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Die Aufarbeitung einer Niederlage

„So bitter. Fußball kann grausam sein“, erklärte Thomas Müller nach der Niederlage der Bayern im CL-Finale gegen Chelsea. Vor allem war die Pleite im Endspiel aber aufgrund der Überlegenheit völlig unnötig. Statt einer ausschweifenden Feier in Rot und Weiß, sah man selten zuvor in der Allianz Arena derart niedergeschlagene Gesichter. Kollektive Trauer der Spieler, Chefetage und Fans war angesagt.

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Der verpasste Erfolg im „Finale dahoam“ hat neben den geplatzten Sehnsüchten, aber auch Folgen auf unterschiedlichen Ebenen. Sportlich wird es zwar ganz sicher nicht den völligen Umbruch in der Mannschaft geben, auf mehr Tiefe im Kader wird in der Transferzeit aber wohl ein Augenmerk gelegt werden. „Eine Auffrischung ist dringend nötig, damit der Trainer in der künftigen Saison zum Beispiel in der Abwehr mehr Alternativen hat und mehr Konkurrenzkampf in die Mannschaft kommt“, erklärte etwa Bayern-Ehrenpräsident Franz Beckenbauer.

Mit Basels Xherdan Shaqiri wurde bereits ein Mittelfeldspieler geholt. Von Mönchengladbach kam Innenverteidiger Dante. Im Sturm gibt es aber wohl ebenso noch Handlungsbedarf wie im Mittelfeld, wo Uli Hoeneß einen Siegertyp vermisste. „Vielleicht müssen wir uns fragen, warum es so passiert ist. Ob das die Spieler sind, die das erzwingen. Ob wir davon genug haben. Ich habe keinen Jens Jeremies gesehen, der schon beim Einlaufen den Gegner in die Wade beißt“, monierte der Präsident.

Bayern Munichs Präsident Uli Hoeneß

APA/EPA/Tobias Hase

Nach dem Finale hatte Bayern-Boss Uli Hoeneß den Tunnelblick

„Können nicht sagen, alles ist in Ordnung“

Nach drei verpassten Titeln und der zweiten Saison in Serie ohne Pokal kann gerade bei den Bayern nicht zur Tagesordnung übergegangen werden. Völlig verteufeln wollte Hoeneß das Spieljahr aber nicht. „Es ist eine gute Saison, ordentlich, aber nicht sehr gut“, so der Bayern-Boss, der allerdings auch eindeutig klarstellte, dass er nicht noch einmal mit leeren Händen dastehen möchte: „Wir können nicht sagen, alles ist in Ordnung, wenn wir dreimal Zweiter sind. Ich bin nicht derjenige, der das so hinnimmt. Einmal kann das passieren, aber zweimal, dreimal ...“

Nach einer gewissen Trauerzeit wird in den nächsten Tagen die Situation analysiert, Schnellschüsse sind allerdings nicht zu erwarten. Hoeneß wird das Team nicht umkrempeln, sondern punktuell verstärken wollen. „Als wir 2007 so einen Einkaufswahn betrieben haben mit Luca Toni und Franck Ribery und so weiter, da hatten wir vorher gar nichts gemacht. Das ist jetzt nicht das Problem. Wir dürfen uns nicht zu sehr unter Druck setzen. Es war kein katastrophales Jahr“, sagte der 60-Jährige.

Bayerns Arjen Robben und Bayern Coach Jupp Heynckes enttäuscht

AP/Matthias Schrader

Viel hatte Heynckes Robben nach dem Spiel wohl nicht zu sagen

Robbens Ego und Standing angeschlagen

Auf persönlicher Ebene war das CL-Finale hingegen für Arjen Robben sehr wohl eine Katastrophe. Mit seinem Ego stand für den selbsternannten Führungsspieler außer Frage, dass er trotz seines Fehlschusses in der Meisterschaft gegen Dortmund und nach seinem haarscharf verwandelten Penalty im Halbfinale gegen Real Madrid auch in der Verlängerung antreten würde. Sein Scheitern an Chelsea-Goalie Cech hat ihm bei den Fans sicher Sympathie gekostet. Ob sein Standing in der Mannschaft darunter gelitten hat, wird sich erst weisen.

