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„Es geht darum, Pionierarbeit zu leisten“

Felix Baumgartner ist bereit für den freien Fall vom Rande des Weltraums. Mit einem Team von Raumfahrtexperten nahm der Extremsportler die Stratos-Mission nach Beendigung eines Urheberrechtstreits in den USA hinter den Kulissen in Angriff. Mit einem Sprung aus 36.000 m Höhe soll Baumgartner die Schallmauer als erster Mensch im freien Fall durchbrechen - Ausgangspunkt: Roswell in New Mexico.

Der US-Amerikaner Daniel Hogan hatte die Rechte am Stratos-Projekt beansprucht und im Jänner 2010 bei einem kalifornischen Gericht eine Multi-Millionen-Dollar-Klage eingebracht, in deren Folge Red Bull das Projekt auf Eis legte. Im Juli kam es zu einer außergerichtlichen Einigung, das Verfahren wurde eingestellt. Seither sind die Vorbereitungen wieder voll im Gange. Die Mission soll Baumgartners letztes Abenteuer vor dem Karriereende werden.

„Entscheidender Augenblick“

Mit führenden Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Raumfahrt und der Medizin feilt er derzeit an seinem Sprung aus der Stratosphäre. Die Bodentests in der Druckkammer wurden in Texas bereits erfolgreich abgeschlossen. Dabei wurden die Bedingungen in über 36.000 m Höhe simuliert und die Funktionalität des Druckanzuges überprüft. Mit einer Serie von Übungen trainierte Baumgartner außerdem wichtige Abläufe des Fluges – etwa das Handling von Ballon und Kapsel sowie das Lösen der Rettungsleine kurz vor dem Absprung.

„Der Test in der Kammer war ein entscheidender Augenblick für uns. Es ist die dichteste Annäherung an Bedingungen in Weltraumnähe, ohne die Erde zu verlassen. Wir haben somit unseren Testplan absolviert und stehen kurz vor dem Versuch“, wurde Art Thompson, Technikdirektor der Stratos-Mission und Mitentwickler des B-2-Stealth-Bombers, in einer Presseaussendung zitiert.

Der Salzburger Felix Baumgartner in einem Spezialanzug

Jay Nemeth/Red Bull Stratos Newsroom

Baumgartner in der Druckkammer

Vier Rekorde, nur ein Sprung

Der Salzburger könnte als erster Mensch im freien Fall die Schallmauer durchbrechen und dabei gleich sämtliche bestehenden Rekorde in einem Aufwasch an sich reißen. Mit einem Heliumballon und einer speziellen Druckkapsel soll Baumgartner hoch über die Erde aufsteigen, um danach im freien Fall innerhalb von 30 Sekunden auf mehr als Mach 1 zu beschleunigen. Insgesamt würde er fünf Minuten und 35 Sekunden frei fallen.

Damit würde Baumgartner nicht nur Colonel Joe Kittingers Rekorde aus dem Jahr 1960 für den höchsten Absprung, den längsten freien Fall und die höchste dabei erreichte Geschwindigkeit (31 km, vier Minuten und 36 Sekunden, 990 km/h) überbieten, sondern auch die Bestmarke von Victor Prather und Malcolm Ross für die höchste bemannte Ballonfahrt (34,7 km) übertreffen. Ermöglicht wird die Beschleunigung durch den extrem niedrigen Luftdruck in der Stratosphäre.

Roswell, logischer Ausgangspunkt

Warum gerade Roswell als Ausgangspunkt für Baumgartner gewählt wurde? Weil die Wettersituation dort, wie Red Bull mitteilte, optimal, die nötige Infrastruktur vorhanden und die Bevölkerungsdichte gering sei. Gleichsam kehrt Baumgartner an jenen Ort zurück, an dem Kittinger vor 52 Jahren zu seiner historischen „Excelsior“-Mission gestartet war. Der US-Amerikaner ist auch ein wichtiges Mitglied des Stratos-Teams.

Mit Hilfe von Kittingers Erfahrung soll die Mission gelingen. Baumgartners Team verspricht sich neben den Rekorden auch neue Erkenntnisse im Bereich Raumfahrt und Medizin. Die gewonnenen wissenschaftlichen Daten sollen dazu beitragen, den Aufenthalt im Weltraum durch neue technische Errungenschaften in Zukunft noch sicherer zu machen.

„Etwas Wertvolles hinterlassen“

„Es geht darum, Pionierarbeit zu leisten. Vielleicht tragen Raumfahrer in wenigen Jahren schon ausgereifte Anzüge und denken dabei an Baumgartner und das Stratos-Team, die ihnen das ermöglicht haben. Wir werden der Nachwelt mit Sicherheit etwas Wertvolles hinterlassen“, wurde Baumgartner in der Presseaussendung zitiert.

Jonathan Clark, der medizinische Direktor, sagte: „Wir setzen neue Maßstäbe in der Luftfahrt. Niemand hat bisher ohne den Schutz eines Fluggerätes an der Schallmauer gekratzt. Wir testen neue Ausrüstung und entwickeln Abläufe für den Aufenthalt in großen Höhen und bei sehr schneller Beschleunigung. So soll die Sicherheit für Raumfahrtprofis und potenzielle Weltraumtouristen erhöht werden.“

Gefährlich für Baumgartner

Für Baumgartner ist der Absprung jedoch gefährlich - etwa durch den abfallenden Druck, der das menschliche Blut durch Dampfblasen ab zirka 18 km über dem Boden zum Kochen bringt - bei Temperaturen von bis zu minus 56,6 Grad und niedrigem Sauerstoffgehalt. Ein Mensch kann unter diesen Bedingungen nicht überleben. Baumgartner freut sich trotzdem auf die Herausforderung. Die Stratos-Mission soll der würdige Schlussstrich unter seiner waghalsigen Karriere sein.

Der Salzburger hatte trotz des drohenden Aus der Mission weiter trainiert und davor bereits mehrere Testreihen in den USA absolviert, um sich an sein Equipment zu gewöhnen. Unter anderem machte er zu Beginn Bungee-Sprünge in Druckanzug und mit Helm aus einem in gut 60 Metern Höhe an einem Kran befestigten Korb. „Ich bin in den vergangenen Jahren aufgestanden mit Stratos und ins Bett gegangen damit. 24 Stunden am Tag. Ich habe meinem Ziel alles untergeordnet. Ich bin bereit.“

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