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Kroatien stoppt „Furia Roja“

Kroatien hat Spanien am Dienstagabend die erste EM-Niederlage seit 2004 zugefügt und sich nach dem 2:1-Erfolg den Gruppensieg in Pool D gesichert. Damit wären die Kroaten Österreichs Achtelfinal-Gegner, sollte das ÖFB-Team mit einem Sieg gegen Island Rang drei in Gruppe F holen.

Alvaro Morata hatte aufseiten der Spanier mit seinem Treffer in der siebenten Minute noch für einen Auftakt nach Maß gesorgt. Sekunden vor der Pause glückte aber Nikola Kalinic der Ausgleich. In der zweiten Hälfte scheiterte Spaniens Kapitän Sergio Ramos mit einem Elfmeter am kroatischen Goalie, ehe Ivan Perisic kurz vor dem Ende Kroatien zum Gruppensieg schoss.

Spanien zu Beginn unverändert

Beim Europameister gab es nach den beiden Erfolgen gegen die Türkei und Tschechien keinen Grund zu wechseln - fand zumindest Teamchef Vicente del Bosque und schickte zum dritten Mal in Folge dieselbe Startelf aufs Feld. Sein Gegenüber Ante Cacic stellte hingegen gleich fünfmal um. Neben Luka Modric, Domagoj Vida, Ivan Strinic, Marcelo Brozovic und Mario Mandzukic kamen Tin Jefvaj, Sime Vrsaljko, Marko Rog, Marko Pjaca und Nikola Kalinic ins Spiel.

(7.) Morata trifft zum 1:0 für Spanien

Morata schließt eine Traumkombination der Spanier mit einem Tor ab.

Auf dem Spielfeld änderte die personelle Ausgangslage wenig an der Grundausrichtung. Spanien versuchte, Ball und Gegner laufen zu lassen, um punktuell das Tempo zu erhöhen und steil zu gehen. Erstmals gelang das in der sechsten Minute. Juanfrans Hereingabe kam aber Kroatiens Schlussmann Danijel Subasic zu nahe, und der Keeper konnte locker abfangen.

Morata verwertet Stanglpass zum frühen 1:0

Eine Minute später stand es plötzlich 1:0 für den Europameister: David Silva setzte Cesc Fabregas per Steilpass in Szene, der Chelsea-Regisseur legte den Ball per Stanglpass quer - und im Zentrum brauchte Alvaro Morata nur noch zur Führung vollenden. Standesgemäßer kann ein Europameister nicht in ein EM-Spiel starten.

Doch die „Kockasti“ (die Karierten) ließen sich vom frühen Gegentreffer nicht beirren - und hielten dagegen. Kalinic etwa nahm Goalie David de Gea den Ball weit vor dessen Tor ab, und Ivan Rakitic versuchte sich mit einem Heber. Der Barca-Regisseur hatte Pech: Der Ball ging an Latte und Pfosten, ehe er auf das Feld zurücksprang (14.).

Kalinic trifft nach Perisic-Vorarbeit

Dem schleppenden spanischen Tempo setzten sich die Kroaten in der Folge noch energischer entgegen und erarbeiteten sich eine Drangphase. Noch während sich Morata über eine verpasste Chance nach Fabregas-Vorlage ärgerte, brach Ivan Perisic am linken Flügel durch und flankte in den Strafraum. Der Ball zog an der spanischen Innenverteidigung vorbei, und Kalinic bugsierte das Spielgerät mit dem linken Außenrist sehenswert zum Ausgleich in das spanische Tor (45.). Sekunden später war die erste Hälfte beendet.

(45.) Kalinic stellt für Kroatien auf 1:1

Kalinic verwandelt eine Flanke elegant mit dem Außenrist zum 1:1-Ausgleich für Kroatien.

Im zweiten Durchgang zeigte sich zunächst dasselbe Spiel: Die Spanier zogen ihr Kurzpassspiel auf und bemühten sich, das Tempo dabei hoch zu halten, um den Kroaten keine Angriffspunkte zu ermöglichen. Nach einigen Spielminuten verliefen die Ballstafetten jedoch schon wieder weit langsamer.

