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Zu lange mit angezogener Handbremse

Im achten und letzten Länderspiel eines grandiosen Jahres hat Österreichs Nationalmannschaft am Dienstag die erste Niederlage erlitten. Vor 27.600 Zuschauern im Wiener Ernst-Happel-Stadion verlor die ÖFB-Auswahl nach zuletzt sechs Siegen und einem Remis mit 1:2 gegen die Schweiz. Vor fast genau einem Jahr, am 18. November 2014, war das Team von Cheftrainer Marcel Koller davor zum letzten Mal als Verlierer vom Platz gegangen: ebenfalls mit 1:2 in Wien gegen Brasilien.

In einem freundschaftlichen Länderspiel, das ganz im Zeichen der Anteilnahme und Solidarität mit Paris und den Opfern der jüngsten Terroranschläge stand, spielte das ÖFB-Team gegen Kollers Landsleute zu lange mit angezogener Handbremse. Haris Seferovic (9. und 38. Minute) war mit einem Doppelpack Matchwinner der Eidgenossen. David Alaba (13.) erzielte den zwischenzeitlichen Ausgleich für die Österreicher, die bei einem zu Unrecht wegen Abseits aberkannten Tores von Rubin Okotie zusätzlich Pech hatten.

Schweiz beendet ÖFB-Erfolgsserie

Mit der 1:2-Niederlage gegen die Schweiz am Dienstagabend in Wien verfehlte das ÖFB-Nationalteam das erklärte Ziel, erstmals seit 1996 eine Saison ungeschlagen zu überstehen.

„Marseillaise“ vor Hymnen - Okotie statt Janko

Im Gedenken an die schrecklichen Ereignisse in der französischen Hauptstadt am Freitag erklang vor den Hymnen Österreichs und der Schweiz die „Marseillaise“. Dazu schwenkten die Zuschauer ihre rot-weiß-roten Fähnchen. Während der Trauerminute unmittelbar vor dem Anpfiff standen die Spieler beider Teams und die Unparteiischen Arm in Arm auf dem Mittelkreis, während Stadionsprecher Andy Marek „Pray for Paris“ verkündete.

Okotie stand in der Startformation für das letzte Länderspiel des Jahres. Der 28-Jährige von 1860 München ersetzte im Sturm Marc Janko. Den Angreifer des FC Basel und besten ÖFB-Goalgetter des Jahres plagten Nackenprobleme, schon während des Teamcamps in Spanien hatte er über Rückenprobleme geklagt. Neben Janko, der auf der Bank Platz nahm, fehlten die verletzten Stammkräfte Robert Almer, Zlatko Junuzovic und Martin Harnik. An ihrer Stelle begannen im Tor Ramazan Özcan sowie im offensiven Mittelfeld Marcel Sabitzer (zentral) und Jakob Jantscher (rechts).

Fehlstart, aber schnelle Antwort auf Rückstand

Eines vorweg: Schlechter hätten die ersten zehn Minuten für die Österreicher nicht verlaufen können. Zunächst musste Innenverteidiger Sebastian Prödl bereits in der zweiten Minute verletzt vom Feld, für ihn brachte Koller Martin Hinteregger. Und dann zappelte in der neunten Minute plötzlich der Ball im Netz der Hausherren - aufgrund einer langen Kette von Fehlern.

David Alaba (AUT)

GEPA/Philipp Brem

Alaba besserte seinen Fehler selbst wieder aus und sorgte für den Ausgleich

Einen Abschlag von Özcan spielte Klein volley auf Alaba zurück, der köpfelte den Ball zu leicht in Richtung ÖFB-Tor zurück. Schweiz-Stürmer Seferovic sprintete dazwischen und schoss aus 25 Metern Entfernung am zu weit und zu langsam herausgeeilten Özcan vorbei zum 1:0 ein. Zumindest nahm die Partie dadurch mehr Fahrt auf - und lange mussten die mittlerweile erfolgsverwöhnten österreichischen Fans auch nicht auf die passende Antwort ihrer Mannschaft warten. Sabitzer spielte einen Steilpass in den Strafraum, Stephan Lichtsteiner lenkte den Ball mit dem Arm zum gedachten Adressaten Alaba ab - der traf trocken zum 1:1 (13.).

