Ein Spiel für das Selbstbewusstsein
„Ein Remis ist ein Sieg für Österreich.“ Selten noch war dieser satirische Ausspruch von Helmut Qualtinger wahrhaftiger als am Dienstagabend im König-Baudouin-Stadion in Brüssel. In einem Fußballklassiker, der allen, die ihn gesehen haben, in Erinnerung bleiben wird, trennten sich Österreich und Belgien nach drei Toren und einem Stangenschuss zwischen der 87. und 93. Minute mit 4:4.
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Österreich hält nach diesem Fußballkrimi der besonderen Art nach drei Spielen in der EM-Qualifikationsgruppe A bei sieben Zählern und „überwintert“ hinter Deutschland als Gruppenzweiter. Die Elf von Teamchef Dietmar Constantini sei damit im Fahrplan, so ÖFB-Präsident Leo Windtner: „Diese Partie wird als ein legendäres Spiel in die österreichische Fußballgeschichte eingehen. Sie hat bewiesen, welche Moral in der Mannschaft steckt.“

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Harnik kam, sah und traf.
„Stolz, Teil dieser Mannschaft zu sein“
Marko Arnautovic, der vor allem in der ersten Hälfte sehr gut spielte und den Treffer zum 2:1 erzielte, erklärte nach dem Spiel ins Mikrofon von Ö3-Reporter Adi Niederkorn gar überschwänglich und unbekümmert: „Österreich ist mein Land. Ich bin so stolz auf das Team. Ich muss die Jungs auf was zu trinken einladen. Das ist in jedem Fall ein gewonnener Punkt.“ Und Stefan Maierhofer stellte die rein rhetorische Frage: „Wer hätte uns vor kurzem so ein Spiel zugetraut? Ich bin jedenfalls stolz, Teil dieser Mannschaft zu sein.“
Österreicher sollen in die Kirche gehen
Weniger begeistert war Belgiens Coach Georges Leekens. Für ihn und seine „Roten Teufel“ war das 4:4 mit dem Gegentreffer von Martin Harnik in der 93. Minute eine gefühlte Niederlage. „Österreich muss Gott für das Remis danken. Sie sollten morgen in die Kirche gehen“, sagte er sauer.

