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„Das muss untersucht werden“

Die schweren Sturzverletzungen von Olympiasieger Matthias Mayer in Gröden haben die Kontroverse um den Nutzen des Airbag-Systems neu entfacht. Mayer, einer von sechs Läufern, die auf den Airbag zurückgreifen, brach sich beim Aufprall auf der Piste zwei Brustwirbel und musste die Saison beenden.

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Ohne Airbag wären die Verletzungen weit schlimmer gewesen, hieß es danach auf der einen Seite. Andere wiederum meinten, dass der Airbag die Verletzungen Mayers sogar verursacht habe. „Für mich sieht es so aus, als ob der Airbag als Hebel gewirkt hat“, kritisierte der US-Amerikaner Ted Ligety. Erst durch diese Hebelwirkung sei es zu den Brüchen gekommen. „Das muss untersucht werden“, forderte Ligety.

Der 31-Jährige ging noch weiter: „Es ist wirklich bedauerlich, dass die Rennfahrer als Crash-Test-Dummies verwendet werden, um mit einem unerprobten Airbag-System zu experimentieren“, schrieb er auf Facebook. „Meines Wissens war das der erste echte Rennunfall mit dem Airbag, und der hat die schlimmste Rückenverletzung seit mehr als einem Jahrzehnt im Weltcup zur Folge.“

Scharfe Kritik am Skiweltverband

„Ich sehe schon ein, dass der Airbag keine ausreichend starke Kraft freisetzt, um jemanden direkt zu verletzen, aber wenn er explodiert, entsteht nicht eine sanfte Kurve rund um den Rücken oder den Hals, sondern eine sehr abrupte, die einen Hebel entstehen lässt, um den herum Wirbel sich dehnen und brechen“, erläuterte Ligety.

Ted Ligety

GEPA/Daniel Goetzhaber

Laut Ligety sind Mayers schwere Verletzungen kein Zufall

„Neue Systeme müssen nachweislich sicherer sein oder zumindest nicht schädlich. Wie bei den meisten Entwicklungen innerhalb der FIS scheint hier beides nicht zuzutreffen“, griff der US-Amerikaner auch den Internationalen Skiverband (FIS) an.

Instabiler Wirbelbruch als Gefahr

Mayer brach sich bei seinem Sturz auf der Saslong den sechsten und den siebenten Brustwirbel. Eine Fraktur war ein instabiler Bruch, der einen chirurgischen Eingriff erforderte, weil er zu Verletzungen von Nerven und Rückenmark führen kann. Innerhalb des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) überwog dennoch die Meinung, dass der Airbag noch Schlimmeres verhindert habe.

Das sagte auch Mayer in einer ÖSV-Stellungnahme: „Zum Glück habe ich den Airbag angehabt, der ist in der Luft aufgegangen. Das war in dem Fall sicher eine gute Lösung“, wurde Mayer zitiert - allerdings vor der endgültigen Diagnose in Innsbruck. Erst dort wurde offenbar der instabile Bruch festgestellt. Davor war Mayer im Krankenhaus in Bozen untersucht worden.

Pum verteidigt Airbag-System

ÖSV-Sportdirektor Hans Pum ist vom Nutzen des Airbags überzeugt. „Ich glaube, dass der Airbag, den Mayer verwendet hat, schwerere Verletzungen wahrscheinlich verhindert hat“, sagte Pum im ORF-Interview. „Matthias ist bei 120 km/h aus enormer Höhe im Flachen direkt auf den Rücken und das Becken gestürzt“, betonte Pum. „Man wird auch aus diesem Unfall Schlüsse für die weitere Entwicklung des Airbags ziehen können.“

Puelacher zu Mayers Ausfall

Herren-Cheftrainer Andreas Puelacher gab sich nach dem Saisonende von Olympiasieger Matthias Mayer betroffen.

Der Airbag ist in seiner Premierensaison längst nicht Standard. Weil viele Fahrer glauben, er würde sie auf der Strecke behindern. Andere befürchten aerodynamische Defizite und Fehlfunktionen. Außerdem beliefert der italienische Hersteller Dainese als Ausstatter viele Teams gar nicht. Und so hatten beim sechsten Renneinsatz in diesem Winter neben Mayer nur fünf weitere Abfahrer den Airbag in Gröden übergestreift, insgesamt vier Österreicher und zwei Kanadier.

„Kein System verhindert alles“

Eine der befürchteten Fehlfunktionen: dass der Airbag nicht nur bei einem Sturz aktiviert werden könnte. Das war auch eine der größten Schwierigkeiten bei der Entwicklung. Günter Hujara, der langjährige Renndirektor der FIS, sprach von einem komplizierten Algorithmus, der dieses Risiko nun ausschließen soll. Marco Pastore vom Hersteller Dainese erklärte, dass ein Sensor bei Mayer den unkontrollierten Abflug nach einer Bodenwelle erkannt und den Airbag noch in der Luft gefüllt habe.

Dass der Olympiasieger von Sotschi trotz des Luftpolsters verletzt wurde, sei nicht ungewöhnlich, meinte Hujara. „Er ist eine Hilfe. Es gibt kein System, das alles verhindert.“ Bei einem Autounfall selbst mit niedriger Geschwindigkeit seien die Insassen trotz Airbags und Sicherheitsgurts auch nicht vor Blessuren gefeit, verglich Hujara. Die Frage, ob Mayers Verletzungen vom Airbag sogar verursacht wurden, bleibt offen.

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