Auf jeden Fall muss Robben beim Kompensationsspiel für seinen verletzungsbedingten Ausfall nach der WM 2010 zwischen den Bayern und dem niederländischen Nationalteam am Dienstag wieder auf dem Platz stehen. Das ist vertraglich geregelt. „Aber es steht nirgendwo, wie lange“, sagte „Oranjes“-Coach Bert van Marwijk, der Robben sicher nicht von Beginn an spielen lässt. „Er ist total fertig. Aber das ist ja auch verständlich“, sagte der „Bondscoach“.

Breitner sauer, Schweinsteiger apathisch

Im entscheidenden Elferschießen kniff Robben ebenso wie einige andere Spieler. Jupp Heynckes hatte Probleme, fünf Spieler zu nominieren. Ein Umstand, den etwa den ehemaligen Bayern-Spieler Paul Breitner auf die Palme brachte. „Ich bin tief traurig und maßlos enttäuscht, dass Spieler es zulassen, dass ein erst kurz vorher eingewechselter Ivica Olic, der überhaupt noch nicht warmgelaufen ist, einen Elfmeter schießen muss“, polterte der 60-Jährige. Auch die Entscheidung, Goalie Manuel Neuer schießen zu lassen, sei unglücklich gewesen.

Während Olic wie fünf weitere Spieler den Verein verlassen wird, hat Bastian Schweinsteiger bei den Bayern noch einige Jahre vor sich. In erster Linie muss sich der 27-Jährige aber vom Schock der Niederlage, die er mit seinem Elfer an die Stange besiegelte, erst einmal erholen. „Dieses Elferschießen und dieses Finale wird alle Spieler ihr Leben lang begleiten“, erläuterte Breitner die persönliche Ausmaße.

Schweinsteiger war nachher völlig apathisch und verweigerte sogar Bundespräsident Joachim Gauck bei der Siegerehrung den Handschlag. „Ich habe in diesen Momenten nach dieser großen Enttäuschung nichts mehr um mich herum wahrgenommen. Ich war verzweifelt, enttäuscht, wie paralysiert. Die Hand des Bundespräsidenten habe ich gar nicht erst gesehen. Dafür möchte ich mich entschuldigen“, sagte Schweinsteiger.

Bayern Münchens Bastian Schweinsteiger ziegt sich Trikot über den Kopf

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In einem Stadion mit 63.000 Zuschauern war es schwer, für sich allein zu sein

Bayern-Schock trifft DFB-Team

Der Bayern-Schock traf auch das deutsche Nationalteam beim Trainingslager in Frankreich mit voller Wucht. DFB-Teamchef Joachim Löw wird die Auswirkungen in der Vorbereitung auf die EM noch hautnah spüren, gilt es doch gleich acht Bayern-Spieler wieder aufzubauen, um das große nationale Ziel zu erreichen. „Ihre psychische Verfassung ist verständlicherweise erbärmlich, Bastian Schweinsteiger ist fix und fertig. Ich hoffe, das neue Umfeld bei der Nationalelf richtet ihn wieder auf“, sieht Beckenbauer auch die EM in Gefahr.

Teammanager Oliver Bierhoff setzt vor dem ersten Spiel am 9. Juni gegen Portugal auf den Faktor Zeit und eine andere Umgebung. „Man kann nicht erwarten, dass sie hier aufkreuzen, einen Zaubertrank trinken und alles ist wieder gut. Das ist ein Prozess. Klar ist die Enttäuschung nach so einer Niederlage riesig. Hätten sie gewonnen, wären sie voller Selbstvertrauen gekommen. Aber sie können in dieser Saison noch immer einen Titel holen. Ein Schauplatzwechsel wird ihnen guttun, wir werden sie mit offenen Armen empfangen.“

Bayern Münchens Philipp Lahm und Mario Gomez trösten Bastian Schweinsteiger

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Auf Gomez, Schweinsteiger und Lahm wartet der DFB-Psychologe

Auch Löw ist überzeugt, dass er alle Bayern-Spieler wieder aufbauen kann: „Ich kenne die Spieler. Sie werden sich wieder aufraffen. Ich sehe keinen Grund, warum sie an ihren eigenen Qualitäten zweifeln sollten.“ Auch von den Teamkollegen kam bereits Zuspruch. „Kurz vor dem Ziel zu scheitern, ist immer sehr bitter. Aber so ist das im Fußball. Jetzt muss man nach vorne schauen“, sagte Real-Legionär Mesut Özil.

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