Englisches Elfertrauma prolongiert
Italien hat am Sonntagabend als viertes und letztes Team das EM-Halbfinale erreicht. Die „Squadra Azzurra“ setzte sich im Viertelfinale in Kiew gegen England nach 120 torlosen, aber attraktiven Minuten mit 4:2 im Elfmeterschießen durch.
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Während der Weltmeister von 2006 nach dem Viertelfinal-Aus bei der EM 2008 und der Vorrundenpleite bei der WM 2010 am Donnerstag in Warschau gegen Deutschland um den Einzug ins Finale kämpft, verlängerten die „Three Lions“ ihr Elfertrauma, haben sie doch seit 1990 von sieben Penalty-Entscheidungen bei großen Turnieren nunmehr sechs verloren und ihr erstes Semifinale seit der EM 1996 verpasst.

AP/Ivan Sekretarev
Die „Squadra Azzurra“ durfte nach der Entscheidung befreit jubeln
Englands Teamchef Roy Hodgson ließ dieselbe Elf auflaufen wie beim 1:0 im dritten Gruppenspiel gegen Gastgeber Ukraine, also mit dem in den ersten beiden Partien gesperrten Wayne Rooney als zweiter Sturmspitze neben Daniel Welbeck. Cesare Prandelli gab im Vergleich zum 2:0 gegen Irland im Angriff neben Antonio Cassano diesmal Mario Balotelli wieder den Vorzug gegenüber Antonio di Natale. In der Innenverteidigung wurde der verletzte Giorgio Chiellini durch Leonardo Bonucci ersetzt, im Mittelfeld Thiago Motta durch Riccardo Montolivo.
Viele Chancen, keine Tore
Beide Mannschaften starteten vor 64.340 Zuschauern im Olympiastadion ambitioniert und hatten rasch die große Chance zur Führung. Italiens Daniele de Rossi zog in der dritten Minute aus rund 25 Metern mit dem Außenrist ab, traf aber nur die linke Stange. Wenig später kam auf der Gegenseite Glen Johnson am Fünfer zum Schuss, der reaktionsschnelle Gianluigi Buffon konnte den Ball aber noch mit einer Hand abwehren (5.).

Reuters/Tony Gentile
Wayne Rooney sorgte per Kopf für Gefahr vor dem italienischen Tor
Die Engländer gewannen daraufhin etwas die Oberhand, die beste von einigen Gelegenheiten hatte Rooney, der nach einer Johnson-Flanke knapp über das Tor köpfelte (14.). Auch die Italiener zeigten Offensivbemühungen. Als die Abwehr der „Three Lions“ Balotelli einmal übersah, wurde dieser an der Strafraumgrenze von John Terry gerade noch am Torschuss gehindert (25.).
In der 32. Minute „roch“ es wieder auf beiden Seiten nach dem 1:0: Zunächst vergab Balotelli einen schwierigen Volley, im Gegenzug schoss Welbeck knapp über das Gehäuse von Buffon. Einen guten Weitschuss von Cassano konnte Keeper Joe Hart bändigen (38.). Die nächste „Hundertprozentige“ der nun feldüberlegenen „Squadra Azurra“ vergab erneut Balotelli aus kurzer Distanz (42.). Auch ein Konter der Engländer brachte nichts ein, mit einem 0:0 ging es in die Pause.

