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Weltmeister zeigt souveräne Leistung

Weltmeister Deutschland hat mit einem 1:0 gegen Nordirland am Dienstag in Paris den zweiten Sieg in Gruppe C geholt und sich damit Platz eins gesichert. Das DFB-Team zog gegen über weite Strecken überforderte Nordiren ein einstündiges Powerplay auf, zeigte dabei aber Schwächen im Abschluss.

Siegesgarant für das Team von Trainer Joachim Löw war Besiktas-Torjäger Mario Gomez, der nach knapp einer halben Stunde zum mehr als verdienten 1:0 einschoss und mit seinem ersten DFB-Pflichtspieltreffer seit der EM 2012 auf sich aufmerksam machte. In der zweiten Hälfte durfte sich zudem der eingewechselte DFB-Kapitän Bastian Schweinsteiger über einen Rekord freuen.

Müller legt für Gomez ab

Mario Gomez erzielte in der 30. Minute den Siegestreffer. Nach Zusammenspiel mit Thomas Müller versenkte der 30-jährige Stürmer den Ball im Tor der Nordiren.

Nordiren mischen Abwehrbeton an

Nordirlands Teamchef Michael O’Neill schickte im Pariser Prinzenpark-Stadion wie erwartet eine ultradefensive 4-5-1-Formation aufs Spielfeld. Der Hintergedanke: Das Spiel im eigenen Abwehrdrittel eng machen, den Ball gewinnen und mit hohen Pässen Solospitze Conor Washington füttern.

Löw antizipierte den nordirischen Abwehrwall und stellte auf zwei Positionen um: Mit Gomez rückte ein echter Stoßstürmer in die Startelf, Mario Götze rückte von der vordersten Spitze auf den Flügel, dafür musste Julian Draxler auf die Bank. In der Verteidigung übernahm Bayern-Youngster Joshua Kimmich den Part als Rechtsverteidiger vom Schalke-Routinier Benedikt Höwedes.

McGovern faustet Hummels an - daneben

In der zehnten Minuten wurde Toni Kroos rund 35 Meter vom Tor entfernt umgerissen. Der Real-Legionär brachte den Freistoß selbst in den Strafraum, der irische Goalie Michael McGovern faustete den Ball genau auf Hummels, von dessen Kopf das Spielgerät ins Aus ging. Wenige Sekunden danach hatte Mesut Özil das 1:0 auf dem Fuß, scheiterte aber an den in den Schuss rutschenden Nordiren. In dieser Gangart ging es weiter: In Minute zwölf schwindelte sich Götze durch die Linien - und fand mit seinem Schuss erneut Torhüter McGovern.

Mario Gomez jubelt

APA/AFP/Kenzo Tribouillard

Gomez bricht den Bann für den Weltmeister und trifft nach einem wahren Powerplay der Deutschen in Minute 29 zur Führung

Nach 15 Spielminuten stellte das Weltmeisterteam das anfängliche Dauerfeuer ein und nahm sich etwas zurück. Die Nordiren durften angesichts der weichenden Pressingmaschinerie sogar in die Hälfte der Deutschen eindringen. Nennenswerte Möglichkeiten ergaben sich dadurch freilich nicht, die Kontrolle über das Spiel hatte das Löw-Team stets selbst in der Hand.

Gomez nähert sich dem Torerfolg an

Nach einer fünfminütigen Verschnaufpause sorgte Gomez für die nächste Chance, sein Heber ging zwar über McGovern, verfehlte aber auch das Tor (20.). Die beste Möglichkeit hatte drei Minuten später Müller, der sich auf Rechtsaußen durchsetzte und mit seinem flachen, links angetragenen Schuss knapp das Tor verfehlte. Weitere vier Minuten später setzte Kimmich erneut Müller in Szene, der Bayern-Angreifer hechtete per Kopf in den Ball, näherte sich erneut seinem ersten Treffer im Turnier - und setzte das Leder an die Außenstange.

