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Tür zum Achtelfinale weit offen

Ungarn hat in seinem zweiten Spiel der Gruppe F dank einem Eigentor die Tür zum Achtelfinale weit aufgestoßen. Die Magyaren retteten am Samstag in Marseille gegen Island nach 0:1-Rückstand zur Pause noch ein 1:1. Birkir Saevarsson wurde zwei Minuten vor Schluss zum Unglücksraben für die Isländer, die knapp an einem historischen Sieg vorbeischrammten.

Der glückliche Ausgleich der Ungarn vor 60.842 Zuschauern im Stade Velodrome ließ auch die österreichischen Fans etwas aufatmen. Denn bei einem Sieg der Isländer hätte Österreich gegen Portugal auf alle Fälle zumindest einen Punkt gebraucht, um nicht schon nach zwei Spieltagen die Arrangements für den Rückflug treffen zu müssen.

1:1 Saevarsson (87./Eigentor)

Der einzige Fehler der isländischen Abwehr brachte Ungarn am Ende einen hart erkämpften Punkt - und dem Achtelfinale näher.

Gylfi Sigurdsson hatte die erneut gut eingestellten Isländer per Elfmeter vor der Pause in Führung gebracht (39.). Die ideenlosen Ungarn konnten den Abwehrriegel erst unter Mithilfe der Isländer knacken. Ungarn hält nach zwei Spieltagen in der Österreich-Gruppe bei vier Punkten, Island nach dem zweiten 1:1 bei zwei Zählern.

Ungarische Fans gegen Ordner

„Never change a winning team“ galt diesmal nur für Island. Die „Wikinger“ setzten auf die gleiche Startelf wie gegen Portugal. Das 1:1 fühlte sich schließlich auch an wie ein Sieg. Ungarns Teamchef Bernd Storck nahm einige Änderungen vor. Roland Juhasz musste für den verletzten Attila Fiola in der Verteidigung einspringen. Dass Adam Szalai - der hatte der ÖFB-Elf den ersten Stich ins Herz versetzt - anstelle von Zoltan Stieber, dem anderen ungarischen Torschütze, auf der Bank Platz nehmen musste, überraschte da schon eher. Tamas Priskin begann anstelle von Krisztian Nemeth.

Vor dem Spiel gingen schon ungarische Fans in die Offensive. Einige Anhänger der Ungarn legten sich im Stade Velodrome mit Ordnern und Polizeibeamten an, nachdem die rund 100 Randalierer versucht hatten, einen Zaun im Stadion zu überklettern. Ziel der Aktion waren angeblich andere ungarische Zuschauer im Sektor hinter dem Tor. Lange vor Anpfiff war noch eine riesige ungarische Fanabordnung friedlich durch die Innenstadt gezogen, diesmal griff so mancher Ordner in seiner Not sogar zu Pfefferspray.

Ausschreitungen von ungarischen Fans

APA/AFP/Bertrand Langlois

Einige ungarische Fans setzten den zweiten „Trend“ bei dieser EM fort

Ungarn bemüht, Island wartet ab

Mit Anpfiff konzentrierten sich die wirklichen Anhänger beider Teams aber dann auf das Spiel und sahen, wie die Isländer die gleiche Taktik wie gegen die Portugiesen aufzogen. Dem Team von Lars Lagerbäck war es egal, dass die Magyaren spielerisch wohl nicht auf einer Stufe mit den Iberern stehen. Also machte Ungarn das Spiel und versuchte, die Lücke in der gegnerischen Abwehr zu finden. Die Isländer lauerten aus ihrer gesicherten Defensive heraus auf Konterstöße.

Richtig gefährlich wurde es erstmals aber trotzdem im Strafraum der Ungarn. Jon Dadi Bödvarsson köpfelte den Ball knapp über das von Goalie-Opa Gabor Kiraly gehütete Tor (9.). Dann versuchte es auf der Gegenseite Priskin per Kopf, doch der Versuch ging noch weiter drüber (15.). Mit Fortdauer entwickelte sich das Match zum erwarteten harten Kampf, der hauptsächlich im Mittelfeld ausgetragen wurde. Mehr Gas gaben die Fanblöcke, die sich mit ihren Schlachtgesängen duellierten.

Kiraly mit fatalem Patzer

Die Geduld der isländischen Kicker war bewundernswert. Man ließ sich einfach nicht aus der Reserve locken. Gelang einmal ein Gegenstoß, dann hieß es für die Ungarn bei Flanken gehörig aufpassen. Ein erster ungarischer Abwehrfehler ermöglichte Island die Riesenchance zum 1:0: Tamas Kadar agierte im Zweikampf mit Johann Gudmundsson wie ein blutiger Amateur, doch Kiraly rettete seinem Verteidiger die Haut (31.). Im Gegenzug zirkelte Laszlo Kleinheisler den Ball am Tor vorbei (35.) - es war die mit Abstand beste Chance der Ungarn in Hälfte eins.

