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Weltmeister in Schlussrunde düpiert

Jenson Button hat den Formel-1-Grand-Prix von Kanada nach turbulentem Rennverlauf mit sechs Safety-Car-Phasen, über zweistündiger Regenunterbrechung und insgesamt vier Stunden Dauer gewonnen und damit den nächsten Triumph von Weltmeister Sebastian Vettel in letzter Minute verhindert.

Der britische McLaren-Pilot, der trotz sechs Boxenstopps und einer Durchfahrtsstrafe den zehnten GP-Sieg seiner Karriere feierte, ging am Sonntag in Montreal erst in der 70. und letzten Runde am Deutschen vorbei, der vom Start weg bis kurz vor dem Ziel geführt hatte, dann aber unter Druck einen Fahrfehler beging. Dritter wurde Vettels australischer Red-Bull-Teamkollege Mark Webber, der den ersten Podestplatz von Michael Schumacher seit seinem Comeback verhinderte.

Sebastian Vettel

APA/EPA/Andre Pichette

Vettel sah im kanadischen Regen lange Zeit wie der sichere Sieger aus.

Nach dem im dramatischen Finish nur um Haaresbreite verpassten ersten Nordamerika-Coup zieht Vettel an der Spitze der WM-Wertung dennoch einsam seine Runden. Weil seine Rivalen Lewis Hamilton und Fernando Alonso ausfielen, vergrößerte der 23-Jährige seinen Vorsprung auf den zweiten Platz sogar minimal. Button ist nun mit 60 Punkten Rückstand Zweiter, Webber 67 Zähler zurück weiter Dritter.

Freud und Leid bei McLaren-Piloten

Hamilton war nach erneut rüpelhaftem Auftreten der große Verlierer. Nach einer von ihm verschuldeten frühen Kollision ausgerechnet mit seinem Teamkollegen Button schied der Ex-Weltmeister aus und verlor in der WM weiter an Boden. Auch Ferrari-Star Alonso musste nach einem Zusammenstoß mit Button aussteigen und ging leer aus.

Der Weltmeister von 2009 durfte hingegen jubeln: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, das war ein unglaublicher Sieg. Das waren heute extreme vier Stunden. Zuerst die Kollision mit Lewis, dann die Durchfahrtsstrafe wegen Zu-schnell-Fahrens hinter dem Safety-Car. Ich musste insgesamt acht- oder neunmal durch die Boxengasse fahren, einfach unfassbar, dass ich am Ende noch gewonnen habe.“

Siegesfeier von Jenson Button

APA/EPA/Justin Lane

Button konnte seinen Sieg nach dramatischem Rennverlauf kaum fassen.

Safety-Car im Dauereinsatz

Einmalig war aber nicht nur das Finish des 31-jährigen Button, sondern auch der gesamte Rennverlauf. Wegen Dauerregens musste der GP hinter dem Safety-Car, das an diesem Tag im Dauereinsatz stand, gestartet werden.

Als dieses nach der vierten Runde in die Streckengasse einbog, folgte gleich die erste Kollision: Hamilton fuhr mit seinem McLaren auf Webber auf. Nach einem weiteren Zusammenstoß des bisherigen WM-Zweiten, der in Runde acht bei einem Überholversuch Button berührte, musste das Safety-Car erneut ausrücken, da Hamilton mit einer gebrochenen Hinterachse auf der Strecke liegenblieb.

Unterbrechung nach 25 Runden

Vettel ließ sich in dieser Rennphase weder von solch wilden Szenen hinter ihm noch vom immer stärker werdenden Regen beirren und führte das Feld auf dem 4,361 km langen Circuit Gilles Villeneuve souverän an. In Runde 19 wurde die Intensität des Regens so stark, dass das Safety-Car zum dritten Mal auf die Strecke musste.

„Zwischen Kurve neun und 13 ist es unfahrbar“, betonte Vettel in seinem Funkspruch in Runde 22. „Es ist schon für das erste Auto gefährlich, aber die dahinter können gar nichts mehr sehen“, ergänzte der Champion nur wenig später und klagte trotz Super-Regenreifen über permanentes Aquaplaning.

