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Benkö: Mangelnde Lobby als Grund
Bei der WM 1998 pfiff Günter Benkö zwei Matches in der Gruppenphase, zwei Jahre später fungierte er bei der EM in drei Partien als Spielleiter, darunter auch im Semifinale zwischen Frankreich und Portugal (2:1). Von Spielen dieser Güteklasse sind österreichische Unparteiische derzeit weit entfernt. „Wir haben gute Schiedsrichter, aber in der obersten Kategorie bekommt man nur eine Chance, und wenn man die nicht nützt, ist man weg“, sagte Benkö.

APA/Robert Parigger
Benkö steht möglichen technischen Neuerungen skeptisch gegenüber
Schörgenhofer patzt bei CL-Spiel
Noch vor wenigen Monaten galt Robert Schörgenhofer als Anwärter auf eine EM-Teilnahme. Dann aber traf der Vorarlberger im Champions-League-Spiel Viktoria Pilsen - FC Barcelona im vergangenen November nicht immer die richtigen Entscheidungen, und schon war das Euro-Ticket verspielt. „Wir haben große Hoffnungen in ihn gesetzt. Er ist auch ein guter Schiedsrichter, leider war die Leistung in diesem Match nicht einwandfrei. Und man muss eben zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort die richtige Leistung bringen“, meinte Benkö.
„Brauchen eine Lobby“
Benkö, Schiedsrichterbesetzungsreferent der Bundesliga und Referee-Beobachter für die FIFA und die UEFA, kennt noch weitere Gründe für das Fehlen eines ÖFB-Unparteiischen bei der EM. „Dass unser Nationalteam in den letzten Jahren nicht sehr erfolgreich war, spielt sicher auch eine Rolle. Wir sind eben nur ein kleiner Verband. Ein Turnier ohne deutschen Schiedsrichter wäre zum Beispiel undenkbar. Österreicher brauchen auch eine Lobby, und die haben wir derzeit nicht.“
Allerdings wurden zuletzt auch Referees aus kleineren Verbänden für absolute Spitzenspiele nominiert. Der Ungar Viktor Kassai etwa pfiff 2010 das WM-Semifinale Spanien - Deutschland (1:0) und 2011 das Champions-League-Endspiel FC Barcelona - Manchester United (3:1). „Natürlich können es auch Schiedsrichter aus kleineren Ländern schaffen. Im Endeffekt ist jeder selbst dafür verantwortlich, dass er an die Weltspitze vordringt.“
Mit einer mangelhaften Aus- und Weiterbildung habe die bescheidende internationale Präsenz heimischer Spielleiter nichts zu tun, versicherte Benkö. Die diesbezügliche Kritik des nunmehrigen Ex-Schiedsrichters Harald Ruiss wollte der Burgenländer allerdings nicht kommentieren, weil er als Mitglied der ÖFB-Schiedsrichterkommission in jener Disziplinarkommission sitzt, die derzeit ein Verfahren gegen Ruiss führt.
Von Torrichtern nicht überzeugt
Auskunftsfreudiger zeigte sich der 56-Jährige im Zusammenhang mit den jüngsten Neuerungen im Schiedsrichterwesen. Von den zwei zusätzlichen Torrichtern etwa hält Benkö überhaupt nichts. „Als die zum ersten Mal aufgetaucht sind, habe ich mich gefragt, was der Schwachsinn soll. Auch jetzt bin ich nicht davon überzeugt.“
Das Problem sei unter anderem, dass man als Außenstehender nicht erkennen könne, ob eine Entscheidung vom Schiedsrichter oder vom Torrichter getroffen worden sei. „Und außerdem ist die allgemeine Fehlerquote dadurch bei weitem nicht geringer geworden“, betonte Benkö.
Auch der intensiven Kommunikation des Schiedsrichterteams via Funkverbindung kann der Ex-Referee, der seine Karriere im Dezember 2000 aus Altersgründen beendete, wenig abgewinnen. „Heutzutage wird vielleicht zu viel gesprochen, dadurch kann der Schiedsrichter verwirrt werden und die Konzentration verlieren. Das Wichtigste ist der Blickkontakt innerhalb des Schiedsrichterteams, und der ist verloren gegangen.“
Skepsis gegenüber Torlinientechnologie
Der wohl bevorstehenden Einführung der Torlinientechnologie steht Benkö ebenfalls skeptisch gegenüber. „Ich sage: Weg von der Technik, sie zerstört den Fußball. Fehlentscheidungen gehören dazu, so wie Fehler von Spielern.“ Ähnlich denkt der 56-Jährige über den Videobeweis. „Er würde die Autorität des Schiedsrichters untergraben und es würde die Attraktivität verloren gehen, wenn die Beteiligten alle fünf Minuten vor einem Monitor stehen. Noch dazu sind Entscheidungen auch mit Videobeweis oft schwierig zu treffen.“
Eine nicht unwesentliche Rolle bei der Einführung diverser Hilfsmittel dürfte Pierluigi Collina in seiner Eigenschaft als UEFA-Schiedsrichter-Boss spielen. Benkö kennt den Italiener noch aus aktiven Zeiten. „Über seine Entscheidungen vor allem in der italienischen Liga könnte man stundenlang diskutieren, aber wenn man ein gewisses Standing hat, kann man sich schon einmal einen Fehlpfiff erlauben. Er war nie ein Kumpeltyp, eher ein Sonderling, der seinen eigenen Weg gegangen ist, und er war extrem ehrgeizig.“