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Die Vergangenheit muss ruhen

Benoit Gratton ist nicht nur Torjäger und ein hervorragender Assistgeber, er gilt auch als Heißsporn. Privat ist der Vater dreier Töchter ein Familienmensch, als Kapitän der Vienna Capitals wird er das erklärte Ziel Meistertitel mit aller Härte verfolgen. „Mein Spiel lebt von den Fans und Emotionen“, stellte der 33-jährige Kanadier im Interview mit ORF.at klar.

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Zwei Saisonen absolvierte der bullige Center mit der markanten Zahnlücke schon bei den Wienern, bisher war jeweils im Halbfinale Endstation. Vor dem Start der Erste Bank Liga 2010/11 spricht Gratton über die neuen „Caps“, die alten Ansprüche, den Ärger über Unruhestifter, das hundertprozentige Vertrauen in seinen Trainer und das verarbeitete Trauma des Ausscheidens gegen Linz.

Benoit Gratton

GEPA/Christian Ort

Die Ruhe vor dem Sturm

ORF.at: Am Freitag beginnen die Capitals auswärts gegen Ljubljana. Kommt der Saisonstart für Ihre Mannschaft gerade recht oder zu früh?

Gratton: Das ist immer schwer zu sagen, wo man nach der Vorbereitung steht. Der Coach testet verschiedene Linien, probiert Verteidigungsformationen und alle Torhüter aus. Es wäre unfair, das Team jetzt zu beurteilen. Frühestens nach 15 Partien kann man sagen, welche Mannschaft man in dieser Saison hat. Die Preseason ist gut verlaufen, vor allem wenn man neun neue Spieler bedenkt. Die Mannschaft ist zusammengewachsen, ich freue mich auf die Saison.

ORF.at: Sie sind jetzt Kapitän der Mannschaft, waren Sie auch Integrationsfigur für die Neuen? Wie beurteilen Sie heuer das Mannschaftsklima?

Gratton: Ja, ich helfe gerne, weil ich schon seit zwei Jahren hier bin. Die Stimmung in der Mannschaft war und ist sehr gut. Unser Trainer legt viel Wert darauf, nicht nur gute Spieler, sondern auch charakterlich gute Typen zu holen. Wir haben eine starke Mischung in der Mannschaft, für mich als Kapitän wird es einfach, den Laden zusammenzuhalten. Wenn die Atmosphäre in der Umkleidekabine passt, integrieren sich die Neuen schnell. Wir sind ein paarmal zusammen ausgegangen, das hilft auch.

ORF.at: Im Vorjahr hat man den Capitals schon den Titel zugetraut, bevor bei 3:0 in der Semifinalserie gegen Linz das Unglaubliche passierte. Ist das Team heuer stärker?

Gratton: Wir sind sicher nicht schwächer. Die Mannschaft ist schnell, hat mit Jürgen Penker einen sehr guten Goalie und ihren Teamgeist als Plus. Auf dem Papier haben wir ein starkes Team, das steht fest. Aber es ist eine lange Saison. Wir haben gesehen, was passieren kann. Aber was passiert ist, müssen wir hinter uns lassen. Wir haben neun neue Spieler, es ist eine andere Mannschaft. Wir müssen nach vorne schauen, der Titel ist unser Ziel und wir haben gute Chancen. Dieses Jahr soll unser Jahr werden.

ORF.at: Woran hat es in der letzten Saison gelegen, und wie ist dieser Selbstfaller gegen Linz zustandegekommen?

Gratton: Zuerst einmal hatten wir extrem viele Verletzungen. Das hat uns einiges an Energie geraubt und ist uns im Play-off auf den Kopf gefallen. Gegen Linz war es, als ob wir plötzlich aufgehört hätten zu spielen. Dabei haben wir alles versucht, aber nichts klappte - und wir hatten auch Pech. Ich habe schon ein paar Wochen gebraucht, um das aus dem Kopf zu bekommen. Ich bin mit meiner Frau und unseren drei Kindern nach Hause geflogen und habe Hockey beiseitegelegt. Es hilft, wenn man drei Kinder hat - keine Zeit zum Nachdenken.

ORF.at: Hatte die Mannschaft zu jedem Zeitpunkt Vertrauen in den Trainer, und sind Sie froh, dass Kevin Gaudet noch Headcoach der Capitals ist?

Gratton: Ich habe schon ein paar Sachen gehört und gelesen, die mir nicht gefallen haben. Der Tormann war schuld, der Trainer war schuld usw., dabei ist es ein Teamsport und unser Ausscheiden war einfach unglaublich. Für Unruhestifter von außen ist es immer leicht, jemanden für alles verantwortlich zu machen. Aber den Coach zu entlassen wäre verrückt gewesen. Auch wenn wir gewinnen, sind nicht einzelne Personen dafür verantwortlich. Aber um die Frage zu beantworten: Ja, wir hatten und haben hundert Prozent Vertrauen in unseren Trainer.

ORF.at: Sie haben ein außergewöhnliches Verhältnis zu den Fans, worauf beruht das Ihrer Meinung nach?

Gratton: Für die Fans spielen wir Eishockey. Ohne sie gäbe es unser Team nicht, und ich hätte keinen Job. Man muss die Fans mit Respekt behandeln, sie verdienen eine gute Show. Deshalb gebe ich in jedem Augenblick mein Bestes. Unsere Heimspiele sind immer ein Erlebnis, laute Fans geben mir den Kick. In Deutschland habe ich schon diese spezielle Atmosphäre in den europäischen Hockey-Hallen erlebt. Auch in Österreich wird es immer besser.

ORF.at: Wie steht es um Ihre Form, und was trauen Sie den weniger erfahrenen Spielern im Kader der Capitals zu?

Gratton: Meine Form passt, ich fühle mich sehr gut. Gott sei Dank sind die langen Traingscamps vorbei. Jetzt kann es losgehen, ich kann es kaum erwarten. Wir haben einige gute junge österreichische Spieler in der Mannschaft. Auch in den anderen Teams der Liga gibt es einige gute Junge, aber über die Nachwuchsarbeit in Österreich insgesamt weiß ich zu wenig. Wir haben heuer jedenfalls die Tiefe im Kader, um mit vier Linien zu spielen.

Das Gespräch führte Harald Hofstetter, ORF.at

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