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Mit Hängen und Würgen

Österreich hat am Samstag gegen Portugal in Paris ein hart erkämpftes und sehr glückliches 0:0 geholt. Vor 44.291 Zuschauern im Prinzenpark-Stadion erkämpfte die über weite Strecken klar unterlegene ÖFB-Auswahl im zweiten Spiel der EM 2016 den ersten Punkt. Die Chance auf den Einzug ins Achtelfinale lebt damit weiter. Im letzten Vorrundenmatch gegen Island braucht man dafür am Mittwoch aber einen Sieg - und eine wesentlich bessere Offensivleistung.

Für Cristiano Ronaldo und Co. verlief das Match gegen tapfer kämpfende, aber spielerisch enttäuschende Österreicher wie auf einer schiefen Ebene. Der österreichische Keeper Robert Almer avancierte zum mit Abstand besten Spieler in den ÖFB-Reihen, indem er zahlreiche Großchancen vereitelte. Höhepunkt des erfolglosen portugiesischen Sturmlaufs: In der 79. Minute schoss Ronaldo einen Elfmeter an die Stange. Teamchef Marcel Koller und seine Mannschaft sind nach der Auftaktniederlage gegen Ungarn wieder schwer gewankt, diesmal aber nicht gefallen.

Ronaldo

APA/AFP/Kenzo Tribouillard

Goalie Almer (r.) rettete mit Glanzparaden den Punkt für Österreich

Österreich beginnt ohne Janko

Österreich startete ohne Marc Janko ins zweite Spiel. Der nach einer Muskelverletzung im Adduktorenbereich nicht hundertprozentig fitte Stürmer wurde von Marcel Sabitzer ersetzt. Anstelle des verletzten Zlatko Junuzovic kam der defensive Mittelfeldmann Stefan Ilsanker in die Mannschaft. David Alaba rückte ins offensive Zentrum vor. Ilsanker erhielt von Koller den Vorzug gegenüber Alessandro Schöpf, der auch als Option gegolten hatte.

Für den gesperrten Aleksandar Dragovic spielte im Parc des Princes, der Heimstätte von Frankreichs Meister Paris Saint-Germain, wie erwartet Sebastian Prödl in der Innenverteidigung. Martin Harnik, nach dem Auftakt gegen Ungarn (0:2) wie Janko ein Wackelkandidat, blieb im Team. Portugals Coach Fernando Santos setzte mit Riciardo Quaresma auf eine zusätzliche Offensivwaffe. Dazu rückte im Vergleich zum ersten Match gegen Island (1:1) der Mittelfeldspieler William Carvalho ins Team um Superstar Cristiano Ronaldo.

Nervöser Start - Harnik verpasst Traumstart

Die Stimmung im Stadion war fantastisch, als Schiedsrichter Nicola Rizzoli aus Italien die Partie anpfiff. Dass Österreich in Weiß und nicht wie gegen Ungarn in Rot spielte, konnte man als gutes Omen werten. Und der Beginn der ÖFB-Auswahl war für die rund 20.000 mitgereisten Fans nervenaufreibend. Harnik, der die Solospitze gab, vergab in der dritten Minute per Kopf am Fünfer eine Riesenchance auf den Traumstart, nachdem Sabitzer von links geflankt hatte. Auf der anderen Seite ging ein Kopfball von Nani (6.) knapp drüber.

Harnik setzt Kopfball daneben

Martin Harnik (3.) setzte einen Kopfball nach Vorlage von Marcel Sabitzer am Tor vorbei.

Es war ein nervöser Start beider Teams mit vielen Zweikämpfen, Freistößen, technischen Fehlern und keinem Spielfluss. Aber Österreich hielt gut dagegen und Ronaldo vorerst noch aus dem Match. Die ersten Großtaten hatte Almer zu vollbringen. In der zwölften Minute rettete der Keeper alleine gegen Nani per Fußabwehr, dann entschärfte er den gefährlichen Nachschuss von Vieirinha. Es wäre schlimm gewesen, wenn die erste Unsicherheit Almers zum Rückstand geführt hätte. Der Abschlag auf Hintereggers Rücken (18.) endete mit einem Corner glimpflich.

Österreich schwimmt - Stange rettet

Portugal war spielbestimmend, allerdings noch nicht zwingend. Ronaldo wurde meistens von zwei ÖFB-Spielern attackiert. Prödl kämpfte, war im Spiel. Alaba dagegen war kein Faktor, am Bayern-Star lief das Spiel vorbei. Harnik lief viel, aber auch viele vergebliche Meter. In der 22. Minute entkam Ronaldo erstmals seiner engen Deckung. Nach Stanglpass von Raphael Guerreiro schoss der Torgarant von Real Madrid bedrängt von Hinteregger knapp daneben - normalerweise macht er den. Österreich agierte nach vorne ideenlos, nach hinten tapfer kämpfend. Doch die Fehler häuften sich - und mit ihnen die brenzligen Situationen.

Stangenschuss von Nani

Nani (29.) köpfelte nach einem Abwehrfehler der Österreicher an den linken Pfosten, den Nachschuss jagte Moutinho knapp über die Latte.

Ein Kopfball von Nani (29.) prallte an die Stange, der Nachschuss von Joao Moutinho strich knapp über das Tor. Dann parierte der starke Almer einen Kopfball von Ronaldo (35.). Nur drei Minuten später traf Ronaldo alleine vor Almer den Ball nicht richtig, nachdem die ÖFB-Abwehr erneut schwer geschwommen war. Der Führungstreffer für Portugal lag nun in der Luft. Vor der Pause dann noch eine gute Gelegenheit für Österreich: Alaba holte rechts am Strafraum einen Freistoß heraus, trat ihn scharf zur Mitte, wo Harnik an der zweiten Stange knapp zu kurz kam.

