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„In Sicherheitsdiskussion nie locker lassen“

Das Drama um Kira Grünberg hat auf tragische Weise in Erinnerung gerufen, wie risikobehaftet der Stabhochsprung ist. Bei der 21-jährigen Tirolerin, für die der Österreichische Leichtathletikverband (ÖLV) ein Spendenkonto eingerichtet hat, wurde nach einem Trainingsunfall eine Querschnittslähmung diagnostiziert. Die Sicherheit in der wohl gefährlichsten Leichtathletikdisziplin steht wieder einmal zur Debatte.

„100-prozentige Sicherheit kann es beim Stabhochsprung leider nie geben. Das ist ein Sport, zu dem eine Risikokomponente gehört“, sagte Herbert Czingon, Teilzeittrainer von Grünberg und früherer Bundestrainer der deutschen Leichtathleten gegenüber der dpa. „Die Regeln zur Sicherheit sind beim Stabhochsprung immer wieder verändert worden.“ Die Anlagen seien heute „im Schnitt viel, viel sicherer als vor 20 Jahren.“ Czingon sagt aber auch: „Wir sind alle dazu aufgerufen, in dieser Sicherheitsdiskussion nie lockerzulassen.“

Drama um Kira Grünberg

Österreichs Stabhochsprung-Rekordhalterin ist nach einem missglückten Trainingssprung querschnittsgelähmt. Die 21-jährige Tirolerin war am Donnerstag im Training in den Einstichkasten gestürzt.

Nur ein Profi sprang mit Helm

Mehrere tödliche Unfälle in den USA schreckten die Sportwelt auf. 2009 verunglückte ein 19-jähriger Collegestudent beim Training. 2008 gab es an einer Highschool ebenfalls einen tödlichen Unfall. Vor 13 Jahren wurde an amerikanischen Hochschulen nach drei Todesfällen in nur sieben Wochen die Helmpflicht eingeführt. Von den Profis sprang anschließend nur der mittlerweile 38-jährige Toby Stevenson, Olympiazweiter 2004, mit Helm - seiner Mutter zuliebe.

Bei Grünberg „hätte ein Helm vermutlich nicht geholfen. Bei missglückten Landungen auf den Hinterkopf kann es sogar sein, dass ein Helm die noch schlimmer macht“, so Czingon. Ein Helm vermittle dem Athleten überdies ein trügerisches Sicherheitsgefühl. „Vielleicht führt dieser furchtbare Fall zu der Entwicklung, die Härte oder die Beschaffenheit des Einstiegskastens zu überdenken.“ Besagter Einstiegskasten ist aus Metall oder Hartplastik.

Toby Stevenson, 2004

picturedesk.com/EPA/Fabrice Coffrini

Toby Stevenson war mit seinem Helm die Ausnahme

„Sprung schon x-tausend Mal gemacht“

Wie schnell etwas passieren kann, bewies der Unfall von Grünberg. „Da sind sicher unglückliche Umstände zusammengekommen. Es ist ein Jammer. Den Sprung hat Kira sicher schon x-tausend Mal gemacht“, sagte ÖLV-Coach Herwig Grünsteidl. Laut Manager Thomas Herzog handelte sich um keinen Rekordversuch, sondern einen Sprung in Anfangshöhe. „Es war ein ganz normales Training, einer der Anfangssprünge. Kira hat nur acht Schritte gemacht. Bei einem Sprung in den Rekordbereich wären es 16.“

Grünsteidl erläuterte auf APA-Anfrage generell den Aufwärmprozess beim Stabhochsprung: „Normalerweise macht man am Anfang Sprünge mit kurzem Anlauf, greift den Stab niedrig, biegt ihn nicht. Die Füße gehen ganz nach oben, der Kopf nach unten. Wenn man beim Absprung zu weit weg oder zu nah ist, kann das verhindern, dass sich der Stab ganz aufstellt. Das ist im Stabhochspringen nicht unwahrscheinlich.“

Dominik Distelberger

GEPA/Mario Kneisl

Dominik Distelberger wünscht Grünbergs Familie alle Kraft

Trainer und Kollegen fassungslos

Aber ein Sturz aus geringer Höhe, wie er Grünberg bei ihrem Training für die noch nicht erbrachte Olympianorm von 4,50 Meter passiert ist, kann fatale Folgen haben. „Die Kraft, die bei so einem Aufwärmsprung wirkt, ist nicht dramatisch, aber Kopf voraus runter ist ein Wahnsinn. Mit Glück kann man sich mit den Händen abfangen. Die Höhe beträgt bei so einem Sprung vielleicht drei Meter, das ist nicht wirklich hoch, aber da hast du nicht viel Zeit, etwas zu machen“, war Grünsteidl fassungslos über das Geschehene.

Auch Grünbergs Teamkollege Dominik Distelberger war schockiert. „Da muss bei Kira wirklich alles ganz blöd zusammengekommen sein. Ich bin auch schon in den Einstichkasten gefallen, aber noch nie mit dem Kopf voraus“, sagte Mehrkämpfer Distelberger. „Sie hat sicher schon tausend Sprünge gemacht und weiß, wie und wann sie was machen muss. Das ist ein extremer Wahnsinn, ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen“, fühlte der 25-Jährige mit.

Im Nackenbereich schützt auch kein Helm

Was die Sicherheit betrifft, merkte Distelberger an, dass bereits etwas getan wurde. „Bei den Matten hat es eine Entwicklung gegeben, die sind breiter geworden. Und wenn du im Nackenbereich aufkommst, dann schützt dich ein Helm auch nicht wirklich“, so Distelberger. Die Matte muss bei internationalen Bewerben laut Bestimmungen des Weltverbandes IAAF mindestens acht Meter lang, sechs Meter breit und 80 Zentimeter hoch sein.

Die Kanten des Einstichkastens aus Metalls seien aber scharf, das Einzige, was ihm einfallen würde, wäre, dass nach dem Absprung des Athleten eine Matte drübergeworfen wird, sagte Distelberger. Der Einstichkasten selbst ist aber nicht wegzudenken. Veränderungen kann es also nur in Bauweise oder Beschaffenheit geben.

Wenn der Stab bricht, was bei der Tirolerin aber nicht der Fall war, ist man hilflos und muss versuchen, den Fall so schadlos wie möglich zu überstehen. In jedem Fall versucht man auf der Matte zu landen. „Ein Freund von mir ist einmal in einem Wettkampf aus vier Metern neben die Matte geflogen. Er hat sich Prellungen zugezogen. Es hätte auch bei Kira so sein können, dass sie nur eine Gehirnerschütterung hat oder sich was prellt. So ist das ein Wahnsinn“, saß auch bei Distelberger der Schock tief.

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