Themenüberblick

„Da gibt’s keine Ausreden“

Die Geschichte beweist, dass sich die ÖSV-Abfahrer beim Klassiker in Gröden schon einmal besser zurechtgefunden haben. Michael Walchhofer konnte 2007 und 2008 auf der Saslong gewinnen. Mario Scheiber und Romed Baumann holten in den Jahren 2009 und 2010 jeweils zweite Plätze. Seit damals ist die Piste mit der berühmten Ciaslat aber nicht unbedingt die Spielwiese für Österreicher.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

2012 lief das ÖSV-Team - allerdings bei einer Wetterlotterie auf verkürzter Strecke - in ein Debakel, in dem Joachim Puchner als Bester 13. gewesen war. Auch in diesem Jahr fühlten sich die rot-weiß-roten Speed-Herren auf der Saslong alles anders als wohl und fuhren neuerlich ein bescheidenes Resultat ein. Max Franz kam unmittelbar vor Georg Streitberger auf Rang elf, womit sich im ÖSV-Lager wohl langsam so etwas wie ein Gröden-Komplex breitmacht.

Ein verärgerter Georg Streitberger

Mario Kneisl

Streitbergers Gesichtsausdruck verriet alles über seine Fahrt

„Wenn wir ehrlich sind, dann haben wir einfach zu wenig Gefühl für Gröden. Da gibt’s keine Ausreden, wir fahren hier wahrscheinlich zu hart“, fand Streitberger für die ÖSV-Schwäche auf der Piste klare Worte und nannte Walchhofer als weiterhin letzten Österreicher, der den Anforderungen auf der welligen und mit Sprüngen übersäten Saslong gewachsen war. „Wir gewinnen dort schon seit fünf Jahren nichts. Und das Bedenkliche daran ist, dass wir noch immer nicht draufgekommen sind, warum das so ist“, sagte ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel.

„Interessant und rätselhaft“

Die Meinung der Athleten, deren durchwachsenes Abschneiden sich schon in den Trainings angedeutet hatte, deckte sich mit jener von Schröcksnadel. Die kollektive Schwäche in Gröden sei laut Klaus Kröll, der nicht über Platz 20 hinauskam, „interessant und rätselhaft“, aber keinesfalls besorgniserregend. „Das war eine Woche zum Abhaken hier. Aber wir dürfen uns nicht nervös machen lassen. Wir sind gut drauf“, meinte Kröll.

Hannes Reichelt ist sich ebenfalls sicher, dass die ÖSV-Schwäche ausschließlich auf die Charakteristik der Saslong zurückzuführen ist. „Es liegt definitiv an der Strecke. Ich habe mir hier keine Wunderdinge erwartet, für mich gibt es andere Abfahrten“, sagte der Salzburger. Für Schröcksnadel waren die Defizite aber recht klar: „Alle miteinander haben in der Ciaslat-Wiese die falsche Linie gewählt.“

Guay zeigt, wie es geht

Wie man dort zu fahren hat, demonstrierte Sieger Erik Guay. Der 32-jährige Kanadier bewältigte den Kurs geschmeidig wie eine Katze und gewann dank einer beeindruckenden Fahrt auf der technisch anspruchsvollen Ciaslat-Wiese zum ersten Mal in seiner Karriere in Gröden. Entsprechend begeistert ist Guay im Gegensatz zu den Österreichern von der Strecke. „Ich glaube, dass jeder Rennfahrer diesen Kurs hier liebt. Gröden ist Spaßskifahren. Viele Sprünge, viele Wellen, tolles Gelände“, schwärmte Guay.

Das Erfolgsrezept des Abfahrtsweltmeisters von 2011 kennen die Österreicher, alleine in der Umsetzung haperte es. „Er drückt die zahlreichen Wellen hier so gut wie kein anderer. Bei jeder Welle ist er zehn Meter kürzer in der Luft als alle anderen. Und das summiert sich halt“, sagte Streitberger. Und auch Franz staunte beim Zuschauen: „Hier darfst du nicht durch die Kurven fahren, hier musst du durch die Kurven gleiten. Und das macht Guay wie kein anderer.“

Sprung von Eric Guay

AP/Marco Trovati

In perfekter Haltung meisterte Guay die zahlreichen Wellen auf der Saslong

Guay wusste natürlich auch, wo und wie er seinen vierten Sieg im Weltcup fixiert hat: „Mit meiner Sprungposition hole ich viel Zeit heraus. Nach den Trainings wusste ich, dass ich das Potenzial für den Sieg habe. Vor meinem Start habe ich die Fahrt von Kjetil (Jansrud, Anm.) gesehen. Dann wusste ich, dass ich ordentlich Gas geben muss. Ich bin mit vollem Risiko auf der Ideallinie durch die Ciaslat-Wiese gefahren und wurde dafür mit dem Sieg belohnt.“

ÖSV-Zuversicht für Bormio

Entmutigen lassen sich die ÖSV-Abfahrer von ihrer Leistung in Gröden aber nicht, schließlich gab es davor zum Saisonstart sechs Podestplätze in den vier Überseerennen. Einzig der Sieg fehlte, und den können Kröll und Co. auf jener Strecke nachholen, auf der sie den bisher letzten Abfahrtssieg einfuhren. Am 29. Dezember 2012 gewann Hannes Reichelt in Bormio. Gelingt keine Wiederholung, dann ist das erste Kalenderjahr ohne rot-weiß-roten Speed-Sieg seit 1987 perfekt.

Am Sonntag gastiert die Skizirkus abermals in Bormio, und im ÖSV-Lager ist man sich sicher, dass dann die Welt wieder besser aussehen wird. „In Bormio herrschen ganz andere Verhältnisse. Da braucht man Mut und Kondition, das liegt uns“, meinte Schröcksnadel zuversichtlich. Auch Franz richtete seinen Fokus bereits Richtung Bormio und ist sich sicher: „Da werden wir auf jeden Fall besser ausschauen.“ Streitberger meinte: „Mit Ausnahme von Gröden hat nie viel auf den Sieg gefehlt, aber schön langsam ist einer fällig.“

Berthold bleibt (noch) gelassen

Zumindest bis nächsten Sonntag muss Herren-Chefcoach Mathias Berthold aber weiter die Fragen nach dem ersten Speed-Sieg in diesem Olympiawinter beantworten. „Nein, das nervt mich nicht. Keine Sorge, der Sieg kommt schon. Aber erzwingen können wir ihn halt nicht.“ Abgesehen von Gröden sei seine Truppe immer ganz vorne dabei gewesen. „Ich weiß schon, dass wir nicht gewonnen haben. Aber wenn wir auf den Plätzen zwei, drei, vier und fünf liegen, dann ist mir das egal. Denn das ist eine gute Ausgangsposition. Und dann ist der Schritt zum Sieg nur eine Frage der Zeit“, hofft der Vorarlberger.

Links: