Ein Duell, das zum Klassiker wurde
Im insgesamt 696. Länderspiel trifft Österreich am Dienstag in der EM-Qualifikation auf Belgien. Vor 108 Jahren, am 12. Oktober 1902, trug das Nationalteam sein erstes offizielles Ländermatch aus. Gegner vor 500 Zuschauern auf dem WAC-Platz war Ungarn. Es war auch das erste Duell zweier nicht britischer Nationalmannschaften und das erste auf dem europäischen Festland.
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Die Partie wurde in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie vom ÖFB-Vorgänger, der Österreichischen Fußball-Union (ÖFU), noch als „Städtespiel Wien gegen Budapest“ ausgetragen. Später entschieden sich der heimische und der ungarische Fußballverband, den freundschaftlichen Vergleich beiderseits als offizielles A-Länderspiel zu werten, da auf beiden Seiten ohnehin die besten Spieler aufgeboten waren und es nie eine gemeinsame K.-u.-k.-Mannschaft gab.
In der Länderspiel-Statistik der österreichischen Nationalmannschaft auf der ÖFB-Website ist dieses Duell - und alle weiteren Länderspiele - mit Details und Torschützen nachzulesen. Insgesamt hält Österreich nach derzeit 695 Ländermatches bei 284 Siegen, 151 Unentschieden und 260 Niederlagen, auch die ewige Tordifferenz ist mit 1.256:1.126 Treffern positiv.
Nur Argentinien gegen Uruguay fand öfter statt
Klassiker Österreich - Ungarn
136 Spiele, 40 Siege, 30 Remis, 66 Niederlagen, 252:297 Tore
Die ersten zehn Duelle wurden als „Städtespiele“ ausgetragen und später in Länderspiele umgewandelt.
Die erste Begegnung gewann Österreich am 12. Oktober 1902 in Wien mit 5:0 (3:0), die bisher letzte verlor das ÖFB-Team am 16. August 2006 in Graz mit 1:2 (0:2).
Die Begegnung Österreich - Ungarn wurde bis 2006 insgesamt 136-mal ausgetragen und ist damit nach dem Südamerika-Klassiker Argentinien gegen Uruguay (198 Spiele, davon 180 offizielle Matches, zwischen 1901 und 2009) die zweithäufigste Länderspielpaarung der Welt. Zwischen Oktober 1902 und Mai 1908 hatte es insgesamt zehn österreichische Länderspiele gegeben - alle gegen Ungarn (fünf Siege, ein Remis, vier Niederlagen, 25:20 Tore). Erst beim elften Ländermatch am 6. Juni 1908 hatte es mit England (1:6-Niederlage in Wien) einen „neuen“ Gegner gegeben.
Die Duelle mit Ungarn wiederholten sich bis Ende der 1930er-Jahre zweimal jährlich, sie bildeten die jeweiligen Saisonhöhepunkte des Fußballjahres und waren durch große Rivalität gekennzeichnet. Angesichts der Häufigkeit der Begegnungen hatte sich bereits zu Zeiten der Monarchie der Witz „Heute spielt Österreich-Ungarn. - Gegen wen?“ etabliert.
Triplepack zum 19. Geburtstag
Das allererste Aufeinandertreffen am 12. Oktober 1902 hatte Österreich mit 5:0 (3:0) gewonnen. Johann Studnicka, einer der ersten Stars des heimischen Fußballs, feierte seinen 19. Geburtstag und war mit drei Toren auch Mann des Matchs. Die beiden anderen Treffer erzielten seine WAC-Vereinskollegen Josef Taurer und Gustav Huber.

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Der „G’stutzte“ schrieb Geschichte.
Studnicka, der wegen seiner geringen Körpergröße den Spitznamen der „G’stutzte“ erhielt, wurde damit auch Welttorjäger 1902. Zwar hatten insgesamt vier Spieler jeweils drei Tore in diesem Jahr erzielt, doch der Wiener schaffte das in einem einzigen Länderspiel. Titelverteidiger Robert Cumming Hamilton aus Schottland wurde mit drei Treffern in zwei Spielen Zweiter, den dritten Platz teilten sich der Ire Andrew Gara und der Engländer James Settle mit jeweils drei Toren aus drei Spielen.
