„Jeder Morgen eine Herausforderung“
Mit seinem umjubelten Etappenerfolg bei der Tour de France hat Georg Totschnig vor acht Jahren für Furore gesorgt und es damit sogar zu Österreichs Sportler des Jahres gebracht. Die Erinnerung daran ist noch allgegenwärtig, jene an die großen Qualen dagegen verblasste mit der Zeit. Mit ORF.at spricht er vor der 100. Auflage über die Tour und seine Erfahrungen.
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ORF.at: Die Tour de France feiert ihre 100. Auflage. Was macht denn den Mythos dieser Rundfahrt aus?
Georg Totschnig: Die Tour ist im Radsport einfach das größte Ereignis, das man als Profi erreichen kann. Überhaupt dabei sein ist für viele wie ein Sieg und das größte Ziel. Das allein macht sie schon zum Mythos. Die Begeisterung der Zuschauer für den Sport an der Strecke trägt den anderen Teil dazu bei.
ORF.at: Gab es einen besonderen Moment abseits Ihres Etappensieges, an den Sie sich immer noch gerne erinnern?
Totschnig: Nein, eigentlich nichts Spezielles. Es war eine ganzheitliche Erfahrung. Eigentlich gab es neben vielen schönen Erinnerungen noch mehr schlechte und harte, weil es nicht immer gut für mich gelaufen ist. Aber je länger ich vom aktiven Sport weg bin, umso schöner werden diese Erinnerungen - die bei der Tour gelittenen Qualen verblassen.

GEPA/Philipp Schalber
Totschnigs Erinnerungen an die Frankreich-Rundfahrt
ORF.at: Wie würden Sie die Leiden bei der Tour beschreiben?
Totschnig: Für mich war die erste Tour die mit Abstand schwerste, weil ich nicht wusste, was auf mich zukommt. Drei Wochen lang Berge, Flachetappen, Hitze. Ob man will oder nicht. Hinzu kommen die besten Rennfahrer, die das Rennen erst schnell machen. Auf die Weise können zwei Wochen extrem lang werden, wenn man schon nach der ersten Woche kaputt ist. Da willst du in der Früh nicht unbedingt was über die anstehende Etappe hören. Doch es muss weitergehen. Etappe für Etappe. Ich orientierte mich nur mehr von Tag zu Tag, schaute nicht voraus. Sonst hätte ich die Motivation komplett verloren. Jeder Morgen war eine neue Herausforderung. Doch nach dem Frühstück bzw. sobald man auf dem Rad sitzt, geht’s einem meistens wieder besser.
ORF.at: Sind Rundfahrer aus besonderem Holz geschnitzt und können sich mehr quälen?
Totschnig: Glaube ich nicht. So wie es reine Bergfahrer und Sprinter gibt, gibt es andere Typen, die auf dieser Ebene talentierter sind. Bei mir war es ganz klassisch. Bei einem Eintagesrennen konnte ich nie meine volle Leistung abrufen. Aber nach ein paar Tagen einer großen Rundfahrt, wenn andere müde werden und nicht mehr gut drauf sind, ist der Rundfahrer in seinem Element. Er wird zwar auch nicht mehr besser, aber er ist weniger schwach als die Gegner und kann sich in Extremsituationen besser überwinden. Ich konnte nach zwei Wochen noch 95 Prozent abrufen, klassische Eintagesfahrer vielleicht nur noch 70 Prozent ihrer Leistung.
ORF.at: Dafür wurden Sie 2005 mit dem Etappensieg belohnt. Denken Sie noch daran?
Totschnig: Ja klar, hätte ich als 20-Jähriger eine Etappe gewonnen, hätte das mein Leben vielleicht weniger beeinflusst. So aber hatte ich davor schon viele Höhen und Tiefen erleben müssen und konnte den sportlichen Erfolg später anders einschätzen. Jeder will in seiner Karriere was Großes erreichen. Umso schöner ist es dann, wenn man sich an so einen Erfolg zurückerinnern darf.
ORF.at: Wird die Show auch bei der Tour de France langsam wichtiger als der Sport selbst?
