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Niederländer als „Fußball-Verbrecher“

Wenige treffsichere Stars, nahezu volle Stadien, zu Unrecht im Vorfeld gehegte Sicherheitsbedenken und ein neuer Weltmeister waren die Ingredienzien der ersten Fußball-WM auf afrikanischem Boden. Den WM-Pokal holte sich am 11. Juli Europameister Spanien mit einem dramatischen 1:0 gegen die Niederlande.

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Fußballerischer Leckerbissen war das Endspiel in Johannesburg allerdings keiner. Das lag weniger an den Siegern, sondern vielmehr an den Verlierern: Die „Oranjes“ versuchten nämlich, den Spaniern mit teilweise überharter Gangart die Schneid abzukaufen, und der englische Schiedsrichter Howard Webb verabsäumte es, das rechtzeitig zu unterbinden. Die Spanier wehrten sich auch nicht gerade zimperlich, und so wurde schließlich mit 14 Karten (13-mal Gelb und einmal Gelb-Rot) einer neuer Rekord für ein WM-Finale aufgestellt.

Dass sich schließlich die „Furja Roja“ durch ein Tor von Andres Iniesta in der 116. Minute durchsetzte, wurde wohl fast überall außerhalb der Niederlande mit Genugtuung aufgenommen. Die britische Zeitung „The Sun“ meinte etwa: „Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan. Spanien wurde zu Recht zum ersten Mal zum Weltmeister gekrönt, die Niederländer begingen dagegen Verbrechen gegen den Fußball.“

De Jong sieht für Kung-Fu-Tritt nur Gelb

Höhepunkt der „Härteorgie“ war ein Kung-Fu-Tritt von Nigel de Jong gegen die Brust von Xabi Alonso in der 28. Minute, für die der Niederländer völlig unverständlicherweise nur verwarnt wurde. Bereits zuvor wäre für ein böses Foul von Mark van Bommel an Iniesta Rot durchaus vertretbar gewesen. Von Platz musste schließlich erst in der 109. Minute John Heitinga, nachdem er Iniesta zurückgehalten hatte.

Nigel de Jong (Niederlande)  tritt Xabi Alonso (Spanien)

Reuters/David Gray

Nigel de Jong kassierte für diese Aktion nur eine Verwarnung.

Iniesta sorgt für „Gerechtigkeit“

Der Gefoulte erlöste die spanischen Fans unter den 84.490 Zuschauern in der Soccer City sowie mehr als 700 Millionen vor den TV-Schirmen schließlich. Nach Pass von Cesc Fabregas war der 26-jährige Barcelona-Spieler zur Stelle und sorgte für den, wie der britische „Mirror“ meinte, „gerechten Sieg für die Mannschaft, die die WM mit Fußballspielen gewinnen wollte“. Die „Oranjes“ blieben damit auch in ihrem dritten WM-Finale sieglos. Selbst das Blatt „De Telegraaf“ kam zu dem Schluss: „1974 waren wir die Besten, 1978 waren wir die Besseren, 2010 waren wir nicht gut genug.“

Niederländischer Torhüter Maarten Stekelenburg und Andres Iniesta (Spanien), der das entscheidende Tor im Finale der Fußball-WM 2010 trifft

APA/EPA/Peter Klaunzer

Andres Iniesta lässt den orange WM-Traum platzen.

Seinem Naturell entsprechend spuckte Iniesta auch nach seinem Goldtor keine großen Töne: „Das war unser Ziel, das wir vor langem in Angriff genommen haben. Und nun können wir es genießen.“ Ein wenig euphorischer war da schon Teamchef Vicente del Bosque: „Unser Bemühen, unser Talent ist unendlich. Das wird für immer bestehen bleiben.“ Die Presse konnte jedenfalls jubeln: „Ein Epos, das dem spanischen Sport bisher gefehlt hat“, urteilte Spaniens auflagenstärkste Tageszeitung „El Pais“ und „El Mundo“ titelte: „23 Herzen, eine Seele.“ In dem von regionalen Interessen geprägten Land wirkt der WM-Titel wie ein Bindemittel. „Das Land Spanien verdient diesen Triumph. Das geht über Sport hinaus“, sagte Del Bosque.

