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Nur knapp schwerer Verletzung entgangen

Marcel Hirscher hat den vorweihnachtlichen Italien-Block der alpinen Ski-Herren am Dienstag mit Platz zwei im Slalom von Madonna di Campiglio erfolgreich hinter sich gebracht. Das Sportliche rückte angesichts des Absturzes einer TV-Drohne direkt hinter ihm aber in den Hintergrund. „Ich habe mein Weihnachtsgeschenk heuer schon früher erhalten. Ich bin unverletzt“, meinte der Gesamtweltcup-Führende.

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Gewonnen hat Hirscher zwar nur eines der drei Rennen, die er in den Dolomiten bestritt. Am Sonntag ließ er im Riesentorlauf von Alta Badia den Norweger Henrik Kristoffersen und den Franzosen Victor Muffat-Jeandet hinter sich. Dafür schraubte der 26-jährige Salzburger seine Punkteausbeute auf den zu diesem Zeitpunkt beachtlichen Wert von 623 Zählern - so viele hatte er vor Weihnachten noch nie. Die bisherige Bestmarke waren 576 Punkte im Vorjahr gewesen.

Zudem lacht Hirscher erstmals seit 2011 während der „stillen Zeit“ von Platz eins im Gesamtranking. 23 Zähler dahinter rangiert der in den Speed-Disziplinen derzeit nahezu unantastbare Aksel Lund Svindal auf Platz zwei, gefolgt von seinen Landsmännern Kjetil Jansrud (407) und Madonna-Sieger Kristoffersen (389). Die Norweger versuchen also offenbar mit geballter Kraft, Hirscher vom Weg zu seiner fünften großen Kristallkugel abzubringen.

Große Dankbarkeit und Erleichterung

Viel mehr als das Rennen um den Gesamtsieg beschäftigte Hirscher am Dienstagabend aber der Drohnenabsturz im zweiten Slalom-Durchgang, der jeden Augenzeugen fassungslos zurückließ. Im oberen Streckenabschnitt schlug das Flugobjekt knapp einen Meter hinter dem ÖSV-Superstar auf und löste sich in seine Einzelteile auf. „Ich habe schon des Öfteren jetzt noch Danke gesagt. Wer auch immer auf mich aufgepasst hat, aber es ist aufgepasst worden“, diktierte Hirscher noch sichtlich mitgenommen in die Mikrofone.

Abstürzende Drohne hinter ÖSV-Athlet Marcel Hirscher

ORF

Die abgestürzte TV-Drohe verfehlte Hirscher nur um Haaresbreite

„Ich bin wirklich sehr erleichtert, dass nichts passiert ist. Man darf gar nicht nachdenken, was passieren könnte bei einem Gewicht von zehn Kilo, das von 20 Metern runterfällt. Es wäre sicherlich eine sehr schwere Verletzung gewesen“, führte er weiter aus. „Es gibt viele coole Sachen, die momentan modern sind. Aber man muss auch die Sicherheit gewährleisten können - und das war heute eigentlich ein Wahnsinn.“ Im italienischen TV wurde Hirscher noch deutlicher: „Wenn ich das im Fernsehen sehe, ist das eine Schweinerei. Einfach schrecklich! So etwas darf nie wieder passieren.“

„Es geht nicht, Menschen in Gefahr zu bringen“, war auch ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel erbost. Markus Waldner, der Herren-Renndirektor des Internationalen Skiverbandes (FIS), war erleichtert, dass Hirscher unverletzt geblieben war. „Wir sind nur ganz knapp einer Katastrophe entgangen“, betonte der Südtiroler.

Drohne hatte Fehlfunktion

Der Chef des lokalen Organisationskomitees zeigte sich nicht weniger bestürzt. „Ich kann mich nur bei Marcel Hirscher entschuldigen“, sagte Lorenzo Conci geknickt. „Dafür ist der TV-Rechteinhaber Infront verantwortlich. Ich kenne die gesetzliche Lage in Italien leider nicht genau, ich weiß nicht, ob es erlaubt ist, dass die Drohne direkt über einem Fahrer fliegen darf. Das müssen wir auf jeden Fall abklären.“

TV-Rechteinhaber Infront stellte nach der Auswertung von technischen Daten eine Fehlfunktion an jener Drohne fest, die im Weltcup-Slalom in Madonna di Campiglio fast Marcel Hirscher getroffen hätte. Wie Infront am Mittwochabend mitteilte, habe das ein erstes Gutachten ergeben. Die Fehlfunktion könnte aufgrund von einer unvorhergesehenen, starken Frequenzstörung erfolgt sein.

Laut einer Infront-Aussendung verfolgte der Pilot der Drohne deshalb die offizielle Sicherheitsprozedur und näherte das Fluggerät vor dem Absturz so nah wie möglich dem Boden an. Das Ziel sei gewesen, die Drohne zu zerstören, bevor die Kontrolle über sie verloren geht. Man bedauere den Vorfall, „vor allem, dass er nahe eines Athleten, in diesem Fall Marcel Hirscher, passiert ist. Wir sind extrem erleichtert, dass niemand verletzt wurde“, hieß es.

FIS verspricht rasche Aufklärung

Auch die FIS versprach eine rasche Aufklärung. „Selbst wenn - anders als in Österreich, der Schweiz und anderen Ländern - Drohnen in Italien bei Events über Menschenmengen fliegen dürfen, werden die FIS und der Host-Broadcaster mit allen beteiligten Parteien zusammenarbeiten, um herauszufinden, was während des Absturzes passiert ist, um sicherzustellen, dass so etwas nicht noch einmal passiert“, verlautete der Weltverband in einer Aussendung.

Infront kündigte darüber hinaus an, einen externen unabhängigen Experten mit einer Untersuchung des Falls zu betrauen. Vorerst hätten die FIS und Infront entschieden, auf die Verwendung von Drohnen zu Übertragungszwecken zu verzichten, „bis ein vollständig gesicherter Betrieb gewährleistet werden kann“.

Wenn man bedenkt, welche Folgen der Crash hätte haben können, erscheint der Verlust von Hirschers RTL-Rennski von Alta Badia letztlich als Lappalie. Den zumindest plausibel scheinenden Diebstahl hat der 26-Jährige mittlerweile verdaut. „Grundsätzlich ist es nicht so, dass wir nicht mehrere Ski hätten“, meinte Hirscher, der nach den Strapazen der Italien-Tournee mit dem Schockmoment am Schluss nur noch ein stressarmes Weihnachten im Sinn hatte. „Auf die Ruhe freue ich mich sehr. Weil das jetzt war schon am Limit.“

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