Okotie-Treffer zu Unrecht aberkannt

Das elfte Tor Alabas für das ÖFB-Team ließ die Partie de facto wieder von vorne beginnen - berauschend entwickelte sie sich nicht gerade. Zumindest hatte Özcan (24.) Gelegenheit, sich im Eins-gegen-eins-Duell mit Xherdan Shaqiri erstmals auszuzeichnen. Für gehörige Aufregung sorgten dann der deutsche Referee Manuel Gräfe mit seinen Assistenten: Als Okotie (36.) nach einem Alaba-Freistoß per Kopf den vermeintlichen Führungstreffer erzielte, wurde das Tor zu Unrecht wegen Abseits aberkannt. Gleiche Höhe wäre es gewesen - nicht nur bei Koller war der Ärger groß.

Zweites Seferovic-Tor - wieder nach Fehlerkette

Es sollte noch schlimmer kommen, denn Frankfurt-Legionär Seferovic hatte beim 2:1 vor der Pause (38.) noch einen großen Auftritt - wieder ermöglicht durch mehrere Fehler in der ÖFB-Defensive. Zunächst agierte Klein gegen Admir Mehmedi links im Strafraum zu zögerlich, ließ ihn ungehindert flanken. Am Fünfer stimmte die Zuordnung in der Innenverteidigung überhaupt nicht. Seferovic wurde von Aleksandar Dragovic und Hinteregger sträflich vernachlässigt und spitzelte den Ball an Özcan vorbei aus kurzer Distanz ins Tor. Wieder sah der zwei Schritte herausgekommene, aber auch alleingelassene ÖFB-Goalie nicht glücklich aus.

Druckvolle, aber torlose Schlussphase

Nach Seitenwechsel brachte Koller Stefan Ilsanker für Sabitzer. Alaba ging nun mehr in die Offensive. Als ein scharfer Freistoß von Schweiz-Kapitän Gökhan Inler über die Latte strich, hielten alle im Stadion kurz die Luft an. Auf der anderen Seite zwang Alaba (55.) den gegnerischen Keeper Yann Sommer mit einem nicht minder gefährlich angetragenen Freistoß zu einer Glanzparade. Als eine Stunde gespielt war, kam Karim Onisiwo (für Jantscher) zu seinem Debüt im A-Team. Die Österreicher drückten, allerdings noch nicht mit letzter Konsequenz, auf den Ausgleich.

Marko Arnautovic (AUT)

GEPA/Mario Kneisl

Für Arnautovic und Co. ging das Jahr mit der ersten Niederlage zu Ende

Arnautovic (65. und 66.) sorgte vor dem Tor zweimal für akute Gefahr. Der für Okotie eingewechselte Lukas Hinterseer (68.) konnte einen scharfen Alaba-Stanglpass nicht nutzen. Jetzt endlich schien sich die Handbremse im ÖFB-Spiel zu lösen. Vor allem Alaba und Arnautovic brachten die Gastgeber jetzt immer wieder gefährlich an und in den Sechzehner. Ilsanker (73.) scheiterte nach schöner Vorarbeit der beiden alleine vor dem Tor an Sommer. Özcan war kaum noch gefordert - wenn doch, dann auf dem Posten. Vorne wollte es an diesem Abend einfach nicht mehr klappen. So ging ein herausragendes Länderspieljahr auch sportlich gedämpft zu Ende.

Harald Hofstetter, ORF.at

Freundschaftliches Länderspiel

Dienstag:

Österreich - Schweiz 1:2 (1:2)

Wien, Ernst-Happel-Stadion, 27.600 Zuschauer, SR Gräfe (GER)

Torfolge:
0:1 Seferovic (9.)
1:1 Alaba (13.)
1:2 Seferovic (38.)

Österreich: Özcan - Klein, Dragovic, Prödl (3./Hinteregger), Fuchs - Baumgartlinger (82./Kainz), Alaba - Jantscher (58./Onisiwo), Sabitzer (46./Ilsanker), Arnautovic - Okotie (66./Hinterseer)

Schweiz: Sommer - Lichtsteiner (18./Lang), Djourou, Klose, Moubandje - Shaqiri (88./Widmer), Inler (60./Zuffi), Behrami, Mehmedi (60./Stocker) - Drmic (71./Lustenberger), Seferovic (77./Derdiyok)

Gelbe Karten: Dragovic bzw. keine

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