Die Ehrung, der beste Torschütze der Welt zu sein, wurde dem österreichischen Teamstürmer zu Lebzeiten allerdings nie zuteil. Offiziell wird der Welttorjäger erst seit 1991 durch die International Federation of Football History & Statistics (IFFHS) ermittelt, Studnicka starb am 18. Oktober 1967. In der vom IFFHS ab 1872 geführten Statistik ist er der erste Nicht-Brite, der Welttorjäger wurde. 1903 konnte Studnicka seinen Titel mit vier Toren in zwei Spielen (jeweils gegen Ungarn) verteidigen. Nach heutigem Stand sind diese Statistiken allerdings nicht wirklich aussagekräftig, da 1902 weltweit insgesamt nur zehn offizielle Länderspiele ausgetragen wurden - 1903 waren es sogar nur neun.
Fußballspielen mit Arrest bestraft
Studnicka hatte früh begonnen, sich für den Fußball zu interessieren. Bereits als 13-Jähriger spielte er 1897 neben den drei weiteren späteren Nationalspielern Josef Fischer, Huber und Taurer in der Mannschaft Jugendhorst (das gesamte Team trat im Herbst 1897 dem WAC bei). Drei Jahre nach dem ersten Fußballspiel 1894 in Österreich war der Sport allerdings noch nicht gesellschaftlich akzeptiert und aktive Schüler bzw. Studenten wurden mit dem Karzer, einer Arrestzelle in Universitäten und Schulen, bestraft.
Um dem damals üblichen „pädagogischen Freiheitsentzug“ zu entgehen, traten viele österreichische Spieler daher nur mit einem Pseudonym in der Mannschaftsaufstellung in Erscheinung. Im ersten Ländermatch gegen Ungarn waren es drei - Wilhelm Eipeldauer spielte etwa unter dem Namen „Eipel“, Emil Wachuda unter „Omlady“ und Raimund Mössmer legte sich das Pseudonym „Quick“ zu. Studnicka selbst hatte viele seiner Vereins- und Länderspiele unter dem Decknamen „Jan“ bestritten. Weitere Nationalspieler mit Decknamen waren unter anderen Max Leuthe („MacJohn“), Heinrich Lenczewsky („Lintsch“) und A. Pulchert („A. N. Other“).
Peter Falkner, ORF.at
Freundschaftliches Länderspiel
12. Oktober 1902:
Österreich - Ungarn 5:0 (3:0)
WAC-Platz, 500 Zuschauer, SR Roland Shires (ENG)
Torfolge:
1:0 Taurer (5.)
2:0 Studnicka (10.)
3:0 Studnicka (?.)
4:0 Huber (?.)
5:0 Studnicka (?.)
Österreich: Philipp Nauss (Wiener Athletiksport-Club) – Wilhelm „Eipel“ Eipeldauer (First Vienna FC), Emil „Omlady“ Wachuda (WAC/Teamkapitän) - Felix Hüttl (Vienna Cricket and FC), Rudolf Blässy (SC Graphia Wien), Raimund „Quick“ Mössmer (Deutsche Jugendmannschaft Währing Wien) – Julius Wiesner (Wiener FC 1898), Gustav Huber (WAC), Engelbert Schrammel (WAC), Johann „Jan“ Studnicka (WAC), Josef Taurer (WAC)
Ungarn: Gyula Badonyi (Budapesti Torna Club) – Jozsef Beran (Ferencvarosi TC Budapest), Emil Gabrovitz (Postas SE Budapest) – Jozsef Koltai-Kolhanek I (Ferencvarosi), Imre Pozsonyi (MUE Budapest), Jeno Bayer (MAC Budapest) – Istvan Buda (Budapesti TC), Bertalan Steiner („33“ FC Budapest), Jozsef Pokorny (Ferencvarosi), Alfred Hajos-Guttmann (Budapesti TC/Teamkapitän), Karoly Olah (Budapesti SC)
Anmerkung: Bezüglich der Vereinszugehörigkeiten der ungarischen Spieler gibt es laut Austriasoccer.at einige Unklarheiten. Die österreichische Presse („Allgemeine Sportzeitung“ und „Wiener Tagblatt“, beide erschienen von 1894 bis 1921) behauptete demnach im Gegensatz zur Sporthistorik, dass Badonyi sowie Steiner bei Postas SE Budapest und Pozsonyi bei MTK Budapest spielten.
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