Spanische Behäbigkeit, Kroatien aggressiv

Die Kroaten nutzten die Behäbigkeit im Spiel der Spanier und pressten verhältnismäßig hoch, um die Bälle zu erobern. Nach einem solcherart geholten Freistoß kam es zu einem Eckball. Spaniens Goalie de Gea konnte den Ball zunächst wegfausten, dieser kam aber zu Dario Srna, der erneut hoch in den 16er flankte. Wieder war de Gea mit einer Hand dran, konnte aber nicht klären - Jedvaj schaltete am schnellsten, zog ab, traf aber nur de Geas Fuß. Den Abpraller verwertete Pjaca per Fallrückzieher, der aber klar neben das Tor ging (57.).

In der 64. Minute waren die Kroaten dann mit Referee Björn Kuipers unzufrieden. Pjaca ging nach einem Dribbling im Strafraum zu Boden, und der niederländische Unparteiische entschied: kein Elfmeter. Während sich die Kroaten beim Schiedsrichter beschwerten, schimpften die Spanier in Richtung Gegner. Immerhin wurde die Spanier dadurch aus ihrem Phlegma geweckt. Jordi Alba ließ Milan Badelj aussteigen und zog ab, der Kroate brachte aber noch mit Müh und Not ein Bein vor den Ball (67.). Noch näher am 2:1 war wenige Sekunden später Sergio Ramos: Der Real-Verteidiger stieg nach einer Silva-Ecke am höchsten, verpasste aber aus sechs Metern das Tor knapp.

Kroatiens Goalie Danijel Subasic hält den Elfmeter von Sergio Ramos (ESP)

APA/AP/Manu Fernandez

Subasic wehrt einen Elfmeter von Ramos ab und hält Kroatien im Spiel

Real-Star Ramos scheitert vom Elferpunkt

In Minute 70 pfiff Kuipers dann doch einen Elfmeter - allerdings zugunsten der Spanier. Srna hatte Silva im Strafraum von hinten leicht gestoßen und der ManCity-Legionär war gefallen. Kapitän Ramos legte sich den Ball zum Strafstoß zurecht - und scheiterte am aus dem Tor stürzenden Subasic, der den zu zentralen Ball zur Seite abwehrte (72.).

(87.) Perisic trifft zum 2:1

Ivan Perisic trifft nach einem schönen Konter der Kroaten zum 2:1.

Die vergebene Elfmeterchance verlieh den Spaniern im Finish neue Motivation. Ramos versuchte sich nach einer Ecke erneut per Kopf, setzte den Ball aber deutlich über das Tor (79.). Im Vorwärtsgang zeigte sich die Del-Bosque-Elf deutlich energischer als in den Minuten davor.

Doch die Kroaten erwiesen sich als kluges Konterteam: Kalinic lief den aufgerückten Spaniern auf und davon und bediente vor dem 16er Perisic. Der Inter-Star brach durch und zog mit links aus acht Metern wuchtig ab. Der Ball wurde noch von Gerard Pique leicht abgelenkt, ehe er im Tor der Spanier einschlug (87.).

Sergio Ramos (ESP)

APA/AFP/Nicolas Tucat

Elfer vergeben, Spiel verloren: Ramos war am Ende sichtlich gezeichnet

Im Anschluss warf der Europameister noch einmal verzweifelt alles nach vorne. Silva kam auch tatsächlich noch Sekunden vor dem Schlusspfiff in den kroatischen Strafraum, verzettelte sich aber mit drei Haken, ehe er von den kroatischen Verteidigern abgedrängt wurde und sein Team nicht mehr vom Rückfall auf Platz zwei bewahren konnte.

Mario Wally, ORF.at

Stimmen zum Spiel:

Ante Cacic (Kroatien-Teamchef): „Es war ein wichtiger Sieg für uns gegen den Europameister und eine sehr starke Mannschaft. Wir haben aber auch schon in den anderen zwei Matches gut gespielt und gezeigt, dass wir für jede Mannschaft ein harter Gegner sind und unser Spiel spielen. Unsere Defensive war sehr solide, das war ein Schlüssel für den Erfolg. Dieses Ergebnis ist umso schöner, wenn man bedenkt, dass ich fünf Spieler gewechselt habe, um im nächsten Spiel wieder frische Spieler zu haben. Spanien hat uns respektiert, mit der besten Formation gespielt, um den ersten Platz zu erreichen. Wir wollten genauso Gruppensieger werden und haben das auch erreicht. Wir haben den ersten Schritt gemacht, jetzt müssen wir von Spiel zu Spiel schauen. Das Selbstvertrauen ist jedenfalls noch größer geworden. Ich bin sehr glücklich.“

Ivan Rakitic (Kroatien-Mittelfeldspieler): „Wir haben das beste Länderspiel der Saison gespielt. Unser Sieg war kein Zufall. Unsere Leistung war richtig gut. Und dass wir jetzt sogar noch die Gruppe gewonnen haben und einigen großen Kalibern aus dem Weg gehen können, macht den Sieg noch viel schöner.“

Vicente del Bosque (Spanien-Teamchef): „In der Kabine war es ganz ruhig. Wir hatten das Spiel unter Kontrolle, ich will unsere Leistung nicht voll verteidigen, ich glaube aber, dass wir ganz gut gespielt haben. Wir haben uns einfach am Ende einen Konzentrationsfehler geleistet, deshalb hat das Ergebnis nicht gepasst. Italien war nicht der Gegner, den wir bekommen wollten, aber so ist Fußball. Wir sind weiter im Bewerb und haben auch das Potenzial, die Aufgabe zu meistern.“

Sergio Ramos (Spanien-Kapitän): „Wir haben das Spiel kontrolliert am Anfang. Und in der zweiten Hälfte habe ich die beste Möglichkeit vergeben, uns wieder in Führung zu schießen. Es ist eine Schande, dass ich diesen Elfmeter verschossen habe. Wir müssen unsere Konsequenzen aus der Niederlage ziehen. Das darf in der K.-o.-Phase nicht mehr passieren. Was sich als Gruppenzweiter für uns ändert? Wir spielen gegen Italien, aber als Titelverteidiger müssen wir alle schlagen können.“

Daniel Subasic (Kroatien-Tormann): „Elfmeter ist für einen Tormann wie ein Glücksspiel. Ich habe versucht, mit meiner Reaktion so lange wie möglich auf Ramos zu warten. Was wir erreichen können? Wir haben jetzt vier Tage bis zum nächsten Spiel. Das ist das Einzige, was ich weiß. Wir nehmen Spiel um Spiel.“

EM, Gruppe D, dritte Runde

Dienstag:

Kroatien - Spanien 2:1 (1:1)

Stade de Bordeaux, 37.250, SR Kuipers (NED)

Torfolge:
0:1 Morata (7.)
1:1 Kalinic (45.)
2:1 Perisic (87.)

Kroatien: Subasic - Srna, Corluka, Jedvaj, Vrsaljko - Rog (82. Kovacic), Badelj - Pjaca (92. Cop), Rakitic, Perisic (94. Kramaric) - N. Kalinic

Spanien: De Gea - Juanfran, Pique, Ramos, Alba - Fabregas (84. Thiago), Busquets, Iniesta - Silva, Morata (67. Aduriz), Nolito (60. Soriano)

Gelbe Karten: Rog, Vrsaljko, Srna, Perisic bzw. Keine

Tabelle:
1. Kroatien * 3 2 1 0 5:3 7
2. Spanien * 3 2 0 1 5:2 6
3. Türkei 3 1 0 2 2:4 3
4. Tschechien 3 0 1 2 2:5 1
* im Achtelfinale

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