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„Weißes Ballett“ tanzt in München auf

Real Madrid hat sich am Dienstag mit einer furiosen Leistung das Finalticket in der UEFA Champions League geholt. Das „Weiße Ballett“ führte Bayern München in der Allianz Arena nach einem 1:0 im Hinspiel vor und fertigte den Titelverteidiger 4:0 (3:0) ab. Zweimal Sergio Ramos (16., 20.) und Cristiano Ronaldo (34., 90.) mit seinen CL-Treffern Nummer 15 und 16 sorgten in München für klare Verhältnisse.

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Real, das in den vergangenen drei Spielzeiten jeweils im Halbfinale gescheitert war und sich eindrucksvoll für das bittere Semifinal-Aus gegen die Bayern im Elfmeterschießen in der Saison 2011/12 revanchierte, trifft im Endspiel auf den Aufsteiger aus dem zweiten Halbfinale am Mittwoch zwischen Chelsea und Atletico Madrid (Hinspiel: 0:0). Erstmals in der Geschichte der „Königsklasse“ könnte es damit am 24. Mai in Lissabon zu einem Stadtderby kommen.

Die Bayern, bei denen David Alaba auf der linken Abwehrseite durchspielte und noch einer der Besten war, gingen gegen Real in München nach acht Siegen und einem Unentschieden erstmals als Verlierer vom Platz. Zudem verpasste es die Elf von Josep Guardiola nach dem erfolgreichen Triple in der Vorsaison, als erster Verein den Triumph in der Champions League zu wiederholen. Nach zwei Finalteilnahmen war erstmals wieder im Halbfinale Endstation.

Gedenkminute für Boskov und Vilanova

Still in der mit 68.000 Zuschauern ausverkauften Allianz Arena war es unmittelbar vor dem Anpfiff, als der portugiesische Schiedsrichter Pedro Proenca zu einer Schweigeminute für den vor wenigen Tagen verstorbenen Ex-Real-Coach Vujadin Boskov und den früheren Barca-Coach Tito Vilanova bat. Boskov betreute Real von 1979 bis 1982 und führte das Team gleich in der ersten Saison zu Meisterschaft und Pokalsieg. Der 82-Jährige verstarb am Sonntag. Vilanova, der Barcelona 2012/13 zum Titel führte, erlag am Freitag im Alter von 45 Jahren einem Krebsleiden.

Erster Nackenschlag nach einer Viertelstunde

Danach konzentrierten sich die Spieler aber vollkommen auf das Prestigeduell. Bayern war der Wille, die vorletzte Hürde bei der Mission Titelverteidigung zu nehmen, anzusehen. Mit offensivem Pressing versuchten die Münchner das „Weiße Ballett“ unter Druck zu setzen. Real präsentierte sich allerdings viel zielstrebiger als noch im Hinspiel und sorgte mit schnellen Gegenstößen für einige brenzlige Situationen vor dem Tor von Manuel Neuer. Vor allem Di Maria riss auf der linken Seite immer wieder Löcher in die bayrische Abwehr.

Real Madrids Sergio Ramos schießt das Kopfballtor zum 1:0 gegen Bayern München

Reuters/Michael Dalder

Nach 15 Minuten traf Ramos die Bayern per Kopf erstmals mitten ins Herz

Die Bereitschaft, sich auch in der Fremde nicht zu verstecken, wurde in der 15. Minute belohnt. Luka Modric zirkelte einen Eckball ins Zentrum, wo Sergio Ramos aus vollem Lauf kommend die gesamte Bayern-Abwehr übersprang und mit einem wuchtigen Kopfball das 1:0 fixierte. Ausgerechnet Ramos, dem beim Halbfinal-Aus gegen die Bayern vor zwei Jahren im Elfmeterschießen die Nerven versagt hatten und der den Ball in den Himmel von Madrid geschossen hatte. Der Titelverteidiger brauchte plötzlich drei Tore, um doch noch weiterzukommen.

Titelverteidiger wankt und fällt

Bayern war sichtlich angeschlagen und benötige Zeit, sich vom Gegenschlag zu erholen. Die „Königlichen“ dachten allerdings nicht daran nachzulassen, sondern legten im Gegenteil nach. Und wieder war es eine Standardsituation, die die offensichtlichen Schwächen der Münchner Hintermannschaft offenbarte. Di Maria hob einen Freistoß von halblinks gefährlich in den Sechzehner, wo Pepe verlängerte und Ramos den Ball per Kopf zum 2:0 über die Linie drückte (20.). Der Traum vom erneuten Finaleinzug rückte in unerreichbare Ferne.

