Themenüberblick

Premierensaison startet im September

Castingshows gibt es zu allen möglichen Themen, im Fußball sind sie eher selten. Vor zwei Jahren stattete ein heimischer Privatsender den TV-Auslesegewinner mit einem Profivertrag beim damaligen Bundesligisten Kapfenberg aus. In Afghanistan versuchte man nun, eine ganze Profiliga per Casting auf die Beine zu stellen - und damit den Frieden nach Abzug der NATO- und US-Truppen zu sichern.

Wie erfolgreich der Afghanische Fußballverband (AFF) gemeinsam mit einer Mediengruppe, der mehrere Fernseh- und Radiosender gehören, dabei war, wird man ab 14. September sehen. Dann startet die neu gegründete Afghan Premier League (APL) mit acht Teams in ihre erste Saison. Jede Mannschaft besteht aus 18 Spielern, darunter afghanische Nationalspieler sowie junge Talente, die über die Castingshow „Maidan e Sabz“ (etwa: Grünes Feld) gefunden wurden.

„Um für Frieden und Stabilität im Land zu sorgen, darf man sich nicht nur um die Ausbildung von Soldaten kümmern“, sagte AFF-Präsident Keramuddin Karim. Sport sei die größte Basis, um Frieden zu sichern, denn er vermittle Werte wie „Einheit, Eintracht und Ehre“. Außerdem könne Fußball Drogenmissbrauch, Rassismus und anderen Unsicherheitsfaktoren in Afghanistan vorbeugen.

Ansturm war enorm

„Es ging darum, Menschen aus allen Altersgruppen, gesellschaftlichen Schichten, Regionen und Volksstämmen dafür zu gewinnen“, erklärte Muchtar Laschkari, Moderator und Produzent der Castingshow. Wochenlang zogen die Verantwortlichen durchs Land, um mit der Fernsehsendung die besten Kicker am Hindukusch zu suchen. Der Ansturm war enorm, Tausende hatten sich gemeldet. Nach einer Vorauswahl mussten jeweils 30 junge Männer pro Sendung vor den Kameras in verschiedenen Prüfungen ihr Talent unter Beweis stellen.

Eine Jury, bestehend aus ehemaligen afghanischen Teamspielern und Trainern, wählte dann 15 Kicker fix in die Mannschaft. Die letzten Plätze vergab das Studio- und TV-Publikum, das jeweils drei der Auserwählten selbst per SMS bestimmen konnte. Am Ende von acht Shows stand für jedes der acht regionalen Teams ein 18-Mann-Kader zur Verfügung, der nun zwei Wochen Zeit hat, für die erste APL-Saison zu trainieren.

„Ich will mein Bestes geben“

„Ich spiele jetzt schon seit fast zwölf Jahren. Ich will mein Bestes geben und mit Gottes Gnade ein guter Fußballer werden“, sagte etwa der 21-jährige Ahmed Fahim Dschalali, der in Dschalalabad bei der Castingshow antrat. „Der afghanische Fußball hat in seiner Historie nichts, auf das wir wirklich stolz sein könnten“, so Produzent Laschkari. Zwar liebten viele Afghanen diesen Sport. „Aber eine Fußballkultur haben wir nicht.“ Das soll sich nun ändern - und mit dem Fußball soll obendrein der Frieden in dem vom Krieg geschundenen Land gesichert werden.

Der Start der APL soll der Angst begegnen, dass sich die afghanische Armee nach dem Abzug der NATO- und US-Truppen in ethnische und konfessionsgebundene Einheiten aufsplitten und damit das Land wieder im Chaos versinken könnte. Die Hoffnung der neuen Liga liegt in den acht Mannschaften. Diese repräsentieren in ihrer Zusammenstellung verschiedene Regionen, die in der Vergangenheit im Clinch miteinander lagen.

Verfeindete Stämme sollen kicken statt kämpfen

Nun sollen sie nach dem Abzug der NATO- und US-Truppen auf dem Spielfeld gegeneinander antreten, anstatt sich auf dem Schlachtfeld zu begegnen. Der friedvolle Wettkampf soll die einst verfeindeten Volksstämme verbinden, auch wenn einige der Teams die Namen von lokalen Raubvögeln tragen: So gibt es etwa die „Adler“ vom Hindukusch in Zentralafghanistan, die „Habichte“ aus Südafghanistan und die „Falken“ von Kabul.

Organisiert wird die neue Liga vom nationalen Verband, offizieller Hauptsponsor ist Afghanistans größter Mobilfunkkonzern Roshan. Mit an Bord ist auch die Moby Group, das größte Medienunternehmen Afghanistans. Letzterer gehört auch der Sender Tolo TV, auf dem die Castingshows liefen. Tolo TV überträgt auch alle Spiele der APL-Premierensaison im September und Oktober live. Nach einer Gruppenphase finden in Kabul Semifinale und Endspiel statt.

Bei Erfolg gibt es weitere Saisonen

Bei einem Erfolg der Premierensaison werde die Meisterschaft 2013 (wenn die NATO- und US-Truppen die letzten Provinzen und Abschnitte in eine führende afghanische Verantwortung übergeben) und 2014 (wenn Afghanistan die volle Verantwortung für die Sicherheit übernehmen und die meisten US-Truppen abgereist sein sollen) wiederholt.

Ob die afghanische Fußballmeisterschaft dazu beitragen kann, den Frieden zu sichern, ist ungewiss. Über den Sport Völkerverständnis und eine gemeinsame Identität zu transportieren ist in Afghanistan aber einen Versuch wert - das sehen auch der Fußball-Weltverband (FIFA) und der Asiatische Fußballverband (AFC) so. Die Afghan Premier League erhält von beiden Verbänden vollste Unterstützung.

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