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„Tentakel-Orakel“ Paul lag immer richtig

Wer der beste Fußballer der WM in Südafrika war, darüber kann man geteilter Meinung sein. Für die FIFA war es der Uruguayer Diego Forlan, für die Spanier wohl einer ihrer Weltmeister, etwa Finalsiegestorschütze Andres Iniesta. Für viele Zeitungen und Fans war der eigentliche WM-Star aber ein Tier: Krake Paul.

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Der Oktopus aus dem Sea Life Aquarium in der deutschen Stadt Oberhausen hatte unter wachsendem öffentlichen Interesse nämlich alle sieben deutschen Spiele und das Finale richtig getippt und als „Tentakel-Orakel“ weltweit Schlagzeilen gemacht. Seine Prognosen waren von zahlreichen TV-Sendern live übertragen worden.

Für Pauls Tipps waren zwei Acrylglasboxen jeweils mit den Flaggen der gegeneinander spielenden Nationalmannschaften markiert und ins Becken gestellt worden. In den Behältern lag jeweils eine Miesmuschel, die als Delikatesse für Tintenfische gilt. Das Team mit dem Behälter, aus dem das Tier die Muschel fischte, galt als Sieger.

Finale als klare Angelegenheit?

Für seine Entscheidung zum Ausgang des Endspiels hatte Paul nur wenige Sekunden gebraucht. Dann hatte er sich auf den Behälter mit der spanischen Flagge gesetzt, den Deckel geöffnet und die Muschel vertilgt. Auf dem Rasen dauerte die Spannung dann wesentlich länger. Erst knapp vor Ende der Verlängerung ließ Iniesta den WM-Traum der Niederländer platzen und erfüllte damit die Prophezeiung Pauls.

Krake Paul im Aquarium

APA/dpa/Roland Weihrauch

Der WM-entscheidende Moment für alle Paul-Fans

Nicht nur Freunde

Für die Vorhersagen der deutschen Spiele hatte er sich teilweise deutlich mehr Zeit gelassen, beim Erfolg im Spiel um Platz drei etwa rund zehn Minuten. Mit dem richtig prophezeiten dritten Platz waren auch die deutschen Fans wieder etwas versöhnlicher gestimmt. Weil Paul die Niederlage Deutschlands gegen Spanien im Halbfinale vorhergesagt hatte, hatte sich zwischenzeitlich der Zorn der Anhänger gegen ihn gerichtet. Nach der 0:4-Pleite Argentiniens im Viertelfinale gegen die Deutschen war im Internet sogar dazu aufgerufen worden, Paul zu Paella zu verarbeiten oder zu grillen.

Verzweifelt über die Prophezeiungen Pauls ist David Spiegelhalter, Professor für Wahrscheinlichkeitsberechnungen an der Universität Cambridge. „Verflucht sei dieser Oktopus - er hat mich der Lächerlichkeit preisgegeben“, überschrieb der Experte einen Beitrag in der britischen „Times“. „Dieser Tintenfisch ist dabei, mein Lebenswerk zu zerstören“, klagte Spiegelhalter, einer der bekanntesten Statistiker Großbritanniens. „Es ist wirklich Zeit, in Pension zu gehen - zusammen mit meiner ganzen Wissenschaft.“

Tod verhindert „Anlernen“ des Nachfolgers

Die WM war Pauls letzter großer Auftritt, danach ging er in Pension. In der Nacht auf den 26. Oktober verstarb der Tintenfisch dann im für Oktopoden fortgeschrittenen Alter von etwa zwei Jahren und neun Monaten.

Auf Fußballtipps aus Oberhausen müssen die Fans aber wahrscheinlich auch künftig nicht verzichten. Bei Großereignissen solle ein Nachfolger des verstorbenen Tierorakels den Ausgang der Spiele tippen, erklärte das Aquarium. Eigentlich sollte ein junger Krake noch von Paul „angelernt“ werden. Dazu kam es aber nicht mehr, Paul II. muss sich die hellseherischen Fähigkeiten wohl selbst aneignen. Während der verstorbene Paul Brite war und damit aus dem Mutterland des Fußballs stammte, ist sein Nachfolger Franzose: Paul II. wurde nämlich in der Nähe von Montpellier geboren.

Rudolf Srb, ORF.at

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