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Ausgleich in der Nachspielzeit

Kroatien hat bei der EM in Frankreich den Einzug ins Achtelfinale leichtfertig verschenkt. Die Kroaten gaben am Freitag in Saint-Etienne gegen Tschechien eine 2:0-Führung aus der Hand und mussten sich mit einem 2:2 (1:0) begnügen. Eine entscheidende Rolle spielten dabei die eigenen Fans. Denn die unterbrachen den Spielfluss der Kroaten mit Randalen - und verhalfen den Tschechen so zum Ausgleich.

Bis 15 Minuten vor Schluss sahen die Kroaten im Stade Geoffroy Guichard nach einer eindrucksvollen Vorstellung dank Treffern von Ivan Perisic (37.) und Ivan Rakitic (59.) wie die sicheren Sieger aus. Nach dem überraschenden Anschlusstreffer der bis dahin schwachen Tschechen von Milan Skoda (75.) sorgten einige Hooligans im kroatischen Fanblock mit Böllerwürfen für eine Spielunterbrechung. In der verlängerten Nachspielzeit wurde Kroatien durch einen Elfmeter von Tomas Necid bestraft (90.+3).

Böller auf Spielfeld

APA/AFP/Joe Klamar

Raketen und Böller aus dem kroatischen Sektor ließen die Partie kippen

Die Ausgangslage zwang vor allem den tschechischen Teamchef zum Handeln. Nachdem der Plan von Pavel Vrba gegen Spanien nicht wirklich aufgegangen war, wurde umgebaut. David Lafata - der kickte einst auch bei Austria Wien - ersetzte im Sturm Tomas Necid, Jiri Skalak lief anstelle von Theodor Gebre Selassie auf. Vrba stellte sein Team auch deutlich offensiver auf. Logisch, den Tschechen half nur der Sieg. Bei den Kroaten gab es keinen Handlungsbedarf. Ante Cacic vertraute jener Elf, die die Türken 1:0 besiegt hatte.

Kroaten machen Dampf

Die Zuschauer im Stade Geoffroy Guichard erlebten einen flotten Beginn. Das lag vor allem an den Kroaten, die mächtig auf die Tube drückten. Den Tschechen blieb vorerst nichts anderes übrig, als auf Fehler des Gegners im Spielaufbau zu lauern und vor allem hinten nichts anbrennen zu lassen. Den ersten Warnschuss Richtung tschechisches Tor gab Milan Badelj ab, doch der Versuch ging knapp neben das Tor (8.). Zu tun hatten die Verteidiger vor Tormann Petr Cech jedenfalls genug.

Nach einiger Zeit kamen die Tschechen zwar etwas in die Gänge, doch einem Tor waren die Kroaten deutlich näher. Ganz nahe war Ivan Perisic, doch der Mittelfeldspieler rutschte um Zentimeter an einem Stanglpass vorbei (21.). Dass Rakitic den Ball aus guter Position den Nachschuss in die Wolken beförderte, war im Vergleich zur Chance von Perisic eine Randnotiz. Auf eine tschechische Chance warteten die Anhänger noch immer, die Umstellungen von Vrba wirkten sich nicht wirklich positiv aus.

Perisic bricht den Bann

Bei den Kroaten lief das Werkl angetrieben von Luka Modric wie geschmiert. Lange Zeit haperte es aber mit dem letzten Pass. Also musste eine Einzelaktion zur Führung her: Perisic fand mit einem Dribbling die Lücke in der tschechischen Abwehr und netzte mit einem satten Schuss ins lange Eck ein. Cech war chancen- , die tschechischen Fans fassungslos. Fast hätte Domagoj Vida die Führung noch vor der Pause erhöht, doch der Verteidiger traf eine Freistoßflanke nicht richtig. Die Kugel ging knapp vorbei (42.).

Perisic trifft zum 1:0

Ivan Perisic versenkt den Ball sehenswert zur verdienten kroatischen Führung im Netz.

Mit einem aufgrund des Spielverlaufs verdienten 1:0 für Kroatien ging es in die Pause. Ein Gegentreffer schmeichelte den Tschechen. Die Statistik der ersten Hälfte las sich aus ihrer Sicht ernüchternd: 0:5 Torschüsse, 0:7 Eckbälle. Allerdings: Zweimal hatte Tschechien mit Entscheidungen des englischen Schiedsrichters Mark Clattenburg kein Glück. Einmal hätte es bei einem der seltenen Angriffe nach einem Zweikampf Elfmeter für die Tschechen geben können, einmal - kurz nach dem 1:0 - zumindest einen Freistoß an der Strafraumgrenze geben müssen (38.).

Rakitic nutzt Fehler

In den zweiten 45 Minuten änderte sich am Spielverlauf vorerst wenig. Immerhin versuchten die Tschechen sich aus der Umklammerung der Kroaten zu befreien. Die 53. Minute verdiente besondere Erwähnung: Ladislav Krejci gab den ersten tschechischen Torschuss ab, Danijel Subasic im kroatischen Kasten packte aber sicher zu. Die Tschechen kamen nun etwas besser ins Spiel. Das lag aber auch daran, dass die Kroaten mit der Führung im Rücken etwas zurückhaltender agierten.

Rakitic trifft zum 2:0 für Kroatien (59.)

25 Meter vor dem eigenen Tor verlieren die Tschechen den Ball. Rakitic lässt sich die Chance nicht entgehen und hebt den Ball über Torhüter Cech zur vermeintlichen Entscheidung ins Tor.

Doch dann verhalfen die Tschechen Kroatien zum zweiten Tor: Marcelo Brozovic schickte nach einem Ballverlust Rakitic auf die Reise, der schupfte die Kugel locker über Cech, und die Vorentscheidung schien gefallen (59.). Kroatiens Teamchef Cacic schien keinen Zweifel mehr zu haben, dass sein Team als Sieger vom Platz gehen würde. Spielmacher Modric, von den Tschechen ordentlich abgeklopft, durfte seine Kräfte schonen. Für ihn kam Mateo Kovacic. Der nächste Österreich-Bezug: Kovacic erblickte vor 22 Jahren in Linz das Licht der Welt.

Tschechien meldet sich zurück

Die Tschechen schienen nach den 0:2 gebrochen, die Kroaten hatten jetzt noch mehr Freude mit dem Gegner. Mario Mandzukic vergab fast schon fahrlässig das 3:0: Alleine vor Cech haute der Juve-Stürmer das Leder aus kurzer Distanz volley knapp über das Tor (67.). Die Vorgeschichte passte zum Bild: Ein tschechischer Verteidiger hatte dem Torjäger den Ball mit einer missglückten Abwehr perfekt serviert.

Skoda gelingt Anschlusstreffer (76.)

Milan Skoda macht den Anschlusstreffer nach Assist von Tomas Rosicky.

Wie aus dem Nichts hauchte Skoda den Tschechen wieder Leben ein: Eine Flanke von Altmeister Tomas Rosicky - der 35-Jährige hatte vergangene Saison bei Arsenal nur 19 Minuten gespielt - nahmen die Kroaten offenbar nicht ernst, Skoda stieg am höchsten und versenkte den Ball im rechten Kreuzeck (76.). Der Anschlusstreffer weckte aber nicht nur die Hoffnung die Tschechen, sondern vor allem auch Kroatien wieder auf. Bei einem Schuss von Brozovic fehlten nur Zentimeter (80.).

Kroatische Fans kosten Sieg

Die Kroaten hatten nun das Heft wieder sicher in der Hand - und mussten auf einmal doch um den Sieg zittern. Das lag aber nicht an den Tschechen, sondern an den eigenen Fans. Mit dem Sieg vor Augen brannten bei einigen Zuschauern die Sicherungen durch. Aus dem kroatischen Fanblock flogen Leuchtraketen und Böller auf das Feld, ein Geschoß explodierte sogar neben einem Ordner. Schiedsrichter Clattenburg unterbrach die Partie. Die kroatischen Spieler versuchten die Fans zu beruhigen.

Ausgleich durch Necid (90+3)

Nach einem Handspiel des Kroaten Domagoj Vida verwandelt Tomas Necid den Elfmeter zum 2:2-Ausgleich.

Mit Mühe gelang die Übung, doch die Fans hatten ihrer Mannschaft einen Bärendienst erwiesen. Schiedsrichter Clattenburg ließ fast zehn Minuten nachspielen. Und in der 93. Minute zerplatzte der Traum vom vorzeitigen Achtelfinal-Einzug. Der englische Unparteiische verhängte einen Elfmeter für Tschechien, nachdem der Ball Vida an die Hand gesprungen war. Der eingewechselte Tomas Necid sagte Danke und jagte den Ball in die Maschen. Wer an Karma glaubt, der konnte es so sehen: Es war die gerechte Strafe für die Dummheit einiger kroatischer Fans. Die Strafe vonseiten der UEFA wird nicht lange auf sich warten lassen.

Karl Huber, ORF.at

EM, Gruppe D, zweite Runde

Sonntag:

Tschechien - Kroatien 2:2 (0:1)

St. Etienne, Stade Geoffroy Guichard, SR Clattenburg (ENG)

Torfolge:
0:1 Perisic (37.)
0:2 Rakitic (59.)
1:2 Skoda (75.)
2:2 Necid (93./Elfmeter)

Tschechien: Cech - Kaderabek, Hubnik, Sivok, Limbersky - Plasil (86./Necid) - Rosicky, Skalak (67./Sural), Krejci, Darida - Lafata (67./Skoda)

Kroatien: Subasic - Srna, Corluka, Vida, Strinic (98./Vrsaljko) - Badelj, Modric (62./Kovacic) - Brozovic, Rakitic (97./Schildenfeld), Perisic - Mandzukic

Gelbe Karten: Sivok bzw. Badelj, Brozovic, Vida

Tabelle:
1. Kroatien * 3 2 1 0 5:3 7
2. Spanien * 3 2 0 1 5:2 6
3. Türkei 3 1 0 2 2:4 3
4. Tschechien 3 0 1 2 2:5 1
* im Achtelfinale

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