In der 29. Minute war der Bann aus deutscher Sicht endlich gebrochen: Özil spielte auf Gomez, der auf Müller weiterleitete. Dieser tankte sich weiter Richtung Fünfmeterraum, band drei Gegenspieler und legte im richtigen Moment erneut auf Gomez zurück, der aus sieben Metern durch die Beine von Gareth McAuley einschoss. Es war das vierte Tor bei einer EM für den Besiktas-Legionär und der erste Treffer in einem Bewerbsspiel seit der EM 2012 gegen die Niederlande.

Müller bleibt weiterhin ein Treffer versagt

Fünf Minuten danach haderte Müller erneut mit fehlendem Glück im Abschluss. Götze legte von der Grundlinie zurück auf seinen Bayern-Teamkollegen, der aus zwölf Metern nur die Latte traf. Ein Aluminiumtreffer für die Geschichtsbücher: Müller ist der erste deutsche Spieler, der in einer EM-Begegnung zweimal Stange oder Latte traf.

Pausenpfiff für Nordiren eine Erlösung

Mit dem 1:0 ging es im Anschluss auch in die Pause - und das angesichts des Spielverlaufs überaus glücklich für Nordirland. 19:2 Schüsse, 78:22 Prozent Ballbesitz und 316 zu 58 angekommene Pässe standen zur Halbzeitbilanz zu Buche - dominanter kann ein Team nicht mehr auftreten.

Nach der wohl besten Hälfte der Deutschen bei dieser Endrunde gab es beim Europameister von 1996 keinen Grund für Wechsel zur Pause, die Nordiren verzichteten ebenfalls auf Umstellungen. Auch am Spielgeschehen änderte sich wenig. Die Deutschen übernahmen wieder das Kommando und beackerten - dem Seitenwechsel sei dank - die andere Spielhälfte. Die Briten versuchten bei einsetzendem Regen in Paris ihre Linien weiter nach vorne zu schieben, hatten bei den gewohnt ballsicher agierenden DFB-Spielern aber alle Mühe, Terrain zu erobern.

Mario Goetze (GER) und Michael McGovern (NIR)

APA/AFP/Odd Anderson

Götze verpasste mit einer Doppelchance binnen 30 Sekunden gleich zweimal das 2:0 für die Deutschen - und wurde kurz danach ausgewechselt

In der 52. Minute hätte Götze beinahe auf 2:0 erhöht, nur dank seiner fehlenden Präzision im Abschluss und McGovern im Tor, der den Schuss aus etwa fünf Metern mit seinem Körper abblockte, blieb es beim 1:0. Nur 30 Sekunden nach seiner ersten Topchance kam Götze aus beinahe exakt derselben Position erneut zum Zug. Einziger Unterschied: Diesmal ging sein Schuss neben das nordirische Tor. DFB-Trainer Löw war ob der zahlreichen vergebenen Chancen an der Seitenlinie bereits „not amused“.

Löw schont Spitzenkräfte im Finish

Die Konsequenz folgte auf dem Fuß: In Minute 55 trabte Götze vom Platz - und wurde durch Andre Schürrle ersetzt. An den Positionen am Feld änderte das nichts - Schürrle übernahm die zuvor von Götze betreute linke Außenbahn. Für Action sorgten zunächst aber die anderen Deutschen: Khedira prüfte McGovern mit einem Fernschuss, den dieser nur nach vorne abprallen lassen konnte. Nutznießer der Situation wäre beinahe Gomez gewesen, der den Ball per Kopf aber nicht mehr kontrolliert aufs Tor bringen konnte (59.).

Nach genau einer Stunde Spielzeit war es dann geschehen: die erste Chance für Nordirland. Nach einem Eckball von Oliver Norwood stieg Jonny Evans höher seine Gegenspieler, konnte den Ball aber wegen des beeindruckenden Luftstandes nicht mehr in Richtung Manuel Neuer drücken.

