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Starker Auftakt von Melzer und Thiem

Nach dem blamablen Auftritt der Österreicher im Vorjahr, als kein einziger die Auftaktrunde der Erste Bank Open in der Wiener Stadthalle überstanden hat, haben heuer Dominic Thiem und Jürgen Melzer am Dienstag ihre ersten Hürden jeweils in zwei Sätzen gemeistert. Beim heimischen Jungstar war der Erstrundensieg durchaus zu erwarten - umso überraschender kam es allerdings, dass der Altmeister ins Achtelfinale einzog.

„Genau deswegen habe ich alles für das Comeback getan“, sagte Melzer, dem nicht wenige Experten nicht mehr zugetraut hatten, eine derartige Klasseleistung gegen einen Top-15-Spieler über ein volles Match durchzuhalten. Doch der 35-Jährige belehrte beim 6:3 7:5 über den als Nummer vier gesetzten Roberto Bautista Agut alle Zweifler eines Besseren und betonte: „Ich habe sogar verdient gewonnen.“ Am Donnerstag geht es gegen Albert Ramos Vinolas. Das bislang einzige Duell mit dem Spanier ging vor drei Jahren im Miami-Achtelfinale an Melzer.

Matchplan voll aufgegangen

Er habe sich einen exakten Matchplan zurechtgelegt, der voll aufgegangen sei, erklärte Melzer: „Ich war krasser Außenseiter. Aber wenn man ihm flach und langsam in die Rückhand spielt, kommen die Fehler, weil er oft nicht weiß, was er tun soll“, so der Niederösterreicher, der in den bisherigen zwei Duellen mit dem Spanier einmal knapp verloren und einmal knapp gewonnen hatte.

Melzer überrascht gegen Bautista Agut

Jürgen Melzer setzte sich zum Auftakt in Wien in zwei Sätzen gegen den Weltranglisten-14. Roberto Bautista Agut durch.

Dass sein Aufschlag nicht den gewohnten Speed aufwies, sei für Melzer kein Problem gewesen: „Ich wollte auch nicht schnell, sondern genau servieren.“ Umso stärker agierte der Linkshänder in den Grundlinienduellen mit dem ballsicheren Weltranglisten-Vierzehnten. „Das Um und Auf ist, wie ich mich bewege. Wenn es so ist wie heute, nehme ich den Kampf an, egal wer drüben steht.“

„Erste 20 werde ich nicht mehr“

Druck verspüre er in seiner Situation als Nummer 417 der Weltrangliste keinen: „Ich treffe hier nur auf Spieler, die um einiges besser stehen als ich, und deswegen haben mich viele nicht gern auf der anderen Seite, weil dann der Druck bei ihnen liegt.“ Nachsatz: „Wenn man wirklich etwas über Druck wissen will, muss man in dieser Woche den Dominic (Thiem, Anm.) fragen …“

Die Punkte, die ihm der Erstrundenerfolg einbringt, kann Melzer jedenfalls gut gebrauchen: „Das ist wie ein Challenger-Finale. Und wenn ich noch eine Runde überstehe, habe ich quasi einen Challenger-Turniersieg.“ Wie weit kann es nach oben gehen? „Erste 20 werde ich nicht mehr“, bleibt Österreichs langjährige Nummer eins realistisch, „aber solche Matches habe ich immer in mir drinnen.“

Großes Lob für Thiem

Für seinen Nachfolger als heimisches Aushängeschild fand Melzer nur lobende Worte: „Ich habe sein Spiel gesehen, er war mindestens um zwei Klassen besser als Gerald.“ Die Masters-Teilnahme von Thiem steht für den zweifachen Stadthallen-Triumphator außer Zweifel: „Da müsste es schon mit dem Teufel zugehen, dass es nicht klappt. Und er hat es verdient, vor allem im ersten Halbjahr hat er unmenschlich gespielt. Er ist ein Monster-Tennisspieler“, unterstrich Melzer.

Dominic Thiem

APA/Georg Hochmuth

Dominic Thiem zeigte sich gegen Gerald Melzer von seiner besten Seite

Der in Wien als Nummer drei gesetzte Thiem hatte beim 6:0 6:3 über Gerald Melzer, immerhin die ÖTV-Nummer zwei, in der Tat eine beeindruckende Leistung abgeliefert. Vor allem der erste Satz, der gerade einmal 21 Minuten dauerte, sorgte bei den 7.500 Zuschauern für uneingeschränkte Bewunderung. „Ich fühle mich jetzt fitter als im Sommer und im Herbst“, so der Niederösterreicher.

Wiedergefundene mentale Stärke

Wichtig sei die Pause nach dem – auch aufgrund von Blessuren und einer Erkältung – mäßig erfolgreichen Asientrip gewesen: „Ich habe ein paar Tage nichts gemacht. Nun ist der ganze mentale Part wieder zu 100 Prozent da“, freute sich der 23-Jährige, der aufgrund seines Achtelfinal-Einzugs am Donnerstag nicht die Galanacht des Sports besuchen kann, wo er einer der fünf Kandidaten für den Titel „Österreichs Sportler des Jahres“ ist.

„Es war mein Ziel, dort nicht dabei zu sein“, so Thiem schmunzelnd, „ich spiele tausendmal lieber hier ein Turniermatch.“ Sollte er gewählt werden, würde er sich natürlich freuen, aber er vergönne es auch jedem anderen heimischen Athleten: „Jeder, der diese Wahl gewinnt, hat es verdient“, sagte der Weltranglistenneunte.

Auf dem Weg nach London

Ein gutes Abschneiden in Wien ist für Thiem wichtig in Hinblick auf die Qualifikation für das World-Tour-Finale der besten acht Spieler. Seine Konkurrenten sind nur noch Tomas Berdych (CZE) und Jo-Wilfried Tsonga (FRA), die beide ebenfalls in Wien aufschlagen, sowie David Goffin (BEL) und Marin Cilic (CRO). Von diesem Quartett müssten zwei am Österreicher vorbeiziehen, um ihm die Teilnahme in London zu verwehren.

„Jetzt, wo ich so nahe dran bin, will ich es natürlich erreichen, obwohl ich bis zum Sommer nie daran gedacht habe“, sagte Thiem. Zuvor gelte es aber, in Wien möglichst weit zu kommen. Der nächste Schritt soll am Donnerstag gegen den Serben Viktor Troicki erfolgen: „Er hat eine gute Rückhand und ist ein Kämpfer“, analysierte Thiem. Doch beides gilt ja auch für ihn selbst.

Christoph Lüftl, ORF.at, aus der Wiener Stadthalle

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