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Der 4,5 Kilometer lange Mythos

Am Samstag steht der Klassiker in Wengen auf dem Programm. Für viele ist die mit fast 4,5 Kilometern längste Abfahrt im Weltcup-Zirkus allerdings fast schon ein Mythos. Wer nach dem kräfteraubenden Ritt auf dem Lauberhorn gewonnen hat, zählt zu den ganz Großen. Auch für Österreich hat es in der mittlerweile 81-jährigen Geschichte dieses legendären Rennens Triumphe und Tragödien gegeben.

Eines der traurigsten Ereignisse jährt sich dabei 2011 zum 20. Mal. Am 18. Jänner 1991 verunglückte Gernot Reinstadler in der Qualifikation für die Abfahrt tödlich. Der damals 21-Jährige kam im Ziel-S zu Sturz und zog sich dabei schwere Gefäßverletzungen zu, die er in Zusammenhang mit einer Beckenspaltung erlitten hatte. Trotz einer sechsstündigen Operation, bei der an die 40 Liter Blut transferiert wurden, konnten die Ärzte im Spital in Interlaken das Leben des ÖSV-Talentes nicht mehr retten.

Es war einer der schlimmsten Tage in der Geschichte des Lauberhorns, der dazu führte, dass das komplette 61. Rennwochenende aus Gründen der Pietät am Samstag um 6.00 Uhr nur wenige Stunden nach dem Ableben Reinstadlers abgesagt wurde. „Ich glaube, alle werden das begreifen“, sagte der damalige Pressechef Hugo Steinegger. Seit 1992 erinnert eine Gedenktafel am Zielhaus, bei deren Enthüllung die Familie Reinstadler anwesend war, an das tragische Unglück.

Hermann Maier bei der Abfahrt in Wengen mit Bergpanorama im Hintergund

APA/EPA/Keystone/Peter Klaunzer

Die Wengen-Abfahrt wartet mit einer Kulisse auf, die ihresgleichen sucht.

Schreckensbilder und Traumpanorama

Während die Schreckensbilder des Sturzes Fans, Funktionäre, Athleten und TV-Zuseher noch heute in Erinnerung sind, sorgen andere Bilder aber dafür, dass das Lauberhorn-Rennen einzigartig ist. Das Traumpanorama im Berner Oberland von Eiger, Mönch und Jungfrau ist etwa für Hermann Maier „die schönste Kulisse, die wir weltweit haben“. „Das ist ein echtes Urgestein, eine traditionelle, sensationelle Strecke“, schwärmte 2005-Sieger Michael Walchhofer von der eigentlichen Abfahrt.

Lauberhorn als österreichische Exklave

Aber nicht nur die Strecke hat Tradition, sondern auf ihr auch österreichische Erfolge. Seit dem ersten Rennen im Jahr 1930 gab es insgesamt 27 österreichische Siege, während sich die Hausherren mit 25 begnügen müssen. Diese beiden Nationen geben in Wengen auch den Ton an, obwohl mit Kristian Ghedina ein Italiener den im Jahr 1997 in 2:24,23 Minuten aufgestellten Streckenrekord hält.

In den 50er Jahren wurde das Lauberhorn zu einer österreichischen Exklave und war mit neun Erfolgen in Serie fest in heimischer Hand. Toni Sailer trug sich dabei viermal en suite in die Siegerliste ein (1955 bis 1958). Die Schweizer dominierten indes vor allem vor, während und die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Die 17 Siege von 1930 bis 1950 polieren die Bilanz der Eidgenossen ordentlich auf. Aus dieser Zeit geht auch mit dem Schweizer Karl Molitor, der sechsmal gewann, der Rekordsieger hervor.

Franz Klammer in seiner aktiven Zeit als ÖSV-Abfahrer

GEPA/Witters/Wilfried Witters

Klammer war in den 70er Jahren in der Abfahrt eine Klasse für sich.

Hattrick für „Abfahrtskaiser“ Klammer

Nach Einführung des Weltcups im Jahr 1967 wurden die Siegernationen gemischter. So konnten nach den Traditionsländern Deutschland, Frankreich und Italien auch die USA, Norwegen, Kanada und Luxemburg Erfolge feiern. Die Liebe zum Lauberhorn wurde in Österreich aber weiter von Generation zu Generation getragen. Mit insgesamt 14 Triumphen führt der ÖSV auch in der „Neuzeit“ des Skisports gefolgt von der Schweiz (acht) die Siegerliste an.