Die Erfolgswelle soll nach Südafrika aber nicht verebben. Der Großteil der „Seleccion“ befindet sich im besten Fußballalter und könnte auch in vier Jahren in Brasilien noch eine wichtige Rolle spielen. „Wir sind einfach der Erfolgsspur gefolgt. Wir haben nur einige Spieler in die Mannschaft geholt, um sie aufzufrischen“, sagte Del Bosque, der mit dem Erfolg die Arbeit seines Vorgängers Luis Aragones, 2008 in Wien Europameister, überstrahlte.

Casillas im Blickpunkt

Erfolgsgarant gegen die Niederländer war aus spanischer Sicht auch Torhüter Iker Casillas, der seine Elf mit einer Parade gegen Arjen Robben in die Verlängerung rettete. Der Kapitän, der zum besten Goalie des Turniers gewählt wurde, vergoss bereits vor Schlusspfiff Tränen der Freude, ehe er als erster Spanier der Geschichte den WM-Pokal stemmen durfte.

Nach der 0:1-Pleite gegen die Schweiz zum Auftakt war Casillas bereits eine Formkrise angedichtet worden, auch sein Naheverhältnis zu TV-Reporterin Sara Carbonero stand im Kreuzfeuer der Kritik. Diese küsste er beim Siegerinterview vor laufenden Kameras.

Müller holt Goldenen Schuh

Einziger Wermutstropfen aus spanischer Sicht blieb im Finale, dass David Villa der sechste WM-Treffer verwehrt blieb. Dem Barcelona-Stürmer gelang es deshalb nicht, die Torjägerwertung wie bei der EM vor zwei Jahren für sich zu entscheiden.

Den Goldenen Schuh sicherte sich nämlich sensationell Thomas Müller. Der 20-jährige Senkrechtstarter vom WM-Dritten Deutschland erzielte ebenso wie Villa, der Niederländer Wesley Sneijder und Diego Forlan - der Star des WM-Vierten Uruguay wurde als bester WM-Spieler geehrt - fünf Treffer, die größere Anzahl an Assists gab aber den Ausschlag zu Gunsten Müllers, der wenig überraschend auch zum besten Youngster der Endrunde gewählt wurde.

Vuvuzelas beflügeln Ghana

49.670 Zuschauer verfolgten im Schnitt die 64 WM-Spiele. In Summe waren knapp 3,2 Millionen Fans live an Ort und Stelle - eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Nur die USA 1994 und Deutschland 2006 verzeichneten mehr Besucher. Besonders groß war die Begeisterung bei den heimischen Fans. Die allgegenwärtige Vuvuzela sorgte zwar nicht vor den TV-Geräten, aber in den modernen Stadien für Stimmung.

Besonders beflügelt davon zeigte sich Ghana, das den ersten Semifinal-Einzug einer afrikanischen Mannschaft überhaupt nur knapp verpasste. Ansonsten blieben die Teams aus Afrika erneut unter den Erwartungen. Gastgeber Südafrika verabschiedete sich wie Nigeria, Kamerun, Algerien und die Elfenbeinküste bereits nach der Gruppenphase aus dem Turnier.

Mit nur acht Toren Weltmeister

Mit Spanien siegte letztlich ein spielstarkes Kollektiv, das auch offensiv zu gefallen wusste - auch wenn nur acht Tore in sieben Spielen für den Titelträger einen Negativrekord bedeuteten. Zumeist stand bei den Teams die Defensive im Vordergrund.

Nur 145 Tore und damit die zweitschlechteste Quote (2,27 Tore durchschnittlich) der Geschichte nach Italien 1990 (2,21) standen am Ende zu Buche. Superstars wie der Argentinier Lionel Messi, der Engländer Wayne Rooney und der Brasilianer Kaka gingen sogar leer aus. Cristiano Ronaldo war einmal erfolgreich, sein bei 7:0-Kantersieg Portugals gegen Nordkorea mit dem eigenen Rücken vorbereitetes 6:0 verdiente sich aber den Zusatz kurios.

Rudolf Srb, ORF.at

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