AP/Matthias Schrader
Mario Balotelli hatte oftmals die Führung auf dem Fuß
Hart bewahrt England vor Rückstand
Beide Teamchefs verzichteten nach Wiederbeginn zunächst auf Auswechslungen, die Italiener waren spielbestimmend und gefährlicher. Die erste gute Möglichkeit hatte De Rossi, der aber nach einer Kopfvorlage aus rechter Position das Tor verfehlte (48.). In der 52. Minute musste Hart England gleich doppelt vor einem Rückstand bewahren. Einen De-Rossi-Kracher wehrte er ebenso ab wie den Nachschuss von Balotelli, im dritten Versuch schoss Montolivo drüber. Auch eine akrobatische Flugeinlage von Balotelli brachte nichts ein (60.).
Die zunehmend in die Defensive gedrängten Engländer versuchten es nach einer Stunde mit neuen Offensivkräften, Hodgson brachte Andy Carroll und Theo Walcott für Welbeck und James Milner. Die „Three Lions“ wurden auch wirklich wieder gefährlicher, nach einer Ablage von Carroll verfehlte Ashley Young aber das Tor (65.).
Beide Tore wie vernagelt
Nun war die Partie wieder offener, allerdings sank mit der nahenden Verlängerung auch ein wenig die Risikobereitschaft beider Mannschaften. Nach einem Freistoß von Steven Gerrard verpasste Rooney in aussichtsreicher Position haarscharf einen Kopfball (77.). Nun wechselte auch Prandelli: Alessandro Diamanti ersetzte Cassano (78.), Antonio Nocerino kam für De Rossi (80.).
Diamanti bewies mit einem guten Schuss auch gleich seine Gefährlichkeit (81.). Auch Nocerino hatte noch die Chance auf die Entscheidung in der regulären Spielzeit, sein Versuch wurde aber von Johnson geblockt (89.). Den „Matchball“ für die Engländer vergab Rooney in der Nachspielzeit nach Carroll-Vorlage, als er einen Fallrückzieher aus kurzer Distanz über das Tor setzte (93.).
Falscher Toralarm in der Verlängerung
Erstmals bei der EM 2012 gab es also eine Verlängerung, die vorerst aber ziemlich ereignislos blieb. In der 102. Minute ergab sich dann eher zufällig eine Chance für die Italiener, als sich eine Flanke von Diamanti an die englische Außenstange drehte. Ansonsten versuchte sich nur Balotelli mehrmals erfolglos als Weitschütze. Auf der Gegenseite spielte Walcott bei einem Vorstoß ab, anstatt selbst zu schießen (105.).
In der 115. Minute zappelte der Ball dann endlich im Tornetz, der portugiesische Schiedsrichter Pedro Proenca versagte dem vermeintlichen Kopftreffer von Nocerino aber wegen Abseits zu Recht die Anerkennung. Somit musste ein Elfmeterschießen über den Aufstieg entscheiden.

Reuters/Michael Dalder
Die entscheidende Szene: Gianluigi Buffon pariert den Elfer von Ashley Cole
Beide Teams hatten zuletzt in solchen nicht überzeugt, die Engländer von sechs Duellen vom Elferpunkt nur eines gewonnen, die Italiener von sieben auch nur zwei. Nach einem Fehlschuss von Montolivo schien zunächst England im Vorteil, danach versagten den Briten aber wieder einmal die Nerven: Young scheiterte an der Latte, Ashley Cole an Buffon. Für die Entscheidung sorgte Diamanti.
Rudolf Srb, ORF.at
EM-Viertelfinale
Sonntag:
England - Italien 0:0 n. V. 2:4 i. E.
Kiew, Olympiastadion, 64.340 Zuschauer, SR Proenca (POR)
Elfmeterschießen:
0:1 - Balotelli verzögert kurz und trifft ins linke Eck
1:1 - Gerrard wählt erfolgreich die gleiche Ecke
1:1 - Montolivo schießt links am Tor vorbei
2:1 - Rooney trifft links halbhoch
2:2 - Pirlo verlädt Hart mit einem Heber in die Mitte
2:2 - Young donnert den Ball an die Latte
2:3 - Nocerino triftt ins linke Eck
2:3 - Cole verzögert und schießt nach rechts, Buffon hält
2:4 - Diamanti probiert es wieder links und schießt Italien ins Halbfinale
England: Hart - Johnson, Terry, Lescott, Cole - Milner (61./Walcott), Gerrard, Parker (94./Henderson), Young - Rooney - Welbeck (60./Carroll)
Italien: Buffon - Abate (90./Maggio), Barzagli, Bonucci, Balzaretti - Marchisio, Pirlo, Montolivo, De Rossi (80./Nocerino) - Balotelli, Cassano (78./Diamanti)
Gelbe Karten: Barzagli, Maggio (beide ITA)
Statistik zum Spiel:
| England |
|
Italien |
| 4 |
Torschüsse |
20 |
| 9 |
Schüsse |
35 |
| 15 |
Fouls |
11 |
| 3 |
Eckbälle |
7 |
| 1 |
Abseits |
2 |
| 36 % |
Ballbesitz |
64 % |
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