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Medizinische Aspekte der Stratos-Mission

Felix Baumgartner könnte als erster Mensch die Schallmauer durchbrechen und damit Geschichte schreiben. Von einem Heliumballon wird der 43-Jährige aus einer Höhe von knapp 36.600 Metern über der Wüste von New Mexiko abspringen. Jonathan Clark, der medizinische Leiter der Mission, zeigt die lauernden Gefahren auf und erklärt, wie Baumgartners sichere Rückkehr gewährleistet werden soll.

Laut Clark habe das Stratos-Team jeden erdenklichen Effekt in kritischen Phasen untersucht, insbesondere die Momente, in denen Baumgartners Körper die Schallmauer durchbrechen und wegen der zunehmend dichteren Atmosphäre auch wieder rasch abbremsen wird.

In 30 Sekunden auf über 1.100 km/h

Gemäß den Berechnungen des Teams wird Baumgartner in nur 30 Sekunden von null auf fast 1.125 km/h beschleunigen. Die Vielzahl an Herausforderungen und Gefahren verdeutlicht auch, warum der derzeitige Rekord für den höchsten freien Fall (31.333 m) des US-Colonels Joe Kittinger seit 52 Jahren ungebrochen blieb.

Clark sprach von physiologisch kritischen Momenten während des Aufstiegs und während des freien Falles. Damit die Kapsel und der 55 Stockwerke hohe Ballon sicher aufsteigen können, dürfe der Wind beim Start nicht stärker als drei bis sechs km/h sein. Während der ersten 300 Meter könne Baumgartner auch keinen Notausstieg machen, weil sich der Rettungsfallschirm noch nicht öffnen würde. Die Daten der Mission werden dokumentiert und ausgewertet. „Wir werden Felix sicher zurückbringen und die Welt daran teilhaben lassen, was wir über die Ausrüstung, die Abläufe und die physiologischen Reaktionen gelernt haben“, sagte Clark.

Felix Baumgartner in der Absprungkapsel

Red Bull Content Pool/Joerg Mitter

Im März absolvierte Baumgartner den ersten Testsprung

Erkenntnisse aus dem Testsprung

Schon bei den Testsprüngen aus 21 bzw. 29 Kilometern flog Baumgartner bei extremen äußeren Bedingungen durch einen Teil der Stratosphäre. "In einer Höhe von über 36.500 m wird Baumgartner eine fast weltraumgleiche Umgebung erleben, mit einem Vakuum und extremer Kälte. Bei seinem letzten Sprung haben wir minus 68 Grad Celsius erreicht.

Bei diesem niedrigen Druck muss Felix einen Druckanzug tragen, um zu überleben. Der Anzug schützt ihn außerdem vor der Kälte", erklärte Clark, der selbst Fallschirmspringer bei einer US-Spezialeinheit und später auch Mitglied jenes Teams war, das den Unfall des Columbia Space Shuttle untersuchte.

„Baumgartners Hände wurden während des freien Falls kalt“, erläuterte Clark den Testsprung. „Man stelle sich einmal den Windchill bei über 1.100 km/h und minus 68 Grad vor. Sein Anzug steht unter einem Druck von 0,24 Bar, was dem Druck in einer Höhe von rund 10.700 Metern entspricht. Alle physiologischen Veränderungen, die Felix während des Sprunges widerfahren, sind aber vorübergehend und lösen sich auf, sobald er auf der Erde landet.“ Das Stratos-Team arbeite gerade an einer Lösung, wie Baumgartner seine Hände während des gesamten Abstieges bewegen könnte.

Was Baumgartner passieren könnte

Auf dem Weg nach oben wird Baumgartner bei rund 19.200 m auch die Armstrong-Linie überqueren. Das ist jener Punkt, ab dem der Luftdruck so gering wird, dass Körperflüssigkeiten ohne den Schutz eines Anzuges oder einer Kapsel verdampfen bzw. bei normaler Körpertemperatur kochen würden. Clark dazu: „Zur Veranschaulichung stelle man sich vor, wie Soda in der Flasche aussieht, bis man sie öffnet und den Druck ablässt. Dann kommen Blasen hervor und strömen zur Spitze. Im Grunde ist es genau das, was im Blut und Gewebe von Baumgartner passieren würde, würden seine lebenserhaltenden Systeme versagen. Das kann dann sehr schnell tödlich enden.“

Felix Baumgartner im Sprunganzug

Red Bull Content Pool/Joerg Mitter

Baumgartner: „Pionier zu sein erfordert Risiko“

Für den Weg nach unten haben die Wissenschaftler alle möglichen Maßnahmen getroffen, damit Baumgartner nicht ins Trudeln (Flat Spin) gerät. „Flat Spin ist eine echte Bedrohung. Die primären Bedenken gelten dabei den Augen, dem Gehirn und dem kardiovaskulären System“, so Clark.

„Wenn der obere Teil des Körpers das Zentrum der Rotation ist, rauscht das Blut schnell zu den Füßen, was eine Ohnmacht zur Folge haben kann. Wenn die Rotation im unteren Teil des Körpers angesiedelt ist, fließt das Blut ganz schnell Richtung Kopf, was einen Zustand zur Folge haben kann, der Red Out genannt wird. Die Auswirkungen reichen von großem Druck im Kopf bis hin zur Augenblutung und Gehirnblutung. Je länger das Trudeln dauert, desto gefährlicher wird es.“

„Pionier zu sein, erfordert Risiko“

Während der Testsprünge konnte Baumgartner seine Stabilität kontrollieren, indem er auf seine Skydiving-Fähigkeiten zurückgriff. Als Schutzmaßnahme hatte er ein speziell entwickeltes Fallschirmsystem mit einem Messgerät, das den Bremsfallschirm automatisch auslöst, sobald er länger als sechs aufeinanderfolgende Sekunden 3,5 G erreicht.

Er könnte den Bremsschirm auch manuell auslösen, indem er einen Knopf an seinem Handschuh drückt. Der Risiken ist sich Baumgartner bewusst. „Im freien Fall die Schallmauer zu durchbrechen ist eine Pionierleistung - Pionier zu sein, erfordert Risiko. Ich muss mich nicht in Gefahr bringen, um glücklich zu sein, aber ich brauche die Herausforderung“, sagte der Salzburger.

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