In Runde 25 kam schließlich auch die Rennleitung zur Einsicht, dass der WM-Lauf mehr mit „Swimming“ als mit „Racing“ zu tun hatte, und entschloss sich zum Abbruch. Da der Regen erst eineinhalb Stunden später aufhörte, dauerte es mehr als zwei Stunden bis zum Re-Start hinter dem Safety-Car.

Neuer Safety-Car-Rekord

Wirklich freigegeben wurde das Rennen aber erst in Runde 35 - allerdings nur für drei Runden, dann musste das Safety-Car nach einer Kollision zwischen Alonso und Button erneut ausrücken. Während der Spanier ausschied, überstand der Brite auch diesen Vorfall schadlos.

Es war aber nicht der letzte Einsatz für den „Neutralisations-Mercedes“. Nach einem Unfall von Nick Heidfeld (Lotus-Renault) in Runde 56 sorgte der Kanada-GP 2011 mit insgesamt 30 Runden hinter dem Safety-Car für einen neuen Rekord in der Formel-1-Geschichte (bisher 25 Runden in Fuji 2007).

Furioses Finish von Button

Im Finish war dann Button - mittlerweile wie das gesamte Feld auf Trockenreifen unterwegs - auf halbnasser Strecke nicht mehr zu halten. Er ging zunächst an Webber, dann am zu diesem Zeitpunkt noch zweitplatzierten Schumacher vorbei und schnappte sich vor dem Ziel auch noch Vettel.

„Bei mir überwiegt natürlich die Enttäuschung. Ich hatte von Anfang bis zum letzten Teil der letzten Runde alles unter Kontrolle. Am Ende habe ich versucht zu pushen, um den Angriff von Jenson abzuwehren und einen Fehler gemacht. Da haben einen Moment meine Hinterräder blockiert, wodurch Jenson noch durchschlüpfen konnte“, meinte Vettel zur rennentscheidenden Szene.

Schumacher kratzt am Podest

Schumacher fuhr im Mercedes lange auf Podiumskurs, musste sich aber am Ende mit Rang vier begnügen. Der vor allem nach der langen Unterbrechung wie entfesselt fahrende Rekordweltmeister verpasste im bislang besten Rennen seit seinem Comeback nur knapp seinen ersten Podestplatz seit dem 1. Oktober 2006.

Grand Prix von Kanada in Montreal

Endstand nach 70 Runden (305,270 km):
1. Jenson Button GBR McLaren 4:04:39,537
2. Sebastian Vettel GER Red Bull + 2,709
3. Mark Webber AUS Red Bull 13,828
4. Michael Schumacher GER Mercedes 14,219
5. Witali Petrow RUS Lotus Renault 20,395
6. Felipe Massa BRA Ferrari 33,225
7. Kamui Kobayashi JPN Sauber 33,270
8. Jaime Alguersuari ESP Toro Rosso 35,964
9. Rubens Barrichello BRA Williams 45,117
10. Sebastien Buemi SUI Toro Rosso 47,056
11. Nico Rosberg GER Mercedes 50,454
12. Pedro de la Rosa ESP Sauber 1:03,607
13. Vitantonio Liuzzi ITA Hispania 1 Runde
14. Jerome d'Ambrosio BEL Virgin 1 Runde
15. Timo Glock GER Virgin 1 Runde
16. Jarno Trulli ITA Team Lotus 1 Runde
17. Narain Karthikeyan IND Hispania 1 Runde
18. Paul di Resta GBR Force India 3 Runden

Out: Fernando Alonso (ESP/Ferrari), Lewis Hamilton (GBR/McLaren), Nick Heidfeld (GER/Lotus Renault), Adrian Sutil (GER/Force India), Pastor Maldonado (VEN/Williams), Heikki Kovalainen (FIN/Team Lotus)

Schnellste Runde: Button (1:16,956)

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