Real Madrids Sergio Ramos schießt das Kopfballtor zum 2:0 gegen Bayern München

AP/Matthias Schrader

Nach 20 Minuten war der Bayern-Traum vom erneuten Finale ausgeträumt

Bayern tat sich gegen die von Carlo Ancelotti blendend eingestellte Real-Elf sichtlich schwer, sein gefürchtetes Kurzpassspiel aufzuziehen. Die wenigen Versuche blieben in der dicht gestaffelten Real-Abwehr hängen. Ein kleines Lebenszeichen kam von Frank Ribery, der in der 25. Minute einen Schuss am langen Eck vorbeizog. Damit war das Münchner Feuer aber bereits wieder erloschen. Komplett anders Real, das mit geradlinigem und direktem Fußball zum Erfolg kam und das Guardiola-System spielerisch auseinandernahm.

Ronaldo bricht Messi-Rekord

Ronaldo, der in den letzten 13 Spielen wettbewerbsübergreifend 17 Treffer erzielt hat, meldete sich erstmals in der 27. Minute zu Wort. Sein Schuss ging jedoch links am Pfosten vorbei. Ein blitzschneller Konter sollte dann aber ein neues Kapitel Champions-League-Geschichte aufschlagen. Karim Benzema schickte Gareth Bale auf die Reise, der Jerome Boateng stehenließ und den frei stehenden Ronaldo bediente. Der 29-jährige Portugiese schob zu seinem 15. CL-Saisontreffer ein und brach damit den Rekord von Lionel Messi, der 2011/12 für Barca 14-mal eingenetzt hatte.

Real Madrids Cristiano Ronaldo schießt das 3:0 gegen Bayern München

Reuters/Kai Pfaffenbach

Mit seinem 16. CL-Saisontreffer ist Ronaldo nun alleiniger Rekordhalter

Bayern war stehend k. o. und völlig von der Rolle. Zudem mussten die Münchner froh sein, mit allen elf Spielern den herbeigesehnten Gang in die Kabine antreten zu dürfen. Nach einem Eckball ließ sich Ribery zu einer Ohrfeige gegen Verteidiger Daniel Carvajal hinreißen. Schiedsrichter Proenca hatte die Aktion allerdings nicht gesehen und dem Franzosen damit die Rote Karte erspart. Nicht verborgen blieb dem Unparteiischen indes ein hartes Tackling von Xabi Alonso, der die Gelbe Karte sah und damit im Finale fehlt.

Bayern fängt sich nach der Pause

Nach der Pause hatten sich die Bayern etwas gefangen, für das Wunder von München, für das mittlerweile fünf Tore nötig gewesen wären, fehlten den 68.000 Zuschauern, unter ihnen unter anderen der wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilte Ex-Bayern-Präsident Uli Hoeneß, der Glaube. Real tat seinerseits nur noch das Nötigste und spielte den Sieg trocken nach Hause. Schüsse von Alaba (53.), Ribery (60.) und Kroos (77.) waren für einen zumindest halbwegs versöhnlichen Abschied aus der Champions League aber zu wenig.

So passte es ins bayrische Gesamtbild, dass den Schlusspunkt einer einseitigen Partie abermals Ronaldo setzte. Der Superstar versenkte in der 90. Minute einen Freistoß unter der hochspringenden Mauer zum 4:0 im Tor und baute seinen zuvor aufgestellten Torrekord auf nun 16 CL-Saisontreffer aus. Real, das den Bayern die höchste CL-Pleite der Vereinsgeschichte zufügte, steht damit zum insgesamt 13. Mal im Finale der Königsklasse, zuletzt hatte der neunfache Rekordsieger 2002 das Endspiel erreicht und sich damals im Hampden Park von Glasgow mit 2:1 gegen Bayer 04 Leverkusen durchgesetzt.

Wolfgang Rieder, ORF.at

Champions-League-Halbfinale, Rückspiel

Endstand:

Bayern München - Real Madrid 0:4 (0:3)

Allianz Arena, 68.000 Zuschauer, SR Proenca (POR)

Tore: Ramos (16., 20.), Ronaldo (34., 90.)*

Gelbe Karten: Dante bzw. Xabi Alonso (im Finale gesperrt)

* Ronaldo stellte mit den Toren 15 und 16 im laufenden Bewerb einen neuen CL-Rekord auf

Bayern: Neuer - Lahm, J. Boateng, Dante, Alaba - Schweinsteiger, Kroos - Robben, T. Müller (72./Pizarro), Ribery (72./Götze) - Mandzukic (46./Martinez)

Real: Casillas - Carvajal, Pepe, Sergio Ramos (75./Varane), Coentrao - Modric, Xabi Alonso, Di Maria (84./Casemiro) - Bale, Benzema (80./Isco), Ronaldo

Real mit einem Gesamtscore von 5:0 im Finale

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