann ein neues angeschafft, legte Matschiner dar. Dabei bediente er sich eines falschen Namens und gab sich als Repräsentant von Ärzte ohne Grenzen aus.

Hoffmann nicht beteiligt?

Matschiner dementierte, dass am Erwerb neben Kohl der frühere dänische Radprofi Michael Rasmussen und Langlauf-Olympiasieger Christian Hoffmann beteiligt waren. Das hatte Kohl vor der SoKo Doping behauptet. Beide hätten damit nichts zu tun gehabt, versicherte der Angeklagte. Er habe weder bei Rasmussen noch bei Hoffmann Blutdoping vorgenommen: „Insgesamt habe ich 35 Konzentrate hergestellt. Mindestens zehn bei Kohl, drei bei Hütthaler. Der Rest waren andere Sportler.“

Nach Inkrafttreten des Anti-Doping-Gesetzes habe er die Gerätschaften zunächst nach Slowenien gebracht, wo sie mehrmals von einem slowenischen Sportler benutzt wurden. Ende Dezember 2008 habe er die Zentrifuge dann nach Budapest transportiert, wo Blutdoping - ebenso wie in Slowenien - nicht verboten war, schilderte Matschiner: „Die Abnahmen habe dort ausschließlich ich gemacht. Auf fremdem Staatsgebiet, ausschließlich mit ausländischen Sportlern.“ Folglich liege nach dem österreichischen Strafrecht keine Strafbarkeit vor.

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