Chance von Gudmundsson (31.)

Nach einem eigentlich verunglückten Zuspiel setzte sich Gudmundsson gut durch, scheiterte aber aus kurzer Distanz an Ungarns Tormann Kiraly.

Als viele schon mit einem 0:0 als Pausenstand rechneten, stand Kiraly wieder im Mittelpunkt - doch diesmal machte der Routinier keine glückliche Figur. Der 40-Jährige verschätzte sich bei einem Eckball böse und ließ den Ball fallen. Im folgenden Getümmel holte ein Ungar - wieder war es Kadar - Islands Aron Gunnarsson von den Beinen. Schiedsrichter Sergej Karasew zeigte sofort auf den Elfmeterpunkt, und Sigurdsson ließ sich nicht lange bitten (39.). Ein Treffer, der auch aus österreichischer Sicht nicht schmeckte.

Islands Abwehr hält

Die Ausgangslage für die zweite Hälfte war klar: Ungarn musste noch mehr in die Offensive gehen. Allerdings fehlten den Magyaren die Mittel und die zündenden Ideen, um die isländische Abwehr ernsthaft zu gefährden. Ein missglückter Weitschuss von Kleinheisler nach einem Freistoßtrick war die einzige nennenswerte Offensivaktion in der Anfangsphase des zweiten Durchgangs (49.). Kurz darauf reklamierten die Ungarn Elfmeter, nachdem Stieber im Stafraum theatralisch umgefallen war. Doch Schiedsrichter Karasew fiel darauf nicht rein (53.).

1:0 Sigurdsson (Elfmeter)

Schwerer Fehler von Ungarns Tormann Kiraly - im darauffolgenden Gerangel sah der Schiedsrichter ein Foul. Islands Star Gylfi Sigurdsson verwertete den Elfmeter trocken.

Die Partie blieb trotz der ungarischen Bemühungen auf bescheidenem Niveau. Die Isländer konzentrierten sich rein auf ihre Defensive. Konterstöße konnte man an einer Hand abzählen. Und trotzdem hatten die Isländer auch im zweiten Durchgang die erste große Chance: Kolbeinn Sightorsson kam völlig frei zum Kopfball, hatte sein Visier aber schlecht eingestellt (60.). Die Sorgenfalten beim ungarischen Teamchef Storck wurden mit jeder Sekunde tiefer, die isländischen Fans fieberten dem Schlusspfiff entgegen.

Eigentor rettet Ungarn

Es war aus ungarischer Sicht auch zum Haareraufen. Selbst wenn Goalie Hannes Halldorsson sich bei Flanken verschätzte oder einen der wenigen Schüsse in seine Richtung nicht festhalten konnte - der Ball wollte einfach nicht vor einen ungarischen Fuß springen. Die Isländer standen weiter sicher und schreckten auch vor taktischen Fouls in Strafraumnähe nicht zurück. Nach einem davon durfte Balazs Dzsudzsak den Ball gefährlich Richtung Tor treten - doch diesmal packte Halldorsson sicher zu (76.).

Zwei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit löste sich der ungarische Frust jedoch in Euphorie auf - und das dank isländischer Hilfe in Form von Verteidiger Saevarsson. Der 31-Jährige brachte bei der Abwehr einen scharfen Stanglpass von Nemanja Nikolic in die eigenen Maschen und machte die harte Arbeit seiner Mannschaft zunichte (87.). Die einzige brauchbare Aktion der Ungarn in der zweiten Hälfte stieß das Tor zum Achtelfinale weit auf - auch, weil ein letzter isländischer Schuss ausgerechnet von Gudjohnson knapp am Tor vorbeizischte (90.+5).

Karl Huber, ORF.at

EM, Gruppe F, zweite Runde

Samstag:

Island - Ungarn 1:1 (1:0)

Marseille, Stade Velodrome, 60.842 Zuschauer, SR Karasew (RUS)

Torfolge:
1:0 G. Sigurdsson (39./Elfmeter)
1:1 Saevarsson (87./Eigentor)

Island: Halldorsson - Saevarsson, R. Sigurdsson, Arnason, Skulason - Gudmundsson, Gunnarsson (67./Hallfredsson), G. Sigurdsson, B. Bjarnason - Bödvarsson (69./Finnbogason), Sigthorsson (84./Gudjohnson)

Ungarn: Kiraly - Lang, Guzmics, Juhasz (85./Szalai), Kadar - Gera, Nagy - Dzudzsak, Kleinheisler, Stieber (67./Nikolics) - Priskin (67./Böde)

Gelbe Karten: Gudmundsson, Finnbogason, Saevarsson bzw. Kadar, Kleinheisler, Nagy

Tabelle:
1. Ungarn * 3 1 2 0 6:4 5
2. Island * 3 1 2 0 4:3 5
3. Portugal * 3 0 3 0 4:4 3
4. Österreich 3 0 1 2 1:4 1
* im Achtelfinale

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