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Der Teamchef bedankt sich für die Hilfe von oben.
„Österreich hat einfach gespielt und dabei das Maximum herausgeholt. Es hätte auch 4:8 ausgehen können“, sagte Leekens. Für sein Team natürlich. „Wir haben mit sechs Mann angegriffen, aber wir hatten oft kein Glück.“ Ein erleichterter Teamchef Constantini befand: „Es hätte auch 8:8 ausgehen können.“
Starkes Spiel von beiden Teams
Zur Pause hatte Österreich 2:1, bis zur 87. Minute mit 3:2 geführt. Franz Schiemer (14.) glich die Führung der Belgier durch Jelle Vossen (11.) schnell aus, Marko Arnautovic ließ das ÖFB-Team mit einem Klasseschuss nach schöner Junuzovic-Vorarbeit in der 29. Minute gar noch ein zweites Mal vor der Pause jubeln.
Belgien war vor allem durch Anderlecht-Mittelfeldspieler Jonathan Legear enorm gefährlich, ihn konnte die rot-weiß-rote Verteidigung nie in den Griff bekommen. Belgiens „Schneckerl“ Marouane Fellaini und die Stürmer Vossen, Marvin Ogunjimi und sowie später der erst 17-jährige, aber bereits enorm athletische Romelu Lukaku hielten die Abwehr und den glänzend disponierten Jürgen Macho auf Trab.
Trotz der vier Gegentore spielte der Panonios-Legionär eine starke Partie. Ohne sein Abwehr-Triple (32.) innerhalb von zehn Sekunden gegen Versuche von Vossen (zweimal mit dem Fuß abgewehrt) und Ogunjimi (mit der Hand an die Latte gelenkt) wäre Österreich nicht mit 2:1 in die Kabinen gegangen.
Schlagabtausch der seltenen Art
Kurz nach Wiederbeginn fiel dann doch das 2:2 durch Fellaini (47.). Macho hatte dabei seinen einzig schwachen Moment, als er die Flanke zum Ausgleich nicht wegschlug oder fing. Doch Österreich gelang durch ein „Nudeltor“ (O-Ton Doppeltorschütze Schiemer) nach einem Strafraumgestocher die neuerliche Führung (62.). Es folgte die Kurzschlussaktion Scharners. Sein mit Rot bestrafter Check gegen Jan Vertonghen während einer Spielunterbrechung (68.) schwächte die Österreicher vorerst jedoch nur nominell.
Die ÖFB-Elf erlaubte sich keine Fehler, konnte die wild anrennenden Belgier mit vereinten Kräften unter Kontrolle halten, hatte gar Möglichkeiten auf die Entscheidung, so übersah Arnautovic bei einem Konter den allein vor dem Tor stehenden Maierhofer. Doch Belgien schaffte das 3:3 (Ogunjimi/87.), traf durch Lukaku noch die Stange und stürmte schließlich vom Publikum aufgeputscht auch noch zum 4:3 (Lombaerts/90.). Bittere Momente für ein tapfer spielendes ÖFB-Team.
„Dann habe ich den Tormann getunnelt“
Doch „Edeljoker“ Martin Harnik schaffte noch das nicht mehr für möglich gehaltene Tor zum 4:4 (93.), und Belgiens „Rote Teufel“ gingen nach dem Schlusspfiff enttäuscht in die Knie. „Ich glaube, es war meine erste Ballberührung. Der Ball kam von Baumgartlinger, und dann habe ich den Tormann getunnelt“, so der Stuttgart-Legionär. Er war nach dem Spiel ebenso wie viele seiner Teamkollegen innerlich zerrissen über Spiel und Ergebnis. „Wir sind mit dem Punkt zufrieden, aber auch enttäuscht. Wir machen auswärts vier Tore, und es ist trotzdem nur ein Unentschieden.“

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Harnik und Maierhofer ließen nach dem Schlusspfiff den Emotionen freien Lauf.
Es herrschte keine Euphorie im ÖFB-Lager, sehr wohl aber Erleichterung und Stolz auf die Leistung. Dem Minus in der Abwehr stand der Pluspunkt in Sachen Moral gegenüber. Die Erkenntnis bei Harnik: „Es war ein sehr gutes Spiel von uns, besser als die letzten zwei zusammen. Aber wir haben noch einen langen Weg vor uns. Aber wir sind auf einem guten Weg, den sollten wir beibehalten.“
Die Cleverness fehlt noch
Die Teamspieler wissen auch, was noch fehlt: Cleverness. „Wir müssen öfter ein, zwei ruhige Pässe spielen, den Gegner einlullen. Wir wollen immer zu viel, uns fehlt noch die Abgebrühtheit“, sagte Maierhofer, der gleich nach dem Spiel per Auto nach Deutschland reiste und sich noch einmal bewusst machte, was soeben im König-Baudouin-Stadion geschehen war.
„Unglaublich. Es ist gleichzeitig eine gefühlte Niederlage und ein gefühlter Sieg. Ich hab in den letzten fünf Jahren viel erlebt. Den Meistertitel mit Rapid, mein Einsatz für Bayern, aber dieses Spiel steht damit auf einer Stufe. Platz zwei zur Winterpause hat uns doch keiner zugetraut.“
Zum Umsetzen und Üben der ehrgeizigen weiteren Pläne auf dem Weg zur EM 2012 hat das ÖFB-Team jetzt genügend Zeit und zwei Testspiele gegen Griechenland in Wien (17. November) und in Eindhoven gegen die Niederlande (9. Februar 2011). Die EM-Qualifikation geht erst am 25. März weiter - gegen Belgien.
Martin Wagner, ORF.at aus Brüssel
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