Frankreich kommt spät in Schwung
Frankreich hat am Sonntag bei der Heim-EM mit einem hart erkämpften 2:1-Sieg über Irland den Kopf gerade noch aus der Schlinge gezogen. Der Gastgeber lag gegen aufopfernd spielende Iren im Achtelfinale bis zur 57. Minute mit 0:1 zurück, ehe Antoine Griezmann „Les Bleus“ mit einem Doppelpack innerhalb von etwas mehr als drei Minuten noch auf die Siegerstraße brachte.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Dabei hatten die Iren im Duell mit der klar favorisierten „Equipe Tricolore“ einen Traumstart hingelegt und waren durch einen Elfmeter von Brady bereits nach zwei Minuten in Führung gegangen. Frankreich biss sich danach lange die Zähne aus und konnte aus seiner Überlegenheit kein Kapital schlagen. Erst Griezmann sorgte per Kopf (57.) und per Fuß (61.) für die Erlösung.
Griezmann schießt Frankreich ins Glück
Giroud verlängert per Kopf zu Antoine Griezmann, der das 2:1 für Frankreich schießt.
Der Gastgeber bekommt es nun am Sonntag im Viertelfinale mit dem Sensationsteam Island zu tun. Irland darf sich immerhin mit dem erstmaligen Einzug in die K.-o.-Runde trösten. Der letzte irische Sieg gegen Frankreich datiert damit weiter vom 14. Oktober 1981 in Dublin, als es in der WM-Qualifikation einen 3:2-Sieg zu feiern gab.
Deschamps schickt Auftaktelf aufs Feld
Frankreichs Teamchef Didier Deschamps vertraute gegen Irland auf genau jene Startelf, die sich im Eröffnungsspiel gegen Rumänien im Finish dank eines Traumtors von Dimitri Payet mit 2:1 durchgesetzt hatte. Im Vergleich zum 0:0 im letzten Gruppenspiel gegen die Schweiz nahm er vier Veränderungen vor. So kehrten die gelbbelasteten N’Golo Kante ins Mittelfeld und Olivier Giroud in den Sturm zurück. Ebenfalls von Beginn an wieder mit dabei waren Blaise Matuidi und Payet.
Irlands Trainer Martin O’Neill blieb unterdessen genau jener Elf treu, die er bereits beim entscheidenden Spiel um den Achtelfinal-Einzug aufs Feld geschickt hatte. Die Iren qualifizierten sich durch das 1:0 gegen Italien am vergangenen Mittwoch erstmals in der Verbandsgeschichte für die K.-o.-Runde. Das historische Goldtor gegen die „Squadra Azzurra“ erzielte dabei in der 81. Minute Brady, den O’Neill auch diesmal auf dem rechten Flügel aufbot. Den Zweiersturm bildete erneut Daryl Murphy gemeinsam mit Shane Long.
Allgegenwärtig waren in Lyon die Erinnerungen an das letzte Aufeinandertreffen der beiden Teams. Im November 2009 wurden die Iren auf dem Weg zur WM durch ein 1:1 im Stade de France jäh gestoppt. Dem entscheidenden Treffer durch William Gallas in der 103. Minute ging dabei ein klares Handspiel von Thierry Henry voraus. Fünf Iren aus dem EM-Kader waren damals dabei. Bei den Franzosen erlebten sechs aktuelle Teamspieler den Abend in Saint-Denis entweder auf dem Platz oder der Ersatzbank mit.
Irland legt Traumstart hin
Auch wenn sich Coach O’Neill bemühte, nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen, brannten die Iren auf Revanche. Die Zuschauer hatten sich noch gar nicht hingesetzt, da versetzten die „Boys in Green“ den Franzosen den ersten Schock. Ausgerechnet Paul Pogba, der bisher weit hinter den Erwartungen geblieben war, lief Long im Strafraum in die Fersen. Dem italienischen Schiedsrichter Nicola Rizzoli blieb gar nichts anderes übrig, als auf Elfmeter zu entscheiden. Italien-Held Brady übernahm die Verantwortung und hämmerte den Ball via Innenstange zum 1:0 in die Maschen (2.).
Brady verwandelt Elfmeter zum 1:0 für Irland (2.)
Paul Pogba verursacht einen Elfmeter, den Robbie Brady zum 1:0 für Irland verwertet.
Irland hatte dank des zweitschnellsten Treffers der EM-Geschichte sein Offensivsoll bereits nach exakt 1:59 Minuten erfüllt und konnte sich nun ganz auf die zu erwartenden wütenden Angriffe der Franzosen konzentrieren. Es dauerte auch nicht lange, bis sich die „Equipe Tricolore“ gefangen hatte und selbst vor dem irischen Tor auftauchte. Ein Freistoß von Payet fiel aber zu zentral aus (8.). Eine Flanke von Unglücksrabe Pogba konnte Griezmann ebenso nicht verwerten (9.), wie eine Vorlage nach einem Freistoß (18.). Dazwischen rettete Shane Duffy vor dem einschussbereiten Giroud (12.).
Frankreich beißt sich Zähne aus
Die „Boys in Green“ zogen den Franzosen aber mit Fortdauer des Spiels immer wieder mit aggressivem Pressing den Nerv und ließen Payet und Co. wenig Platz zur Entfaltung. An eine Abwehrschlacht dachte die O’Neill-Elf dabei aber keineswegs. So zog Jeff Hendrick nach einem weiten Einwurf aus der Drehung ab und brachte Hugo Lloris etwas ins Schwitzen. Der Kapitän im Tor der Franzosen konnte nur zur Seite abklatschen lassen, den Nachschussversuch aus spitzem Winkel dann aber doch sicher bändigen (21.).
Je länger die Partie nun aber dauerte, desto nervöser und ideenloser agierte der Gastgeber. Irland machte im Zentrum dicht und nahm geschickt das Tempo aus der Partie. Gleichzeitig brachten schnelle Gegenstöße über die Flügelspieler James McClean und Torschütze Brady die französische Defensive immer wieder in Bedrängnis.
Doppelchance für Frankreich
Im Straumraum der Iren kommt es in der Nachspielzeit der ersten Hälfte gleich zu mehreren Ausgleichschancen für Frankreich. Payet hat dabei die größte Möglichkeit.
Auf der Gegenseite wurde es indes lediglich gefährlich, wenn der immer stärker werdende Pogba mit der Wut im Bauch seine Füße im Spiel hatte. Der letzte Pass kam aber nicht an. Dass es zur Pause weiter 1:0 für Irland stand, war deshalb keine Überraschung - auch weil die Franzosen bei der größten Ausgleichschance das Spielgerät nicht im Tor unterbrachten. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte konnten sich die Iren zunächst nicht befreien, warfen sich danach aber kollektiv und erfolgreich in Schüsse von Payet und Griezmann.
Coman soll für frischen Wind sorgen
Mit dem Rücken zur Wand musste Deschamps reagieren und brachte mit Bayern-Wirbelwind Kingsley Coman für den blassen Kante neuen Schwung für die Offensive. Erstmals für Aufregung sorgte dann aber ein Payet-Freistoß, den Pogba verlängerte und danach nur haarscharf am Kopf von Innenverteidiger Laurent Koscielny vorbeipfiff (48.). Die französischen Fans im Stade de Lyon mussten weiter auf den erlösenden Ausgleichstreffer ihrer Mannschaft warten.
Zumindest kämpferisch waren die Iren aber weiter auf Augenhöhe und sorgten auch offensiv für den einen oder anderen Glanzpunkt. Nach einem Bilderbuchkonter über fünf Stationen probierte es McClean mit einem Stanglpass in die Mitte. Lloris konnte sich aber auszeichnen und mit den Fingerspitzen gerade noch vor Long retten (52.). Ebenso wie sein Gegenüber Darren Randolph, der einen Schuss von Blaise Matuidi zur Ecke klärte (55.).
Griezmann dreht Partie im Alleingang
Langsam, aber sicher schienen die Kräfte der Iren, die drei Tage weniger Zeit zur Erholung hatte, nun zu schwinden. Innerhalb von 225 Sekunden drehte Griezmann die Partie mit einem Doppelpack doch noch zugunsten des Gastgebers. Zunächst stieg der nur 1,75 m große Atletico-Torjäger nach einer Flanke von Bacary Sagna im Strafraum am höchsten und erlöste die heimischen Fans mit dem Ausgleichstreffer (57.). Dann ließ Giroud einen hohen Ball für Griezmann abtropfen und der 25-Jährige hämmerte den Ball unhaltbar für Randolph in die Maschen (61.).
Griezmann gleicht per Kopf zum 1:1 aus (58.)
Nach einer schönen Flanke setzt sich Griezmann per Kopf durch und gleicht zum 1:1 aus.
Den Franzosen war nun die Last des Drucks einer ganzen Fußballnation von den Schultern gefallen, und plötzlich klappte es auch mit dem Kurzpassspiel. Abermals sollte Griezmann für den nächsten Höhepunkt sorgen. Nach einem Lochpass von Giroud lief der nun dreifache EM-Torschütze allein auf das irische Tor zu. Duffy hatte aber etwas dagegen und zog knapp außerhalb des Strafraums die Notbremse und sah zu Recht die Rote Karte (66.). Der anschließenden Freistoß brachte aber nichts ein.
Frankreich spielte nun aber groß auf, wollte noch einmal nachlegen und für die endgültige Entscheidung sorgen. Irland fehlten mit nur noch zehn Mann mittlerweile die Kraft und die Mittel, das Ruder noch einmal herumzureißen. In der 77. Minute prallte ein Schuss des für Giroud eingewechselten Andre-Pierre Gignac an die Latte. Auch Versuche von Matuidi (81., 86.), Payet (88.) sowie Matchwinner Griezmann (93.) fanden nicht ihr Ziel. So blieb es bei einem knappen, aber hochverdienten Sieg der Franzosen, dem ersten in einem K.-o.-Spiel seit der EM 2000. Damals holte man sich gegen Italien den EM-Titel.
Wolfgang Rieder, ORF.at
Fußball-EM, Achtelfinale
Sonntag:
Frankreich - Irland 2:1 (0:1 )
Stade de Lyon, 56.300 Zuschauer, SR Rizzoli (ITA)
Torfolge:
0:1 Brady (2./Elfmeter)
1:1 Griezmann (58.)
2:1 Griezmann (61.)
Frankreich: Lloris - Sagna, Rami, Koscielny, Evra - Matuidi, Kante (46./Coman/93./Sissoko), Pogba - Griezmann, Giroud (73./Gignac), Payet
Irland: Randolph - Coleman, Keogh, Duffy, Ward - Brady, McCarthy (72./Hoolahan), Hendrick, McClean (68./O’Shea) - Long, Murphy (65./Walters)
Rote Karte: Duffy (66./IRL/Notbremse)
Gelbe Karten: Kante, Rami bzw. Coleman, Hendrick, Long
Links: