Themenüberblick

Das große Experiment

Die Olympischen Jugendspiele in Singapur sind eines der größten Experimente des Weltsports. Gelingt es, die Jugend an den olympischen Sport und seine Werte heranzubringen oder wird es eine Leistungsschau von Nachwuchssportlern geben? Die ersten Winterjugendspiele finden im Jänner 2012 in Innsbruck statt.

„Das wird die Herausforderung für uns sein“, sagte Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), vor dem Start in Singapur. „Wir wollen keine Junioren-Weltmeisterschaft veranstalten. Deshalb haben wir ein Kultur- und Erziehungsprogramm hinzugefügt.“

Jaques Rogge

AP/Wong Maye-E

IOC-Präsident Rogge ist vom Konzept der Jugendspiele überzeugt.

Billig ist das Ganze nicht. Immerhin ließ sich der asiatische Stadtstaat die Erstausgabe der Jugendspiele 387 Millionen Singapur-Dollar (rund 222 Mio. Euro) kosten, viermal so viel wie anfänglich veranschlagt. Das IOC dürfte noch einen dreistelligen Millionen-Dollar-Betrag drauflegen. „Es ist ein sehr ambitioniertes Projekt. Doch ich bin optimistisch und überzeugt vom Konzept“, sagte Rogge, für den es „der Start einer erfolgreichen Serie“ der Jugendspiele ist. Kritiker vermuten allerdings, dass die Jugendspiele neue Geldquellen für das IOC erschließen sollen.

Erfolg nicht so wichtig

Ob die Erstausgabe auf Anhieb ein Erfolg wird, ist für den Belgier, der die Jugendspiele als sein Vermächtnis ansieht, nicht so wichtig. „Wir werden Erfolge haben, wir werden Fehler machen. Die ersten richtig guten Olympischen Spiele haben 1912 stattgefunden“, meinte Rogge. Vielleicht werde es zwei, drei Austragungen benötigen, bis die „richtige Erziehungsphilosophie“ gefunden sei. Für ihn gebe es zudem eine einfache Formel, den Erfolg der „kleinen“ Spiele zu ermitteln. „Ich frage die Athleten, ob sie glücklich sind. Und wenn sie es sind, waren die Spiele ein Erfolg“, sagte Rogge.

„Ich sehe die Jugendspiele absolut positiv, nachdem es gelungen ist, dass sie nicht in eine Art überdimensionierter Jugend-WM mit großen Qualifikationen und viel Leistungsdruck ausarten“, sagte Rainer Brechtken, Präsident des Deutschen Turnerbundes (DTB). „Die Betonung sollte nicht auf Sieg oder Niederlage liegen.“

Zahlreiche Bedenken

Bedenken hat dagegen sein Präsidentenkollege Clemens Prokop vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV): „Ich befürchte, dass es nur eine Vorverlagerung des Leistungssports sein könnte. Wenn am Schluss Medaillen gezählt und eine Nationenwertung aufgestellt wird, fände ich es sehr bedenklich.“

Gewichtheberin Sirivimon Pramongkhol aus Thailand

APA/EPA/Tan Kok Peng

Thailändische Gewichtheberin Sirivimon Pramongkhol

Andere, wie der frühere Weltklasse-Leichtathlet und nunmehrige Wien-Marathon-Veranstalter Wolfgang Konrad, fürchten sogar, dass dem Dopinggeschäft damit nun noch größere Umsätze beschert werden. „Dem Wahnsinn wird ein neuer Markt zugeführt“, meinte der ehemalige Hindernisläufer Konrad gegenüber der APA. IOC-Sprecher Mark Adams betonte, dass bei den ersten Jugendspielen rund 1.300 Dopingkontrollen im Wettkampf und im Training genommen werden. „Die Tests werden jedoch erst in zwei Wochen bekanntgegeben, um keinen Druck auf die Athleten auszuüben.“

3.600 Athleten aus 204 Ländern

Insgesamt sind in Singapur rund 3.600 Athleten aus 204 Ländern am Start, Österreich ist mit 16 Athleten vertreten. „Wir wollen keine neuen Sportarten ausprobieren, um keine Fehler zu machen“, sagte Rogge. In Zukunft könnten die Jugendspiele allerdings zum Experimentierfeld für die „großen“ Spiele werden: „Es könnte ein gutes Labor dafür sein, wie solche Sportarten akzeptiert werden.“

In Singapur sind 204 der 205 Mitgliedsländer des IOC angetreten. Von einer Teilnahme ausgeschlossen ist Kuwait, das vom IOC seit Anfang des Jahres suspendiert ist. Grund für den IOC-Bann sind politische Eingriffe in den Sport durch den Staat.

In Singapur setzen nur wenige Sportarten auf Neuheiten. Im Basketball wird eine Art Streetball „Drei gegen Drei“ gespielt. Außerdem gibt es Mixed-Teams aus Buben und Mädchen im Schwimmen und Triathlon sowie gemischte Mannschaften mit Athleten aus verschiedenen Ländern. „Wir werden Olympische Spiele in ganz unnachahmlicher Atmosphäre erleben, noch dichter, noch freundschaftlicher und fröhlicher“, hofft der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach.

Laut Rogge ist auch die Resonanz des Fernsehens (rund 150 TV-Anstalten) gegeben, auch durch Nutzung neuer Medien im Internet würden die Spiele ihre Plattform bekommen. Ob die Rückbesinnung auf die olympischen Ideale gelingt und der Blick auf einen Medaillenspiegel tatsächlich Nebensache bleibt? „Die Jugendspiele sind eine großartige Verbindung von Sport, Erziehung und Kultur“, sagte Bach, der aber auch eines weiß: „Die Jugendlichen, die das jetzt durchlaufen, sind zumindest zum Teil diejenigen, die wir in London oder 2016 in Rio de Janeiro sehen.“

Links: