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„Mit vollendeten Tatsachen konfrontiert“

Seit Jahren versucht die FIS, der vielen Verletzungen im Alpin-Rennsport Herr zu werden. Kurssetzung, Schneeverhältnisse und Ausrüstung wurden als Hauptproblemfaktoren ermittelt, nun kam man auf dem Materialsektor zu einem Beschluss. Die Rennskier werden ab der Saison 2012/2013 länger, schmäler und weniger stark tailliert - nicht zur Freude der Industrie, die vor allem die radikalen Änderungen im Riesentorlauf kritisiert.

Denn während die Anpassungen auf dem Abfahrts- und Super-G-Sektor relativ „mild“ verliefen und der Slalom-Ski komplett unangetastet bleibt, wird die Kerndisziplin Riesentorlauf im Weltcup-Bereich „revolutioniert“. Die Mindestlänge soll künftig 1,95 m (Herren/bisher 1,85 m) bzw. 1,88 m (Damen/bisher 1,80 m) betragen. Entscheidend ist aber, dass der Ski vor der Bindung nur noch höchstens 95 mm breit sein darf und der Radius, der die Kurvenlänge entscheidend beeinflusst, von 27 gleich auf 40 m (Damen von 23 auf 35 m) vergrößert wurde.

Fischer-Rennsportchef Siegfried Vogelreiter

GEPA/ Wolfgang Grebien

Siegfried Voglreiter kritisiert die FIS.

Fischer verärgert, Berthold erfreut

„Das ist dann wieder Skirennfahren wie zu Zeiten eines Hansi Hinterseer“, sagte Ex-Rennläufer Siegfried Voglreiter, Rennchef bei der Skifirma Fischer. Rudi Huber von Atomic sah das nicht ganz so krass. „Das sind zwar tatsächliche Werte, wie wir sie Mitte der 1990er Jahre hatten, aber auch die Athletik ist seitdem besser geworden. Viel hängt auch von der Kurssetzung ab“, so der Salzburger. „Es geht um Sicherheit und die Reduzierung der Fliehkräfte. Man musste darauf reagieren.“

ÖSV-Herren-Cheftrainer Mathias Berthold begrüßte die Reformpläne ebenfalls. „Uns wäre es viel lieber gewesen, wenn man diesen Beschluss schon früher hätte treffen können“, errinerte der Vorarlberger am Montagabend im ORF-Fernsehen an die schlimme Verletzungsserie in seinem Team während der vergangenen Saison. „Jetzt hat man, denke ich, eine gute Lösung gefunden.“

Beschlossen werden die neuen Regeln zwar erst beim Herbstkongress der FIS, die Industrie war aber aus Produktionsgründen bereits Mitte Juli bei einem Meeting in Salzburg informiert worden. „Es war aber nur ein informelles Meeting, wir wurden mit vollendeten Tatsachen konfrontiert“, kritisierte Voglreiter. Am Montag wurden alle FIS-Partner dann von den Beschlüssen informiert.

Einigkeit im Speed-Bereich

Seit 2006 gibt es das Verletzungsüberwachungssystem ISS. Die aktuelle FIS-Arbeitsgruppe wird vom Österreicher Toni Giger geleitet, auch die Uni Salzburg und eine ÖSV-Arbeitsgruppen hatten sich zuletzt intensiv an den Ursachenforschungen beteiligt. Letzten Winter waren mehrere Prototypen von ehemaligen Rennläufern getestet worden. Aber schon bei den Rennläufern war meist Schluss mit der Einigkeit gewesen. Während die einen die Beibehaltung des aktuellen Reglements forcierten, weil sie ihre Skitechnik bevorteilte, waren andere dagegen.

Zumindest die Änderungen im Speed-Bereich werden aber auch von der Industrie begrüßt. „Da muss der Speed raus. Abfahrt und Super-G sind absolut gefährlich, Stürze enden meist mit Schwerverletzten“, ist auch Voglreiter einverstanden. Die Radikalität im Riesentorlauf-Bereich versteht er aber nicht. „Erstens passiert im Riesentorlauf nicht so viel und zweitens reden wir hier ja von Spitzensport“, so der Salzburger.

„Können alle Ski wegschmeißen“

Die radikale Änderung auf dem Riesentorlauf-Sektor stellt die Industrie vor zwei Probleme. Logistische, weil die Änderungen bis hinter den FIS-Sektor greifen. „Damit können wir nach dem kommenden Weltcup-Finale in Schladming alle Ski wegschmeißen“, so Voglreiter. Sportliche, „weil das Carven damit nach 15 Jahren praktisch wieder abgeschafft wird. Das aber war die Rettung für das Skifahren, hat die Menschen vom Snowboard wieder zum Skifahren gebracht“, sagte Voglreiter.

Stephan Görgl beim Training

GEPA/Andreas Pranter

Extremcarving wie hier bei Stephan Görgl gehört bald der Vergangenheit an.

Der Rennleiter kann nicht nachvollziehen, warum man die Slalom-Ski unverändert lässt, jene im Riesentorlauf aber offenbar praktisch als „Mordwaffe“ betrachtet. Verlangt wird deshalb eine längere Übergangszeit. "Derzeit entwickeln wir doppelt. Einerseits für den kommenden Winter, parallel aber auch schon für die Saison darauf. Das Problem: „Niemand zieht die neuen Ski an. Die Rennläufer konzentrieren sich ganz auf die kommende Saison“, so Voglreiter.

Nur der Nachwuchs fährt „Formel 1“

Im Breitensport wird die Skiindustrie neben den speziellen Rennski ohnehin weiter Carver für den sportlichen Normalskifahrer entwickeln. Denn als Normalverbraucher mit den neuen Brettern zu fahren wäre laut Voglreiter so, als ob ein Radfahrer künftig den Großglockner mit einem Waffenrad statt einer hochmodernen Rennmaschine hinauffahren müsste.

Dass im Nachwuchsbereich künftig die bisherigen Damen-Slalom-Ski verwendet werden dürfen, erheitert Vogelreiter ebenfalls. „Der Nachwuchs fährt also plötzlich Formel 1, ganz oben aber wird künftig nur noch mit Formel-3-Autos gefahren.“ Auf jeden Fall hat die FIS nun endlich auch in diesem Bereich auf die vielen Verletzungen reagiert, indem man das aggressive Potenzial aus dem Ski herausgenommen hat. Eine Forderung, die u. a. auch Österreichs Topstar Benjamin Raich immer wieder erhoben hatte.

Ob man im Riesentorlauf-Bereich im Feilschen um die letztlich gültigen Maße noch Kompromisse findet, war vorerst nicht zu klären. „Die Regel mit dem Radius 40 im Riesentorlauf hat sich als wissenschaftlich fundiert ergeben“, sagte FIS-Renndirektor Günter Hujara am Montag gegenüber Ö3. Dass die Firmen nicht glücklich sind, ist dem Deutschen bewusst. „Das geht ganz weit weg vom Verkaufsski.“

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