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Verschobene Machtverhältnisse

Wacker Innsbruck führt in der tipp3-Bundesliga vor Ried, in Deutschland gibt derzeit Mainz 05 vor Hoffenheim den Ton an, in der Serie A führt Aufsteiger Cesena ungeschlagen, und auch in Frankreich herrscht mit dem Spitzentrio St. Etienne, Toulouse und Rennes verkehrte Fußballwelt. Während nur in der Premier League alles nach Plan läuft, stehen die Machtverhältnisse in anderen Ligen völlig kopf.

Viele europäische Spitzenclubs sind noch auf der Suche nach ihrer Form. Red Bull Salzburg darf sich deshalb trösten, dass seine Talfahrt, die am Wochenende mit der 1:3-Blamage gegen Regionalligst Blau-Weiß Linz ihren vorläufigen Tiefpunkt fand, derzeit in Europa kein Einzelschicksal darstellt. Die „Bullen“ haben dasselbe Problem wie etwa Schalke 04, VfL Wolfsburg, Bayern München, AC Milan, Liverpool und Olympique Lyon - nämlich einen völlig verpatzten Saisonstart.

Späte Transfers als Ursache

Herbeigeführt wurden die Miseren bei einigen Clubs durch fehlende Integration der Millioneneinkäufe. Bis 31. August läuft die Transferzeit, wobei die Vereine bis Mitternacht auf der Jagd nach Verpflichtungen sind, obwohl die Vorbereitung längst abgeschlossen sein sollte. Während kleinere Clubs in Ruhe an ihren Teams feilen können, wird das mitunter langwierige und späte Feilschen um Verträge und Ablösesummen für die Großclubs zum Bumerang.

Bei Salzburg sind etwa die Südamerikaner Joaquin Boghossian und Alan erst nach Saisonstart zur Mannschaft gestoßen - ein Problem, das laut Sportdirektor Beiersdorfer dem Fußball innewohnt. „Wir waren darauf vorbereitet, dass uns Marc Janko irgendwann verlässt. Twente kam trotzdem aus der Luft“, erinnerte Beiersdorfer und ergänzte: „Ein neuer Spieler braucht drei bis sechs Monate. Es ist Fakt, dass noch nicht alle zu 100 Prozent integriert sind.“

Der Wunsch ist Befehl

Auch Milan kann davon ein Lied singen. Für 40 Millionen lotste Präsident Silvio Berlusconi die Topstars Zlatan Ibrahimovic und Robinho wenige Stunden vor Ende der Transferzeit zu den „Rossoneri“, um seinem Club wieder zu alter Blüte zu verhelfen. Frei nach Berlusconis Lieblingsmotto „Vincere e convincere“ (Siegen und überzeugen, Anm.) ist nun Coach Massimiliano Allegri gefordert, die hohen Erwartungen und Wünsche des italienischen Ministerpräsidenten zu erfüllen.

Wie bei Ligarivalen und Titelanwärter AS Roma hält sich allerdings vorerst der Erfolg noch in Grenzen. Gerade die üppig besetzte Offensive mit Ronaldinho, Pato, Routinier Filippo Inzaghi und den beiden Neuzugängen stellt Allegri vor Probleme. Erstens kann der 43-Jährige nicht alle Stars in seinem ohnehin schon offensiven 4-3-3-System einsetzen, zweitens hält sich die Defensivarbeit der Stars in Grenzen, womit wiederum die Verteidigung fehleranfällig wird.

Totalumbruch statt Kontinuität

Während bei Milan der Coach meist vor vollendete Transfertatsachen gestellt wird, hat sich hingegen Felix Magath bei Schalke den miserablen Status quo selbst eingebrockt. Der Trainer, Manager und Sportdirektor in Personalunion wilderte förmlich auf dem Spielermarkt. Trotz Stars wie Raul, Jan Klaas Huntelaar und Jose Manuel Jurado präsentieren sich die runderneuerten „Königsblauen“ eher wie ein Abstiegskandidat. Schalkes Misere ist aber hausgemacht, denn auch Magath hat auf eines der obersten Fußballgebote vergessen: Kontinuität statt Totalumbruch.

Dabei gibt es in Europa Paradebeispiele, wie kluge Transferpolitik auszusehen hat. Der FC Chelsea hat etwa in dieser Hinsicht viel gelernt. Nach jahrelanger Verschwendungssucht und krampfhaften Versuchen, erfolgreich zu sein, sind die „Blues“ unter Coach Carlo Ancelotti auf Beständigkeit aus. Auch der FC Barcelona, der sich allerdings ebenfalls mit einer 0:2-Heimpleite gegen Aufsteiger Alicante blamierte, setzt seit Jahren auf den eigenen Nachwuchs und nur punktuelle Verstärkungen. Die Verpflichtung von Stürmerstar David Villa war etwa bereits vor der WM und damit lange vor dem Beginn der Vorbereitung unter Dach und Fach.

Kurze Vorbereitungszeit als Übel

Auch Bayern München war in der Transferzeit alles andere als umtriebig und hielt seinen Kader zusammen. Der deutsche Rekordmeister, allen voran Coach Louis van Gaal, beklagte allerdings zwei weitere Gründe, die so manchen Großclub vor Probleme stellten: die kurze Vorbereitungszeit nach der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika und die Unterbrechung durch die Länderspielpause Mitte August.

„Das ist doch lächerlich, dass wir so eine Vorbereitung haben“, echauffierte sich der Niederländer und stellte FIFA-Präsident Joseph Blatter an den Pranger. „Unsere richtige Mannschaft können wir vielleicht erst im November sehen. Dann sind wir zu 100 Prozent fit“, erklärte Van Gaal unmittelbar vor Saisonstart in prophetischer Manier. Nach drei Runden ohne Sieg und Tor sind die Bayern von Beginn weg überraschend Jäger statt Gejagter. „Im Moment haben wir eine kuriose Liga“, betonte Bayerns Vorstandvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge und ergänzte: „Vereine stehen oben, wie Hoffenheim oder Mainz, die größtenteils keine Nationalspieler abzustellen hatten.“

Rummenigge strebt Spielkalenderreform an

Rummenigge strebt daher eine Reform des internationalen Spielkalenders an. „Nach Europa- und Weltmeisterschaften müssen wir zwei Monate ohne Länderspiel haben“, forderte Rummenigge in einem „kicker“-Interview. Konkret nannte der Ex-Nationalspieler die Streichung des ersten Länderspieltermins im August. Im Spielkalender des Weltverbandes (FIFA) werde „viel zugunsten der Verbände gemacht und wenig Rücksicht auf die Clubs und deren Interessen genommen“, kritisierte Rummenigge.

Doch nicht nur diesbezüglich sollten sich die obersten Hüter des Fußballs Gedanken machen. Auch die Sinnhaftigkeit von Bewerben wie der Club-WM oder des Confederations Cups gilt es zu hinterfragen. Genauso sind aber auch die Vereine angehalten, sich zu fragen, ob diverse Promotiontouren, wie sie Real Madrid im Sommer durch die USA oder Manchester United und Bayern München vor ein paar Jahren in Asien abgehalten haben, nicht ebenfalls entbehrlich sind.

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