Totschnig: Die Vermarktung ist doch in einem guten Rahmen und die Show eher im Hintergrund, wenn ich es mit anderen Sportarten vergleiche. Klar gibt es einige Dinge im Umfeld, die den Radprofis weniger taugen, aber in einem internationalen Sport gehört das dazu. Die Sponsoren machen die Tour ja für die Fahrer erst möglich. Für die Sponsoren muss auch Show geliefert werden. Verbesserungswürdig wären vielmehr die Transfers nach harten Etappen. Wenn die Fahrer Stunden danach noch nicht im Hotel sind. Das ist nicht zeitgemäß.
ORF.at: Was unterscheidet die Tour von Giro und Vuelta? Beide sind weit weniger populär und medial wirksam.
Totschnig: Eben diese Show, obwohl es negativ klingt. So wurde die Tour zu einem internationalen Megaevent. Die Organisatoren haben es verstanden, ihre Rundfahrt zu einer Marke zu machen. Dazu gehört mehr, als bei Start und Ziel einen Banner aufzustellen. Wenn Medien und Zuschauer darauf anspringen, kommen die Sponsoren, die besten Teams und die besten Fahrer - dann ist es eine stimmige Sache. Giro und Vuelta dagegen sind organisatorisch irgendwann stehen geblieben und verlieren immer mehr an Boden.
ORF.at: Die Erfolgsgeschichte der Tour ist aber offenbar auch eine Geschichte des Dopings, was sagen Sie dazu?
Totschnig: Die Sportler haben zum negativen Image des Radsports gewiss ihren Teil beigetragen, den anderen Teil Medien, die schreiben, was sie schreiben wollen. Aber der Radsport ist doch viel mehr als Doping. Es gibt so viel mehr, was ihn interessant und spannend macht. Wer sich allgemein mit diesem Sport befasst, den interessiert nicht das Thema Doping, sondern die Faszination des Sports an sich und die übermenschliche Härte der Profis zu sich selbst, die leidenschaftliche Fans begeistert. Radsport auf Doping zu reduzieren, finde ich nicht passend.
ORF.at: Einige Ihrer früheren Weggefährten wie Lance Armstrong oder Jan Ullrich gingen, wie sich herausstellen sollte, mit schlechtem Beispiel voran.
Totschnig: Zurückschauen war für mich schon als Sportler kein Thema und ist es auch jetzt nicht. Es bringt niemandem was, wenn Sachen angeprangert oder diskutiert werden, die vor Jahren passiert sind. Dem Sport jedenfalls hilft das null weiter. Wichtiger wäre, den Radsport für die Zukunft besser aufzustellen, Wieder eine Linie reinzubringen und nach vorne zu schauen. Der Vergangenheit ist nicht mehr zu helfen, der Zukunft schon.
ORF.at: Glauben Sie an eine neue, saubere Ära im Radsport?
Totschnig: Glauben heißt nicht wissen. Genau genommen interessiert es mich nicht. Wenn ich Tour de France schaue, will ich die Radfahrer sehen und das, was sie machen, und nicht über Doping diskutieren. Daran beteilige ich mich nicht. Dafür sind die Verbände, die UCI und die Teams da. Sie müssen Regeln schaffen und achten, dass sich ihre Leute auch daran halten. Ich als Konsument will ohne Fragezeichen, ohne Wenn und Aber zuschauen. Dafür sorgen müssen die dafür Verantwortlichen.
ORF.at: Wer wird die 100. Tour de France gewinnen?
Totschnig: Froome und Contador sind sicher die ganz großen Favoriten. Wobei ich Contador sogar größere Chancen einräume, weil er größere Erfahrung mit der Kapitänsrolle hat. Contador hat außerdem erfahrene sportliche Leiter - Taktik kann eine dreiwöchige Rundfahrt entscheiden. Für Froome könnten die drei Wochen erstmals als Kapitän mühsam werden. Jedenfalls wird sich diese Tour auf dieses Duell konzentrieren, es wird spannend.
Das Gespräch führte Michael Fruhmann, ORF.at
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