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Chance nur „auf oberstem Level“

Rund zehn Monate nach seinem Amtsantritt als Teamchef steht Marcel Koller vor seinem ersten Bewerbsspiel mit der österreichischen Nationalmannschaft - und das gleich gegen Deutschland. Das Duell mit dem großen Favoriten in der WM-Qualifikationsgruppe C wird das ganze Land am nächsten Dienstag (20.30 Uhr, live in ORF eins) in seinen Bann ziehen.

Das bisher letzte Heimspiel gegen das DFB-Team hatte im Juni 2011 in der EM-Quali mit einer unglücklichen 1:2-Niederlage der Österreicher unter dem damaligen Chefcoach Dietmar Constantini geendet. „Dieses Spiel habe ich mir angeschaut, noch bevor ich dem ÖFB zugesagt habe“, berichtete Koller im Gespräch mit der APA auch von seinen damaligen Eindrücken. „Da habe ich das eine oder andere gesehen, das man anpacken muss.“

Teamchef Marcel Koller

GEPA/Christian Ort

Für Koller wird es am Dienstag vor 48.000 Zuschauern gegen Deutschland ernst

Das Match wurde von Koller aber nicht in die Überlegungen für den 11. September einbezogen. „Dafür liegt es schon zu lange zurück. Außerdem sind wir dabei, den Spielern unsere eigene Philosophie mitzugeben“, sagte der 51-Jährige. Schlussendlich habe man damals ja auch verloren. „Für die Umgebung ist eine knappe Niederlage gegen Deutschland vielleicht angenehm. Aber ich als Trainer hasse es, zu verlieren - egal ob es eine knappe oder hohe Niederlage war“, so Koller.

„Idee weiterverfolgen“

Ob eine neuerliche Qualipartie gegen Deutschland im Juni nach Saisonende nicht besser gewesen wäre als im September? „Dass bei den Terminverhandlungen nicht alles nach unseren Wünschen laufen kann, war klar. Die österreichische Liga hat ein paar Spiele hinter sich, unsere Deutschland-Legionäre sind genauso weit wie die deutschen Spieler“, analysierte der ÖFB-Trainer. „Deswegen hat der Termin keinen Einfluss. Für uns ist es wichtig, unsere Idee weiterzuverfolgen.“

Die Bedeutung des Deutschland-Spiels für den weiteren Qualifikationsverlauf wollte Koller nicht überbewerten. „Es fokussiert sich jetzt alles auf Deutschland, aber wir haben danach auch noch einige Spiele. Wenn wir verlieren, muss man nicht alles hinterfragen. Und wenn wir gewinnen, haben wir auch nur drei Punkte.“ Spielen müsse man für eine Sensation ohnehin auf dem obersten Level - was Konzentration, Aggressivität und Laufbereitschaft betrifft. „Und wir müssen die wenigen Chancen nützen, die wir bekommen werden“, betonte der Eidgenosse.

Kein Problem mit österreichischer Mentalität

Dass die Euphorie in Österreich bei einem Sieg genauso groß wäre wie der Frust im Falle einer Niederlage, ist Koller klar. „Das ist hier in Österreich schon ein bisschen extrem. Aber ich akzeptiere das, die Mentalität eines ganzen Landes kann ich ja nicht verändern“, blickt er den Tatsachen gelassen ins Auge. „Für uns im Trainerteam wird es wichtig sein, die richtigen Schlüsse zu ziehen und nicht zu jammern oder himmelhochjauchzend zu sein.“

Für die im österreichischen Team oft öffentlich ausgetragenen Konflikte sieht Koller die Mentalität allerdings nicht als Grund an. „Das passiert auch bei anderen Nationen. Solche Dinge kann man aber als Trainer nicht gutheißen“, bezog er noch einmal Stellung zur Causa Paul Scharner. „Da muss man dann Entscheidungen treffen. Fußball ist ein Mannschaftssport. Und wenn einer nur auf sich schaut und gewisse Dinge fordert, die man ihm nicht zugestehen kann, dann muss man als Trainer sagen: ‚Bis hier und nicht weiter.‘“

Legionäre müssen noch zulegen

Dass sich Scharner medial als Opfer darstellt, irritiert Koller eher am Rande. „Ich habe den Brief von ihm. Wenn es noch bunter wird, könnte ich diesen immer noch herzeigen“, meinte der Teamchef. „Aber ich habe keine Probleme mit ihm. Ich habe ihn vor die Entscheidung gestellt, und er hat sich dafür entschieden, dass sich die Wege trennen. Das Thema ist für mich erledigt.“ Mit oder ohne Scharner wäre man in der Entwicklung der Mannschaft jedenfalls erst eine Stufe weiter, wenn alle oder fast alle Legionäre bei ihren Clubs Topspieler sind.

„So weit ist es noch nicht“, stellte Koller klar. "Und wenn drei Legionäre fehlen, muss ich schon schauen, wie wir sie ersetzen können. In der Breite sind wir noch lange nicht so abgedeckt, dass wir Ausfälle verkraften können. Die WM zu erreichen, wird extrem schwierig, da muss alles passen. Wir müssen auf dem obersten Level spielen und können uns nicht viele Fehler erlauben - und das über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren.

Wenn schon denn schon

Als eine Art Generalprobe für die Quali zur EM 2016, an der erstmals 24 Teams teilnehmen dürfen, will Koller die anstehende WM-Qualifikation keinesfalls betrachten. „Ich habe keine Lust zu sagen, ich gehe in eine Qualifikation und bereite mich schon auf die nächste vor“, betonte der ehrgeizige Coach. „Außerdem habe ich nur bis 2013 einen Vertrag. Wenn ich an einem Bewerb teilnehme, will ich alles versuchen, um das Unmögliche möglich zu machen.“

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