Schweinsteiger wird EM-Rekordspieler

Angesichts der Harmlosigkeit des Gegners und der Führung im Rücken ließ es Deutschland mit Fortdauer der zweiten Hälfte besonnener angehen. Kräfte schonen für das Achtelfinale war angesagt. Immerhin Statistiker hatten Grund zum Jubel: Mit der Einwechslung von Bastian Schweinsteiger - dem etatmäßigen DFB-Kapitän - für Khedira, avancierte der ManUnited-Legionär zu Deutschland EM-Dauerbrenner. Mehr als seine 15 EM-Spiele hat kein anderer DFB-Spieler auf dem Konto.

In der Offensive fehlte es dem deutschen Spiel trotz Schweinsteiger an Nachdruck: Gomez verpasste eine scharfe Flanke von Hector, Schürrles Abschluss aus etwa 18 Metern wurde abgeblockt. Bei einem Kopfball von Gomez nach einem Chip von Kimmich musste McGovern rettend eingreifen (82.). Weil auch in den letzten Minuten keine zwingende Möglichkeit mehr gelingen wollte, blieb es beim 1:0. Während der Sieg deutlicher ausfallen hätte können, durften sich die Nordiren immerhin über ein fairplaytechnisches 0:0 freuen: auf beiden Seiten gab es keine einzige Gelbe Karte.

Mario Wally, ORF.at

Stimmen zum Spiel:

Joachim Löw (DFB-Trainer): „Wenn die K.-o.-Spiele kommen, muss man die wenigen Chance eiskalt verwerten und nicht damit spaßen. Wir haben zu viele Chancen vergeben. Wir hätten schon zur Halbzeit 3:0 oder 4:0 führen müssen.“

Michael O’Neill (Nordirland-Teamchef): „Es war sehr schwierig gegen den Weltmeister, aber wir haben großartig verteidigt. Unser Tormann Michael McGovern hatte einen fantastischen Tag. Die Spieler können von dieser Leistung viel mitnehmen. Niemand will seine Mannschaft so einstellen, dass sie nur verteidigt, aber wenn man schaut, wo die deutschen Spieler alle spielen, bei Bayern, Real und so weiter, da ist es besser so, als sie 0:7 verlieren zu sehen. Wir können stolz darauf sein, dass wir hier in Paris gegen den Weltmeister spielen durften, und hoffentlich müssen wir noch nicht die Heimreise antreten.“

Mario Gomez (DFB-Torschütze): „Das war nicht einfach da vorne. Da standen zwei Ochsen. Alles in allem können wir zufrieden sein. Wir sind Gruppenerster, das ist, was zählt bei einer EM. Jetzt hoffen wir, dass wir auch noch die Tore schießen. Vielleicht haben wir uns die Tore für die K.-o.-Phase aufgehoben.“

Thomas Müller (DFB-Angreifer): „Wir haben das umgesetzt, was wir trainiert haben. Nur die Tore haben gefehlt. Allein ich hätte in der ersten Halbzeit mit Gareth Bale gleichziehen können. Wir waren aber gierig und haben uns reingebissen. Das war eine deutliche Steigerung. Wenn wir den Hunger behalten, geht der Ball auch wieder rein.“

Dienstag:

EM, Gruppe C, dritte Runde

Nordirland - Deutschland 0:1 (0:1)

Paris, Parc des Princes, 44.000 Zuschauer, SR Turpin (FRA)

Tor: Gomez (30.)

Nordirland: McGovern - Hughes, McAuley, Cathcart, J. Evans (84. McGinn) - Norwood - J. Ward (70. Magennis), C. Evans, Davis, Dallas - Washington (59. Lafferty)

Deutschland: Neuer - Kimmich, Boateng (76. Höwedes), Hummels, Hector - Khedira (69. Schweinsteiger), Kroos - Müller, Özil, Götze (56. Schürrle) - Gomez

Gelbe Karten: Keine

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