Siegesserie gerissen
Cesc Fabregas hat Weltmeister und Titelverteidiger Spanien am Sonntag vor einem Fehlstart in die EM 2012 bewahrt. Sein Treffer zum 1:1-Ausgleich sicherte dem Topfavoriten gegen Italien in Gdansk (Danzig) zumindest einen Punkt. Für Trainer Vicente del Bosque war der Schuldige am beinahe verpatzten Auftakt schnell gefunden: Der Rasen in der EM-Arena war gar nicht nach dem Geschmack der Spanier.
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„Ein Platz, der so trocken ist, tut den Spielern und den Fans keinen Gefallen“, sagte Del Bosque nach dem Unentschieden zum Auftakt der Gruppe C. Das trockene Feld hemmte den Spielfluss der Iberer. Das berüchtigte Kurzpassspiel, in Fachkreisen als „Tiqui-taca“ ein Synonym für gepflegten Kick, konnten die Spanier auf dem Danziger Rasen nur selten aufziehen. „Wenn der Platz etwas schneller gewesen wäre, wäre es für beide Teams ein Vorteil gewesen“, sagte Del Bosque, „auch das Spiel wäre viel besser gewesen.“
„Eine Schande“
Sein Spielmacher Xavi unterstützte den Trainer in seiner Kritik. „Das war eine Schande. Es war zu trocken. Man muss einen Platz gießen, um guten Fußball zu sehen“, sagte der Mittelfeldmotor des FC Barcelona. Nur einmal, beim Treffer von Fabregas, lief der Ball bei den Spaniern wie gewünscht am Schnürchen. Ansonsten blieben die Angriffe meist am trockenen und zudem zu hohen Rasen des Stadions hängen. „Das beeinflusst die Ballkontrolle, das Passspiel und das Dribbling. Es ist schade für Spanien“, sagte Xavi.

AP/Alvaro Barrientos
Für Iniesta (Mitte) und seine Kollegen war der Rasen in Gdansk zu trocken
Schon die Spieler der Niederlande hatten nach der 0:1-Niederlage gegen Dänemark am Samstag den nicht EM-würdigen Zustand des Rasens bemängelt. Bei den Spaniern überlegte man nach dem Remis gegen Italien sogar einen offiziellen Protest gegen die Beschaffenheit der Spielfläche, die von einer Firma aus den Niederlanden verlegt wurde. Detail am Rande: In den ukrainischen Spielorten Kiew, Donezk und Lwiw (Lemberg) lieferte eine niederösterreichische Firma das Grün. Dort gab es bisher noch keine Beschwerden vonseiten der Akteure.
Zwei verschiedene Erklärungen
Polens Verbandschef, Grzegorz Lato, wies am Montag die Kritik der Spanier zurück. Die Italiener hätten einer Bewässerung des Rasens nicht zugestimmt. „Das Feld wird für viele Spiele gespritzt. Dafür bedarf es aber der Zustimmung beider Teams“, sagte Lato im polnischen Radio. „Die Spanier wollten das Spielfeld befeuchten, die Italiener haben dem nicht zugestimmt.“ Auf einem langsameren Platz lässt sich das spanische Kurzpassspiel leichter unterbinden. „Für Italien war es die bessere taktische Option“, erklärte der frühere Weltklasse-Stürmer Lato.
Eine etwas andere Version ließ am Montag die UEFA verbreiten: Es sei ihre Intention gewesen, das Spielfeld zu spritzen, um „den Ansprüchen der Spanier Genüge zu tun“. Auf Anraten des zuständigen Greenkeepers wurde die Bewässerung aber 75 Minuten vor Spielbeginn gestoppt, um keinen Schaden auf dem Spielfeld zu verursachen. „Es geht darum, die richtige Balance zwischen einem Schutz des Spielfeldes und den Anforderungen der teilnehmenden Mannschaften zu finden.“ Der Rasen in Gdansk dürfte also weniger Wasser aufnehmen können als in anderen Stadien.
Trainer verteidigt System
Für neutrale Beobachter war der Rasen jedoch nicht der Hauptschuldige am stotternden Start der Spanier. Schon die Aufstellung des Welt- und Europameisters sorgte für Verwunderung. Del Bosque schickte sein Team ohne echten Mittelstürmer gegen die defensiv ausgerichteten Italiener auf das Feld. Fernando Torres löste Fabregas erst in der 74. Minute an vorderster Front ab und wurde postwendend zum Symbol für die fehlende Durchschlagskraft der Spanier an diesem Abend. Gleich zwei Sitzer ließ der Goldtorschütze des Finales von 2008 im Finish aus.
Der spanische Teamchef verteidigte seine Aufstellung. „Wir wollten dadurch eine Überzahl im Mittelfeld schaffen, und wir wussten, dass Cesc Fabregas und David Silva die Fähigkeiten haben, zum Abschluss zu kommen. Es hat nicht schlecht funktioniert, Fabregas hat großartige Arbeit geleistet“, sagte Del Bosque, der mit seinem System Anleihen an jenem von Barcelona beim 4:0-Sieg im Finale der Club-WM über den FC Santos genommen hatte. Auch mit der Einwechslung von Torres war Del Bosque zufrieden: „Der Zeitpunkt, zu dem er eingetauscht worden ist, war ideal, weil da die Partie offen war. Leider hat es mit dem Tor nicht geklappt.“

APA/EPA/Oliver Weiken
Italiens Schlussmann Buffon blieb gegen Torres in dieser Szene Sieger
Italiener selbstbewusst
Das lag auch am italienischen Torhüter, der Torres bei einem Konter in Verteidigermanier den Ball vom Fuß nahm. Buffon war aber nur das letzte Puzzlestück einer gut eingestellten italienischen Mannschaft. Der Schachzug von Teamchef Cesare Prandelli, Mittelfeldmann Daniele de Rossi in die Verteidigung zurückzuziehen, erwies sich als goldrichtig. Auch mit der Einwechslung von Routinier Antonio di Natale für den glücklosen Mario Balotelli bewies der Trainer ein glückliches Händchen. Nach perfektem Pass von Andrea Pirlo brachte Di Natale mit seiner ersten Ballberührung die „Squadra Azzurra“ in Minute 61 in Front.
Bei den Italienern war von Nachwehen des Wettskandals keine Spur. Die „Azzurri“ lieferten dem Favoriten aus Spanien einen offenen Schlagabtausch. „Wir wollten nicht nur hinten drinnenstehen, wir haben ein gutes Spiel gemacht. Wir waren physisch und mental gut drauf“, sagte Prandelli, der mit seiner Mannschaft die Siegesserie der Spanier beendete. 14 Pflichtspiele in Folge war der Welt- und Europameister als Sieger vom Platz gegangen.
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