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„Sport auf höchstem Niveau“ gesucht

Den Olymp im alpinen Skisport hat Marcel Hirscher auch ohne Olympiasieg erklommen. Und als Gesamtweltcup-Sieger kommt ihm die Heim-WM 2013 in Schladming gerade gelegen. Dass er und seine ÖSV-Mitstreiter nach dem medaillenlosen Auftreten der österreichischen Olympiasportler bei den Sommerspielen in London unter besonderer Beobachtung stehen, blieb ihm ebenso wenig verborgen wie manche Missstände im heimischen Sport. Im ORF.at-Interview sprach der 23-Jährige darüber.

ORF.at: Marcel Hirscher, Sommerolympia ist vorbei, die Ski-WM steht vor der Tür - wie schreiten Ihre Vorbereitungen voran?

Marcel Hircher: Ein bisschen Zeit ist schon noch bis zur Ski-WM. Was auch gut ist, denn wir haben viel zu tun. Am Materialsektor gibt es viel Neues, taugt mir sehr, wie sich da das gesamte Atomic-Team reinhängt. Jetzt heißt es halt testen, testen, testen.

ORF.at: Was hat sich diesbezüglich im Vergleich zur vergangenen Saison, als Sie nach einer Verletzung zurückgekehrt sind, verändert? Ist alles noch besser?

Hirscher: Ich habe keine Beschwerden, körperlich bin ich in sehr guter Verfassung, ich fühle mich wohl, und mir macht das Training richtig Spaß.

ORF.at: Welchen Stellenwert hat der Gesamtweltcup in der WM-Saison für Sie persönlich?

Hirscher: Den Gesamtweltcup gewinnt der beste Skifahrer einer gesamten Saison. Damit ist diese Kristallkugel das Größte, was du als Skifahrer erreichen kannst. Die WM daheim ist mit Sicherheit der emotionelle Saisonhöhepunkt. Eine Medaille vor dem phantastischen Publikum in Schladming, wenn dort 50.000 Leute vor Begeisterung kreischen, das ist etwas Einmaliges.

Marcel Hirscher beim Skitraining in Zermatt

GEPA/Oliver Lerch

Vorbereitung auf die WM: Hirscher Anfang August beim Schneetraining in Zermatt

ORF.at: Wie denken Sie über das Abschneiden der Österreicher in London und deren öffentliche Schelte?

Hirscher: Sie haben zum Teil Sensationelles geleistet. Beate Schrott zum Beispiel mit ihrem Einzug ins Hürden-Finale. Die Relationen muss man da beachten: Leichtathletik betreiben fast alle Nationen dieser Erde, Skirennen im Vergleich dazu einige wenige. Öffentliche Kritik nützt da wenig, eher Änderungen in der Struktur. Mehr gezielte Unterstützung, mehr Schulsport. Die tägliche Turnstunde mit guten Lehrern, die selber Spaß daran haben. Das sollte in Österreich doch machbar sein.

ORF.at: Konnten Sie sich in die Situation der Sportler emotional hineinversetzen bzw. haben Sie mitgefühlt?

Hirscher: Als Sportler fühle ich da voll mit. Vor allem weil die Kritik ja oft nur einseitig ist. Wenn man weiß, dass es in Österreich kaum Becken, Hallen oder Trainingsstätten für Schwimmer, Judokas, Leichtathleten gibt, sollte man schon auch einmal dort ansetzen.

ORF.at: Mit wem fieberten Sie am meisten mit?

Hirscher: Bei den Auftritten von Usain Bolt - da bekommt man Gänsehaut beim Zusehen. Sport und Show auf allerhöchstem Niveau!

ORF.at: Auf andere Art fiel Rogan negativ auf mit seinem Intelligenz-Sager mit Verweis auf Hermann Maier. Was sagen Sie als Weltcup-Gesamtsieger dazu? Haben es weniger intelligente Sportler leichter?

Hirscher: Über diese Aussagen habe ich mich gewundert. Ich habe mich gefragt, warum er sich selbst mit solchen Aussagen so unter Druck setzt. Das war nicht besonders schlau, und wenn er so klug ist, wie er sagt, würde er nicht solche Dinge über andere Sportler sagen.

ORF.at: Nach den verpatzten Sommerspielen wird die Erwartung im Skiwinter noch größer sein. Worauf dürfen Österreichs Skifans hoffen?

Hirscher: Auf viel Schnee (lacht). Die Erwartungen an uns Skifahrer sind immer hoch, weil wir nun einmal die Nummer-eins-Nation in diesem Sport sind. Deshalb arbeiten wir alle im Sommer hart, damit wir im Winter konkurrenzfähig sind.

ORF.at: Ärgert Sie das immer wiederkehrende Argument, dass Skifahren keine Weltsportart und Gewinnen daher leichter als z. B. in vielen Sommersportarten sei?

Hirscher: Nein, denn das entspricht ja den Tatsachen. Dennoch begeistert der Wintersport ebenfalls Millionen von Menschen, und deshalb macht es mir auch Spaß, für meinen Sport weiter mit Höchstleistungen Werbung machen zu dürfen.

ORF.at: Wie man im richtigen Moment sein Potenzial abruft, haben Sie gezeigt. Worauf kommt es an?

Hirscher: Im Skisport kommt es auf viele Faktoren an. Ein Zehntelmillimeter Unterschied im Kantentuning kann über Sieg oder Niederlage entscheiden. Es ist also eine Mischung aus Selbstvertrauen, Training, Teamarbeit, Erfahrung und Glück.

ORF.at: Eine medaillenlose Heim-WM würde den österreichischen Sportfans den Rest geben.

Hirscher: Denkbar ist im Sport alles - aber ich glaube nicht daran. Wir sind viele gute Fahrer im Team, und einige haben die Chance, Medaillen zu machen. Aber erst im Februar werden wir es wissen, wer auf dem Podest steht.

Das Gespräch führte Michael Fruhmann, ORF.at

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