Portugal drückt - Almer gegen Ronaldo bärenstark

Mit Glück hatte Österreich das Remis in die Pause gebracht, danach musste aber eine Steigerung her. Die Leistung Alabas gab Rätsel auf, eine Passquote von 44 Prozent hat er zur Halbzeit wohl noch nie gehabt. Aber auch Sabitzer und Arnautovic waren auf den Flügelpositionen viel zu selten gefährlich geworden. Die zweite Hälfte wurde dann von Ilsanker (46.) mit einem wuchtigen Flachschuss eröffnet, Rui Patricio im Tor der Portugiesen musste sein ganzes Können aufbieten. Grundsätzlich aber dasselbe Bild: Portugal drückte kräftig an, die Österreicher kämpften verbissen, konnten sich kaum noch befreien.

Cristiano Ronaldo (POR) und Martin Hinteregger (AUT)

APA/AP/Francois Mori

Ronaldo war gegen das tapfer verteidigende ÖFB-Team kein Tor vergönnt

In der 55. und 56. Minute hatten sie es einzig und allein dem bärenstarken Almer zu verdanken, dass es weiter 0:0 stand. Der ÖFB-Goalie parierte zunächst einen präzisen Gewaltschuss von Ronaldo bravourös. wenige Augenblicke später war Almer bei einem Ronaldo-Kopfball erneut auf dem Posten. Die seltenen Entlastungsangriffe Österreichs waren viel zu schnell wieder zu Ende. Ein Angriff nach dem anderen rollte so auf Almer und seine schwer beschäftigten Vorderleute zu. In der 62. Minute gab es bereits den zehnten Eckball für Portugal. Dass das für Österreich bis zum Ende gutgehen sollte, erschien unwahrscheinlich.

Glanzparaden von Almer

ÖFB-Goalie Robert Almer (55.) wehrte einen knallharten Weitschuss von Ronaldo gerade noch ab. Kurz darauf klärte er erneut nach Schuss von Ronaldo aus kürzester Distanz.

Das Unfassbare passiert: Ronaldo vergibt Elfer

Nach 64 Minuten hatte es Alaba hinter sich, er war an diesem Abend völlig neben sich gestanden. Für ihn kam Schöpf. Ein Freistoß von Ronaldo strich unmittelbar danach knapp über die Latte. Mit Hängen und Würgen erreichten die Österreicher und mit ihnen das wertvolle 0:0 die letzten 20 Minuten einer einseitigen Partie. Die österreichischen Fans trieben sie immer wieder an, in den Reihen der Portugiesen und auch bei Ronaldo machte sich zunehmend Ungeduld breit. Schöpf brachte zudem etwas Schwung in die Mannschaft, leise Hoffnung machte sich wieder breit.

Noch 15 Minuten: Das ÖFB-Team wankte, fiel aber noch immer nicht. „Immer wieder Österreich“, schrien die Fans. Immer wieder rannte Portugal auf die ÖFB-Abwehr an. Und dann die 78. Minute, Ronaldo im Zweikampf mit Hinteregger: Der Portugal-Star stieß zuerst, Hinteregger klammerte danach, Ronaldo fiel und Rizzoli pfiff Elfmeter. Ronaldo trat in der 79. Minute an - und das Unfassbare geschah: Der ansonsten traumwandlerisch sichere Penaltyschütze schoss den Ball an die linke Stange.

Ronaldo vergibt Elfmeter

Cristiano Ronaldo zeigte Nerven und setzte einen Elfmeter (79.) an den linken Pfosten.

Noch ein Schock, dann war es geschafft

Es war noch einmal ein letzter Schub für Österreich. Mit letzter Kraft ging es in die letzten zehn Minuten. Koller wechselte noch Lukas Hinterseer für Sabitzer ein. In der 85. Minute der nächste Schock mit gutem Ausgang für Österreich: Ein wuchtiger Kopfball von Ronaldo landete im Netz, Portugal jubelte schon über das vermeintliche Siegestor, doch Rizzoli hatte schon Abseits gepfiffen. Die Minuten verrannen so unglaublich langsam, Koller brachte noch einen Neuen - Kevin Wimmer für Ilsanker. Nach 93 Minuten war es geschafft: Österreich rang Portugal einen Punkt ab und blieb so im Rennen um den Aufstieg.

Harald Hofstetter, ORF.at, aus Paris

EM, Gruppe F, zweite Runde

Samstag:

Portugal - Österreich 0:0

Paris, Parc des Princes, 44.291 Zuschauer, SR Rizzoli (ITA)

Anmerkung: Ronaldo (79.) schoss einen Elfmeter an die Stange

Portugal: Rui Patricio - Vieirinha, Pepe, R. Carvalho, Guerreiro - Quaresma (71./Mario), Joao Moutinho, W. Carvalho, Andre Gomes (83./Eder) - Nani (89./Rafa Silva), Ronaldo

Österreich: Almer - Klein, Prödl, Hinteregger, Fuchs - Baumgartlinger, Ilsanker (87./Wimmer) - Sabitzer (85./Hinterseer), Alaba (65./Schöpf), Arnautovic - Harnik

Gelbe Karten: Quaresma, Pepe bzw. Harnik, Fuchs, Hinteregger, Schöpf

Tabelle:
1. Ungarn * 3 1 2 0 6:4 5
2. Island * 3 1 2 0 4:3 5
3. Portugal * 3 0 3 0 4:4 3
4. Österreich 3 0 1 2 1:4 1
* im Achtelfinale

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