Herausragend aus ÖSV-Sicht ist dabei Franz Klammer. Österreichs „Abfahrtskaiser“ gewann 1975, 1976 und 1977. Überdies holte der heute 57-Jährige 1976 in der Kombination seinen einzigen Nicht-Abfahrtsieg. Mehr als drei Siege konnte seit 1967 kein anderer Abfahrer einfahren. Als einziger aktiver hat der US-Amerikaner Bode Miller, der 2007 und 2008 triumphierte, derzeit die Chance, den Rekord von Klammer zu egalisieren.

Maier beendet Durststrecke

Nach dem Double im Jahr 1985 durch Peter Wirnsberger und Helmut Höflehner folgte allerdings eine 13-jährige Durststrecke, die erst Maier 1998 bei seinem Debüt in Wengen beenden konnte. Am Tag darauf legte Andreas Schifferer den nächsten ÖSV-Sieg nach. „Ich habe drei Tage lang besichtigen müssen, bis ich mir alles eingeprägt habe“, erklärte der „Herminator“ die Schwierigkeiten dieser mit zahlreichen Schlüsselstellen gespickten Abfahrt.

Der Hundschopf, bei dem die Läufer durch ein Felstor ins Leere springen, die Minschkante (benannt nach einem Schweizer, der sich dort 1965 das Becken brach), das mittlerweile etwas entschärfte Ziel-S, das Brüggli-S (seit 2003 eigentlich nach dem Schweizer Bruno Kernen benannt), die Tunneldurchfahrt bei der Wasserstation, Canadian Corner (benannt nach den dort 1975 gestürzten „Crazy Canucks“ Ken Read und David Irvin) und nicht zu vergessen der Haneggschuss, wo der Italiener Stefan Thanei mit 158 km/h die schnellste gemessene Geschwindigkeit im Weltcup aufstellte, sind legendär.

Hermann Maier triumphiert nach seinem ersten und einzigen Abfahrtssieg in Wengen

APA/EPA/Keystone/Alessandro Della Valle

Maier jubelte 1998 über den einzigen Wengen-Sieg seiner großen Karriere.

Das legendäre Österreicher-Loch

Aus heimischer Sicht ist natürlich auch noch das Österreicher-Loch zu erwähnen. In der Gegenwart für die Läufer absolut kein Problem mehr, spielte sich dort 1954 aus sportlicher Sicht eine Tragödie ab. Angeführt von Vorjahressieger Andreas „Anderl“ Molterer und Wengen-Debütant Sailer („Ich war überfordert von diesem gewaltigen Tempo. Ich hatte so Angst, dass ich den Herrgott um Hilfe ersuchte“) stürzten an der gleichen Stelle gleich sieben Österreicher.

Obwohl mit Teamroutinier Christian Pravda trotzdem ein Österreicher das Rennen gewann, ging diese Sturzorgie in die Geschichte ein und ist noch heute allgegenwärtig. 2009 ätzte etwa die Schweizer Zeitung „Blick“ beim Sieg von Didier Defago über das schwächste Abschneiden des ewigen Rivalen (Georg Streitberger wurde 16.) in der Wengen-Geschichte: „Das Österreicher-Loch war in diesem Jahr 4,5 Kilometer lang.“ Auch 2010 kam kein ÖSV-Läufer unter die Top Drei (Klaus Kröll wurde Neunter).

Mehrfachsiege und Rekordvorsprung

Repräsentativ für die rot-weiß-roten Resultate auf dem Lauberhorn waren die schwachen Ergebnisse der letzten zwei Jahre allerdings keineswegs. 1982 führte etwa Hartmann „Harti“ Weirather gefolgt von Erwin Resch, Wirnsberger und Klammer einen ÖSV-Vierfachsieg an. 1969 (Karl Schranz, Heinrich Messner, Karl Cordin) und 2002 (Stefan Eberharter, Hannes Trinkl, Josef Strobl) füllten ebenfalls nur Österreicher das Siegerbild aus.

Auch der geringste Rückstand und der größte Vorsprung seit 1967 sind eng mit Österreich verbunden. 1975 gewann Klammer, nachdem er sich gegenüber dem Training um zehn Sekunden gesteigert hatte, unglaubliche 3,54 Sekunden vor dem Italiener Herbert Plank. Josef Walcher musste sich hingegen 1980 nach einer Fahrzeit von über 2:30 Minuten um hauchdünne 0,03 Sekunden dem Kanadier Read geschlagen geben. Fast auf den Tag genau vier Jahren später verunglückte der fünfache Abfahrtssieger 29-jährig bei einem Benefizrennen tödlich.

Christian Wagner, ORF.at

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