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Erwartungshaltung unterschätzt

Marcel Koller und die Spitze des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB) haben sich 37 Tage Zeit gelassen, um das enttäuschende Vorrunden-Aus bei der EM 2016 in Frankreich öffentlich aufzuarbeiten. Die Analyse fiel auch mit Abstand zum Turnier ähnlich aus wie unmittelbar nach dem 1:2 gegen Island. Der Druck von außen, fehlende Form bei einigen Spielern und Unerfahrenheit seien schuld an der Pleite gewesen.

Koller, Windtner und Ruttensteiner waren sich in einer Sache einig: Die von der Qualifikation geschürten Erwartungen taten nicht gut. „Wir konnten die hohe Erwartungshaltung leider nicht erfüllen, das ist sehr zu bedauern“, sagte ÖFB-Präsident Windtner. Die Erwartungshaltung und die Bedeutung einer EM-Endrunde hätten laut Ruttensteiner bei den Spielern Stress erzeugt - und der habe sich negativ auf die Leistung ausgewirkt.

Szene aus dem Match Österreich gegen Ungarn

GEPA/Christian Walgram

Für Hinteregger, hier gegen Ungarn, und Co. war der Druck doch zu groß

Der ÖFB-Sportdirektor nahm sich und den Betreuerstab aber auch selbst in die Pflicht. „Die Spieler haben es als ihre Verpflichtung angesehen, die hohen Erwartungen zu erfüllen, aber keine Erfahrung mit Großereignissen gehabt. Wir haben es verabsäumt, dieses Großereignis noch näher mit den Spielern aufzuarbeiten“, sagte Ruttensteiner.

Kader nicht in Bestverfassung

Für Sportdirektor Ruttensteiner war die Verfassung einiger Spieler im Vorfeld des Turnieres ein mitentscheidender Grund für das Vorrunden-Aus: „Marcel Koller hat das in Frankreich nie zum Thema gemacht. Aber in Summe haben acht Spieler Probleme ins Teamcamp mitgebracht. Jeder Teamchef in Europa ist davon abhängig, wie die Spieler zur Nationalmannschaft kommen. Sie kommen mit einem gewissen Rucksack zum Team. Dieser Rucksack war schwer.“

Koller vermisste Selbstvertrauen

ÖFB-Teamchef Marcel Koller vermisste bei der EM vor allem das Selbstvertrauen bei manchen Spielern und die Kaltschäuzigkeit vor dem Tor.

Wichtige Spieler seien mit physischen und mentalen Problemen ins Trainingslager in der Schweiz gekommen. Als Beispiele nannte Ruttensteiner Aleksandar Dragovic und Marc Janko. Zu Dragovic sagte Ruttensteiner: „Er ist mit Knöchelproblemen gekommen. Wir haben ihn fit, aber bis zu den Spielen nicht in Bestform gebracht.“ Janko habe vor dem Teamcamp fünf Wochen lang kein Meisterschaftsspiel bestritten. Dazu seien Spieler gekommen, die abgestiegen sind oder wenig Spielpraxis hatten, wie Martin Hinteregger. Aus diesen Gründen sei der Kader nicht in Bestverfassung gewesen.

„Wir waren mehrheitlich Neulinge“

Teamchef Koller ging mit Ruttensteiner in seiner Analyse konform. Der Schweizer führte aber noch einen weiteren aus seiner Sicht wichtigen Punkt an: „Wir waren mehrheitlich Neulinge“, sagte Koller und gab zu: „Die Enttäuschung war riesengroß.“ Die EM-Auftritte seiner Mannschaft hat Koller bereits genau studiert, die Erkenntnisse fielen wenig schmeichelhaft aus. „Wir hatten wenig Ballzirkulation über längere Spielphasen, vergaben Chancen in entscheidenden Spielsituationen und hatten fehlende Qualität, Konzentration und Präzision bei Pässen auf dem gesamten Spielfeld“, sagte der Teamchef.

Außerdem ortete Koller zu wenig Selbstvertrauen und Selbstverständnis im Spielaufbau. Das Pressing habe speziell gegen Ungarn nicht so funktioniert wie in der vorangegangenen Qualifikation. „Da haben wir vielleicht mit einer Handbremse gespielt“, vermutete der Nationaltrainer. Weiters habe vor allem gegen Island auch das Glück gefehlt. So blieb für Koller die Erkenntnis: „Es ist uns trotz aller Bemühungen nicht gelungen, die Mannschaft auf ein Level zu bringen, um das Turnier erfolgreich gestalten zu können.“

Koller verteidigt Entscheidungen

Dennoch hatte sich der 55-Jährige nach eigenen Angaben auch mit einiger Nachdenkpause nicht wirklich etwas vorzuwerfen. Einmal mehr verteidigte Koller die überraschende Systemänderung im Spiel gegen Island. Noch einmal legte der Teamchef seinen Plan nieder: Durch die Umstellung sollte eine Überzahl im Mittelfeld hergestellt werden. „Zu dem Zeitpunkt waren alle überzeugt, dass das eine gute Möglichkeit ist, wir konnten es auf dem Platz aber nicht so gut umsetzen“, erklärte der Schweizer.

Teamchef Marcel Koller

GEPA/Florian Ertl

Koller sah Systemänderungen nicht als Grund für das frühe Aus

In diesem Zusammenhang verwies der Trainer auf eine gute Chance für Marko Arnautovic und den vergebenen Elfmeter von Aleksandar Dragovic - allesamt herausgeholt noch vor der Rückkehr zum gewohnten 4-2-3-1 nach der Pause. Die Systemumstellung sei ebenso wenig eine Fehleinschätzung gewesen wie die Nominierung von formschwachen oder nicht topfitten Spielern. „Es gab auch keine Alternativen“, sagte Koller und ergänzte, es werde auch künftig keine verpflichtenden Gespräche für Spieler mit Psychologen geben.

Kein Tellerwurf im Teamcamp

Die ÖFB-Spitze lobte noch einmal die Vorbereitung und das Teamcamp in Mallemort. In der Organisation rund um die Spiele habe es aber doch zwei weitere Fehler gegeben, die sich negativ ausgewirkt hätten. Nach dem zweiten Gruppenspiel gegen Portugal gab es aufgrund der Dopingkontrolle und dem Auftanken des Flugzeugs rund um einen Termin in der österreichischen Botschaft in Paris eine Verspätung, die sich auf zweieinhalb Stunden summierte. „Da wäre eine Übernachtung in Paris besser gewesen“, sagte Ruttensteiner.

Und vor dem letzten Gruppenspiel gegen Island gab es aufgrund der Verkehrslage in Paris vor der Aktivierung am Vormittag einen ungeplant langen Aufenthalt im Bus. „Da hätte man die Aktivierung vielleicht woanders, etwa im Hotel, machen können“, meinte Ruttensteiner. Die Gerüchte über einen angeblichen Tellerwurf im Teamcamp verwies Ruttensteiner ins Reich der Fantasie. „Ich war bei allen Essen dabei, das weise ich zurück“, sagte Ruttensteiner. Zudem habe es keinen Streit im Teamcamp gegeben. Dass die Stimmung nicht die beste gewesen sei, wenn man nicht gewinnt, sei auch klar.

Alaba wird nicht Fuchs-Ersatz

Bereits am 5. September erfolgt mit dem Spiel in Georgien der Startschuss zur WM-Qualifikation für Russland 2018. Dort erwartet sich Teamchef Koller wieder ein anderes Gesicht von seiner Mannschaft. „Die Spieler brauchen einen Drive, sie sollen nicht genügsam sein oder denken, das geht schon von alleine“, betonte der Schweizer. Beim Spiel in Tiflis wird das ÖFB-Team von einem neuen Kapitän aufs Feld geführt. Wer die Nachfolge des zurückgetretenen Christian Fuchs antritt, ließ Koller allerdings noch offen. Er habe „zwei, drei Ideen“, wolle das aber noch mit den Spielern besprechen, so Koller.

Der Teamchef wurde laut eigenen Angaben von Fuchs bereits am Tag nach der Niederlage gegen Island von dessen Abschied aus der ÖFB-Auswahl informiert. „Er hat mir gesagt, er bringt das mit der Familie nicht mehr so hin“, sagte der Coach. Erster Anwärter für den nun vakanten Platz links in der Viererkette dürfte Markus Suttner sein. David Alaba agiert zwar bei den Bayern zumeist als Linksverteidiger, wird aber im Nationalteam wohl weiter im Zentrum zu sehen sein. „Er ist für uns im Mittelfeld extrem wichtig, da sehe ich ihn eigentlich auch weiterhin. Er kann Tore schießen und den letzten Pass spielen“, meinte Koller.

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