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Suljovic im Interview

Österreichs bester Dartspieler Mensur Suljovic hat mit ORF.at über seinen bevorstehenden Einsatz bei der Weltmeisterschaft, seine eigenwillige Wurftechnik und seine „Dartitis“ gesprochen, die ihm vor einigen Jahren zu schaffen gemacht hat. Die Nummer 21 der Weltrangliste umriss aber auch ihre ambitionierten Zukunftspläne und erzählte, was einem Profi-Dartspieler in einem Fast-Food-Lokal in England passieren kann.

ORF.at: Wie viel muss man trainieren, um auf das Niveau zu kommen, auf dem Sie spielen?

Mensur Suljovic: Alle glauben, sie können Darts spielen. Jeder hat eine Dartscheibe zu Hause, jeder hat schon mal geworfen. Das ist das Gleiche, wie wenn ich mir einen Fußball kaufe und sage: Jetzt geh ich zu Rapid. Da muss man mindestens fünf bis sechs Stunden am Tag trainieren, damit man in der Spitze mitspielen kann.

ORF.at: Wie lange machen Sie das schon in dieser Intensität?

Suljovic: Ich habe früher viel mehr trainiert, aber jetzt mit Familie und Arbeit geht sich das leider nicht aus. Jetzt komme ich auf mindestens drei bis vier Stunden täglich. Sonst geht’s nicht.

ORF.at: Können Sie vom Dartsport leben?

Suljovic: Nein, keine Chance, vielleicht ab nächstem Jahr. Dieses Jahr war wirklich erfolgreich für mich, aber ich habe sieben, acht Jahre investiert, ich wollte schon aufhören. Wenn man vom Sport leben kann, dann geht das nur über das Preisgeld. Sponsoren gibt es zwar, aber das geht nur, wenn man im Fernsehen zu sehen ist. Und wann ist man hier schon im Fernsehen? In Österreich ist das leider eine Katastrophe.

Mensur Suljovic

ORF.at/Dominique Hammer

Suljovic ist als Nummer 21 der Welt Österreichs erfolgreichster Dartspieler

ORF.at: Was ist das Wichtigste in Ihrem Sport?

Suljovic: Das Um und Auf sind Gefühl und Konzentration auf höchstem Niveau. Wenn man das nicht trainiert, auch mit einem Mentaltrainer, dann hat man keine Chance.

ORF.at: Wie trainieren Sie?

Suljovic: Natürlich wäre es mit einem Trainer am besten, aber das kann sich niemand leisten. Das ist alles eine Geldfrage. Ich habe mir meine gesamte Laufbahn alleine finanziert. Jeder Flug, jedes Startgeld war ein riesengroßes Problem. Und wenn du dann ausscheidest, war alles umsonst.

ORF.at: Wie können Sie sich Ihren Erfolg erklären? Sind Sie ein „Ausnahmetalent“?

Suljovic: Ich bin kein Ausnahmetalent! (lacht) Ich muss trainieren, trainieren, trainieren. Ich habe wirklich jahrelang viel und hart trainiert. Aber ich sage immer: Jedes Training wird irgendwann einmal belohnt. Es gibt vielleicht zwei, drei Leute, die wirkliche Ausnahmetalente sind. Die trainieren auch alle wie wild, aber keiner redet darüber. Keiner will seine Taktik verraten.

ORF.at: Wie wichtig ist Taktik im Allgemeinen – auch im Hinblick darauf, den Gegner möglicherweise aus der Konzentration zu bringen?

Suljovic: Sehr wichtig. Du musst deinen Gegner kennen. Schmutzige Spielchen gibt es immer wieder, aber das versuchen eigentlich nur sehr wenige Leute. Bei mir sagen sie zum Beispiel, ich spiele zu langsam. Das ist aber nicht mein Problem, wenn der andere schnell spielt. Ich konzentriere mich nur auf mein Spiel. Er interessiert mich nicht. Genau auf der Linie interessiert mich null Komma null.

Das ist einfach meine Art, ich brauche das so. Ich sehe in dem Moment nichts anderes als die Scheibe. Wenn ich das nicht schaffe, dann verliere ich immer. Das weiß ich schon vorher. Früher wollte ich schneller spielen, war nervös wegen der Leute. Die Leute schreien und schimpfen. Wenn du dich nicht auf dein Spiel fokussierst, bist du sofort draußen. Das Spiel geht so schnell, wenn man sich nicht konzentriert, ist man sofort weg.

ORF.at: Eine weitere Eigenart von Ihnen ist Ihre Wurftechnik, bei der Sie den Pfeil ganz unorthodox halten. Hat das einen besonderen Grund?

Suljovic: Früher habe ich den Dart anders gehalten, jetzt halte ich ihn - leider - zu kompliziert. Ich hatte früher „Dartitis“ - ein Kopfproblem, wo ich plötzlich den Dart nicht mehr auslassen konnte. Ich hatte eine Blockade und habe zwei Jahre gebraucht, um mich umzustellen. Das ist ein Problem, das fast alle Spieler haben, nur redet keiner darüber. Das passiert, wenn man zu viel erreichen will und zu viel Druck auf sich selbst ausübt. Viele gute Dartspieler haben deshalb sogar aufgehört. Es ist aber egal, wie du den Dart hältst - Hauptsache, du triffst.

ORF.at: Woher kommt Ihr Spitzname „The Gentle“ – sucht man sich das aus oder wird einem der gegeben?

Suljovic: Jeder Dartspieler hat einen Spitznamen. Ich wollte eigentlich „Jackpot“ heißen - ich habe viel gespielt früher (lacht), ich war ein kleiner Zocker. Aber leider war der Name schon von Adrian Lewis besetzt. Mein Sponsor hat dann gemeint, dass ich immer so nett bin und dass „The Gentle“ gut zu mir passt.

ORF.at: Ihre Einlaufmusik („Live is Life“ von Opus, Anm.) lässt aber etwas anderes vermuten.

Suljovic: (Lacht) Es ist wichtig, dass das Publikum Spaß hat, wenn wir auf die Bühne kommen. Der Name ist da nicht so wichtig wie die Musik.

ORF.at: Sind Sie ein Publikumsliebling?

Suljovic: Das ist immer unterschiedlich. Wenn mich die Leute persönlich kennen, dann schon. Vom Spielen her bin ich ihnen vielleicht zu langweilig, weil es bei mir immer ein bisschen länger dauert. Die wollen Stimmung haben und 180er-Würfe (dreimal Triple-20, Anm.) sehen, aber das kann nicht jeder. Ich bin noch nicht ganz oben, ich kann das noch nicht.

ORF.at: Stört das laute Publikum die Konzentration oder ist das kein Thema bei Ihnen?

Suljovic: Das kann man gut ausblenden. Das ist überhaupt kein Problem, das ist doch schön! Der Lärm, die Nervosität und die Konzentration – das passt alles wirklich gut zusammen. Schlimm ist nur, wenn du am Check stehst und ein paar beginnen zu schreien oder schauen nicht zu, das ist dann blöd für uns Spieler. Aber man darf nicht vergessen, es ist immer für beide Spieler gleich. Die Leute, die ein bissl was mit Darts zu tun haben, die wissen genau, wann sie schreien. In entscheidenden Spielsituationen gibt dir das dann oft den letzten Kick. Es ist auch gut, wenn man im richtigen Moment eine Stimme hört, die man kennt.

ORF.at: Ist Kopfrechnen ein wichtiger Teil des Sports, oder verlassen Sie sich bei Turnieren auf die Anzeigetafel?

Suljovic: Das ist alles im Kopf. Das geht aber mittlerweile alles automatisch, da muss man nicht viel nachdenken. Das trainiert man mit eigenen Trainingsplänen im Verein.

ORF.at: Haben Sie sich schon einmal verrechnet?

Suljovic: Ja (lacht), beim letzten Turnier, wo mir das passiert ist, habe ich geschrien. Wahnsinn. Ich habe zwar alles getroffen, was ich hätte treffen müssen, nur habe ich es leider falsch ausgerechnet. Aber das passiert jedem hin und wieder.

Mensur Suljovic

ORF.at/Dominique Hammer

„Beim letzten Turnier habe ich mich verrechnet“, ärgert sich Suljovic

ORF.at: Am Sonntag geht es für Sie in der ersten Runde der WM los. Wie schätzen Sie Ihren Gegner Jermaine Wattimena ein?

Suljovic: Ich kenne ihn gut, er ist ein guter Spieler. Es geht da wirklich um die Tagesverfassung – wenn ich mich gut fühle und gut spiele, dann glaube ich schon, dass ich gewinne. Wenn er auch gut in Form ist, wird es natürlich schwierig. Aber schauen wir mal.

ORF.at: Was ist Ihr Ziel für die WM?

Suljovic: Vor allem, gut zu spielen, dann kommen die Erfolge von allein. Jeder würde gerne bis ins Halbfinale oder ins Finale kommen, aber das ist ein Traum, da muss alles zusammenpassen.

ORF.at: Wie wäre theoretisch Ihr Weg ins Halbfinale? Wann würden Sie auf ein echtes Kaliber treffen?

Suljovic: Sollte ich die erste Runde überstehen, könnte ich in der nächsten Runde schon auf Kim Huybrechts treffen. Aber sollte ich dann auch ihn besiegen, würde ich auf Adrian Lewis treffen. Gegen ihn habe ich letztens 11:1 verloren. Aber ich habe ja nichts zu verlieren – er schon.

ORF.at: Im letzten Jahr sind Sie in der ersten Runde gescheitert. War das bitter oder ist das eben das Lehrgeld, das man als Nicht-Top-Ten-Spieler zahlen muss?

Suljovic: Das war wirklich okay. Bei der WM dabei sein zu dürfen ist schon ein großer Erfolg.

ORF.at: Sie sind derzeit die Nummer 21 der Welt.

Suljovic: Es ist schon ein riesengroßer Vorteil, unter den Top 32 zu sein. Dann muss man sich nicht umständlich qualifizieren und ist gesetzt. Dann kriegt man in der ersten Runde auch einen etwas schwächeren Gegner und kein richtiges Kaliber zugelost. Aber nach der ersten Runde ist alles eine offene Partie, da gibt es keine Favoriten.

ORF.at: Was wollen Sie im kommenden Jahr erreichen?

Suljovic: Die Weltrangliste ist das Wichtigste. Die besten 16 sind mein großes Ziel - da bist du zu allen Turnieren eingeladen und musst keine Qualifikationen mehr spielen. Das ist mein Ziel, und ich hoffe, dass ich das schon beim nächsten Turnier erreiche (lacht). Aber das wird sicher schwierig, da entscheiden Kleinigkeiten. Mein Problem ist, dass da auch die anderen was dagegen haben (lacht).

ORF.at: Sie sind der beste Spieler im deutschsprachigen Raum. Macht das den Dartsport hierzulande populärer, steigt die Anerkennung?

Suljovic: Ja, sicher. Das Problem ist, dass die Medien nur einmal im Jahr über unseren Sport berichten, und das ist immer vor der WM. Ich freue mich darüber, aber ausgerechnet für Weltmeisterschaften müssen wir uns doppelt so intensiv vorbereiten. Aber ich bin froh, wenn ich irgendwo aufscheine. Das ist sehr schwierig, leider.

ORF.at: Ist die Anerkennung anderswo größer?

Suljovic: In England zum Beispiel sind Dartspieler Superstars. Im November haben wir uns am Abend in einem englischen Fast-Food-Lokal etwas zu essen geholt. Die Leute haben mich erkannt und konnten nicht glauben, dass ich mich selbst anstelle, um mir etwas zu essen zu holen. Aber sie haben uns in Ruhe essen lassen und sind erst nachher für Fotos zu mir gekommen (lacht).

Das Gespräch führte Linda Ellerich, ORF.at

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