Themenüberblick

Hilfe mit Verzögerung

Der Auftakt der Schwimm-EM in Berlin ist von einem dramatischen Zwischenfall überschattet worden. Beim Freiwasser-Rennen der Frauen über 10 km wurde die Polin Natalie Charlos am Mittwoch im Zielbereich völlig entkräftet aus dem Wasser gezogen. Die bewusstlose Schwimmerin wurde noch auf dem Steg erstbehandelt und in einen Krankenwagen gebracht.

Nach lauten Rufen der Betreuer und von einigen Beobachterplätzen am Streckenrand sprang ein Rettungsschwimmer erst nach einiger Verzögerung ins Wasser und kümmerte sich gemeinsam mit anderen Schwimmerinnen um die 21-jährige Sportlerin. Als die Hymne für Europameisterin Sharon van Rouwendaal erklang, stand der Rettungswagen immer noch an der Regattastrecke in Berlin-Grünau. Ein zweiter Krankenwagen fuhr vor, dazu landete der Rettungshubschrauber.

Rettungsdienst betreut Schwimmerin

APA/EPA/Michael Kappeler

Bange Momente am Rand der Rennstrecke

„Genesung steht nichts im Wege“

Nach Auskunft des deutschen Mannschaftsarztes Alexander Beck geht es der Olympia-15. den Umständen entsprechend gut. Sie sei bei Bewusstsein, einer Genesung stehe nichts im Wege. „Sie hat sich überanstrengt, mittlerweile ist sie aber wieder so weit stabil“, sagte Beck und stellte klar: „Wenn da keiner daneben ist und sie rausholt, ertrinkt sie.“

Die deutsche Schwimmerin Angela Maurer bangte mit der Polin mit, sie war mit Teamkollegin Svenja Zihsler als eine der Ersten bei der kollabierten Sportlerin. „Ich hoffe, dass Natalie sich wieder erholt. Sie hat wohl schon Schaum vor dem Mund gehabt, und das ist sehr kritisch. Als ich am Boot war, da war sie schon bewusstlos“, sagte Maurer. „Ich habe es selbst im Wasser nicht gesehen, nur mitbekommen, dass Stefan gerufen hat, helft mal mit.“

Kritik an Rettungskräften

Der deutsche Bundestrainer Stefan Lurz schrie am Streckenrand nach eigenen Worten „wie am Spieß“, um das Rettungsboot auf die Notlage der Polin aufmerksam zu machen. „So ein Dreck von der DLRG (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, Anm.). Erst die Sonnenbrille abnehmen und dann erst ins Wasser“, kritisierte er. „Wir müssen sie nochmal eindringlich einweisen“, sagte DSV-Leistungssportdirektor Lutz Buschkow.

Laut den Regeln soll ein Athlet mit Handzeichen den Begleitbooten klarmachen, dass er Hilfe benötigt und das Rennen aufgibt. Das aber konnte die Polin nicht mehr. Geschwächt vom hohen Renntempo hatte sie die falsche Strecke genommen und konnte sich vor dem Ziel alleine nicht mehr über Wasser halten. Rekordweltmeister Lurz verfolgte das Drama vom Ufer aus und war nach Auskunft des Bruders kurz davor, zur Rettung selbst ins Wasser zu springen, als für quälend lange Momente keine Hilfe erfolgte.

„Ich finde das immer sehr erschreckend, wenn so was passiert“, sagte Maurer. „Ich habe das alles schon einmal live miterlebt, und das war wirklich schlimm mit Francis Crippen.“ Der US-Amerikaner Crippen war im Oktober 2010 bei einem Rennen in den Vereinigten Arabischen Emiraten gestorben. Als Folge wurde danach unter anderem die Zahl der Begleitboote erhöht, um mehr Sicherheit zu gewährleisten.

Link: