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Plädoyer von Flüchtlingskind Junuzovic

In den letzten Wochen und Tagen haben sich die Ereignisse überschlagen: Angefangen von den unhaltbaren Zuständen im Lager Traiskirchen über die 71 Toten in einem Lieferwagen im Burgenland bis zur zeitweiligen Öffnung der österreichischen Grenze zu Ungarn und der Welle an Hilfsbereitschaft durch freiwillige Helfer am Wochenende spannt sich das Flüchtlingsdrama. Mittlerweile können auch immer mehr Spitzensportler ihre Augen vor dem Leid von Millionen nicht mehr verschließen.

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Als einer der ersten bezog Skistar Marcel Hirscher, sonst wie die meisten Sportler politischen Aussagen nicht zugetan, öffentlich Stellung, da es „in unserem Land immer kälter und kälter wird, obwohl der Winter noch sehr weit entfernt ist“. Mit Anna Fenninger äußerte sich auch Österreichs zweites Skiaushängeschild, ebenso wie Österreichs Fußballnationalteam. Clubs wie Austria Wien und Admira Wacker Mödling setzten gleich konkrete Taten, und Zlatko Junuzovic, Goldtorschütze gegen Moldawien und selbst ein Flüchtlingskind, hielt ein emotionales Plädoyer.

Das ÖFB-Team hält ein Transparent mit der Aufschrift "Respect Refugees"

GEPA/Christian Ort

Das ÖFB-Nationalteam zeigte im Training Flagge für Flüchtlinge

Zeige dein Gesicht für Flüchtlinge

Als Plattform für die Aufrufe zu mehr Menschlichkeit dienen wie so oft großteils die Sozialen Medien. Im Rahmen der „#showyourfacechallenge“ („Zeige dein Gesicht“-Kampagne) auf Facebook ging Hirscher angesichts der erschreckenden Fakten und Bilder in die Offensive. Es wäre "Zeit zu zeigen, dass wir die deutliche Mehrheit sind, die mit Mitgefühl und Verständnis reagieren anstatt mit Hass oder mit Angst. Und darum sage ich: ‚Say it loud, say it clear, refugees, you’re welcome here!‘ („Sag es laut, sag es deutlich, Flüchtlinge, ihr seid willkommen hier", Anm.).“

Flüchtlinge

  • Knapp 60 Mio. Menschen waren laut dem aktuellsten UNHCR-Bericht Ende 2014 auf der Flucht, die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder.
  • Syrer sind mit fast vier Mio. Flüchtlingen die größte Gruppe, gefolgt von Afghanen (2,6 Mio) und Somaliern (1,1 Mio).
  • 86 Prozent der Flüchtlinge befanden sich 2014 in „wirtschaftlich weniger entwickelten“ Ländern, die wenigsten kommen nach Europa.
  • In Österreich wurden von Jänner bis Ende Juli 2015 insgesamt 37.046 Asylanträge (4.789 von unbegleiteten Minderjährigen) gestellt.

Neben dem von Hirscher aufgeforderten Bundespräsidenten, Heinz Fischer, folgte auch Weltcup-Siegerin Fenninger dem Aufruf. Österreichs Sportlerin des Jahres wollte nicht nur „was sagen, ich will auch was tun“, und spendete ihre WM-Jacke. Wie bei Hirscher waren ihr Tausende „Likes“ auf Facebook sicher, und auch die Mehrzahl der Kommentare von Usern war äußerst positiv, dass sich nun vermehrt Sportler in die Debatte über den richtigen Umgang mit der Flüchtlingsproblematik einschalten.

Austria lädt zum Training ein

Konkrete Taten setzte gleich die Wiener Austria. Der Fußball-Bundesligist lädt jeden Freitag Flüchtlinge zum Training in die Austria Akademie ein, „weil der Fußball sich gerade für so etwas gut anbietet, egal, wo die Burschen jetzt her sind“, wie Ralf Muhr, Leiter der Austria Akademie, im ZIB-Magazin erklärte. „Das beweist, dass wir über unseren sportlichen Tellerrand hinausblicken und mehr sind als nur ein Fußballclub“, sagte Vorstand Markus Kraetschmer.

19 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge waren zum ersten Training gekommen. „Es geht darum, dass man den Burschen ein bissi einen Spaß bringen will“, führte Muhr weiter aus. In einem Benefizspiel sammelte die Austria rund 7.000 Euro, die sie spendete. „Wir sind froh, dass wir als Club vielleicht ein bisschen etwas beitragen können“, sagte Trainer Thorsten Fink.

Admira spendet für Traiskirchen

Die Austria folgt mit der Trainingseinladung dem Beispiel von Admira Wacker Mödling. Die Niederösterreicher hatten bereits im Juli eine „Aktion für die Menschlichkeit“ gestartet, eine Vielzahl an Sportutensilien gesammelt und für Traiskirchen gespendet und mit den Flüchtlingen gekickt. Zudem gibt es jeden Mittwoch im September mit Flüchtlingen auf dem Gelände der Admira ein Fußballspiel.

„Die aktuelle Flüchtlingsthematik beschäftigt uns alle in Österreich, in Europa und der ganzen Welt“, sagte Coach Oliver Lederer in einer Videobotschaft. „Es ist nicht meine Aufgabe, Politik zu machen. Aber es ist meine Verantwortung, all jenen eine Stimme zu geben, deren Land, deren Zuhause geprägt ist von Krieg, Zerstörung und Flucht.“

Junuzovic sieht „Chance für Menschlichkeit“

Krieg, Zerstörung und Flucht musste ÖFB-Teamspieler Zlatko Junuzovic am eigenen Leib erfahren. Der Legionär von Werder Bremen wurde in der serbischen Stadt Loznica geboren und lebte dann in Bosnien, ehe er im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern vor dem Jugoslawien-Krieg nach Österreich flüchten musste. Der 27-Jährige hofft, dass jeder die jetzigen Geschehnisse „gleich sieht“ wie er.

Zlatko Junuzovic im ÖFB-Dress

GEPA/Mario Kneisl

Als Kind floh Junuzovic vor dem Krieg, jetzt glänzt er im Nationalteam

Er glaubt, man könne aus den „schockierenden Bildern“ viel lernen: „Es ist die Chance für jedes Land, seine Menschlichkeit zu zeigen, indem man den Menschen hilft, sie unterstützt und wirklich da ist, wo man nur da sein kann. Es ist eine ganz große Chance für jeden Einzelnen da, dass er mithilft, dass er die Leute unterstützt und sie willkommen heißt. Denn denen geht es wirklich schlecht.“

ÖFB startet Initiative

Seine Teamkollegen, einige davon mit Migrationshintergrund, schlossen sich Junuzovics Forderungen an. „Die aktuelle Flüchtlingsthematik geht auch an uns Nationalspielern nicht spurlos vorbei“, sagte stellvertretend ÖFB-Kapitän Christian Fuchs. „Wir treten daher geschlossen für das Recht auf ein würdiges Leben für alle Menschen ein.“ Die ÖFB-Teamspieler entrollten dazu ein Transparent mit der Aufschrift „Refugees welcome“. Diese Botschaft durften die Österreicher aber am Freitagabend nur beim Training zeigen, da die UEFA-Regularien politische Botschaften beim Match untersagen. Vor Anpfiff des Moldawien-Spiels gab es lediglich eine Schweigeminute.

In Abstimmung mit dem Integrationsministerium will der ÖFB auch eine Initiative starten, die die Basis der Vereine erfassen soll. „Wie man mit dem Flüchtlingsthema umgeht, das muss man den Clubs zum Teil auch beibringen und ihnen dabei zur Hand gehen. Und das wollen wir“, sagte ÖFB-Präsident Leo Windtner, der es wichtig findet, dass man „gerade den Sport wie den Fußball als integrierende Kraft einsetzt“.

Internationale Hilfe für Flüchtlinge

Auch international rollt die Solidarität und Hilfe für Flüchtlinge an. Bayern München will in den nächsten Wochen ein Trainingscamp für Flüchtlinge einrichten, dabei soll es auch Deutschkurse, Essen und Ausrüstung geben. Der Club von David Alaba kündigte zugleich eine Spende von einer Million Euro an. Spaniens Rekordmeister Real Madrid spendet ebenfalls eine Million Euro für die Aufnahme von Flüchtlingen in Spanien. Die AS Roma engagiert sich im Programm „Football Cares“ und rief Fans in aller Welt zu Spenden auf.

Die bisher größte Aktion geht auf eine Initiative der europäischen Clubvereinigung ECA zurück: Jeder der 80 Vereine in Champions League und Europa League wird bei seinem ersten Heimspiel pro verkauftem Ticket jeweils einen Euro an eine karitative Einrichtung spenden. Das klingt im Einzelnen nicht viel, aber die Summe macht’s: „Wir erwarten zwischen zwei und drei Millionen Euro“, sagte der ECA-Vorsitzende Karl-Heinz Rummenigge. „Auch der Fußball hat eine Verantwortung gegenüber diesen armen Leuten.“

Barcelona-Superstar Lionel Messi sieht die Verantwortung bei der Politik und appelliert, eine „rasche Lösung dieser Tragödie“ zu finden: „Solche Dinge sollten im 21. Jahrhundert unvorstellbar sein“. Deutschlands Fußballnationalmannschaft plädierte in einem Video für „Hilfsbereitschaft“, „Respekt“, „Integration“ und „Weltoffenheit“. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) schließlich stellte 1,8 Millionen Euro für Flüchtlingsprojekte zur Verfügung. „Die herzzerreißenden Geschichten der vergangenen Tage haben uns alle berührt“, sprach IOC-Präsident Thomas Bach vielen aus dem Herzen.

Oliver Mück, ORF.at

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