Nur Medaille fehlt zum großen Glück
Der WM-Showdown der Herren in der Königsdisziplin naht mit Riesenschritten. Am Samstag werden in St. Moritz die Medaillen in der Abfahrt vergeben. Die Tücken der anspruchsvollen Corviglia offenbarten sich schon im Training. Als heißestes Eisen des ÖSV-Teams geht der Oberösterreicher Vincent Kriechmayr ins WM-Rennen.
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Kriechmayr fand sich auf der Corviglia bei seinem WM-Debüt auf Anhieb zurecht. Im Super-G überraschte er als Fünfter und bester Österreicher, im Abfahrtstraining hielt er dem Qualifikationsdruck stand und distanzierte dabei als souverän Schnellster nicht nur seine ÖSV-Kameraden. Das Ziel ist klar: der erste WM-Titel in der Abfahrt seit Michael Walchhofer in St. Moritz vor 14 Jahren soll her. Die weiteren ÖSV-Starter in der Abfahrt sind Olymiasieger Matthias Mayer, Hannes Reichelt und Max Franz.
Hoffen auf Paukenschlag
Als Trumpf-Ass der Österreicher nach den bisherigen Eindrücken gilt aber Kriechmayr. Im Training ließ er sogar den Schweizer Favoriten Beat Feuz, Sieger der WM-Generalprobe beim Weltcup-Finale im Vorjahr, um 1,30 Sekunden und damit Welten hinter sich. Mayer, der später den Vorzug im WM-Team gegenüber Romed Baumann bekommen sollte, verlor 1,34 Sekunden auf den Oberösterreicher. Dabei war Kriechmayr im Abfahrtsweltcup über Platz sechs bisher nicht hinaus gekommen. Sorgt der 25-Jährige ausgerechnet bei der WM für einen Paukenschlag?

APA/AP/Keystone/Alexandra Wey
Mit der Linie und dem Sprungstil aus dem Training zählt Vincent Kriechmayr zu den Medaillenkandidaten
Die Kribbeln wurde mit jeder Stunde größer. „Ich freu mich so, dass ich bei einer WM in der Königsdisziplin dabei bin, das hat in Österreich eine große Bedeutung. Da im WM-Team und also bei den schnellsten vier dabei zu sein ist schon eine Genugtuung“, sagte Kriechmayr, der das Abschlusstraining am Freitag ausließ, um Kräfte zu schonen. „Ich möchte beim Rennen noch einmal eine Topleistung zeigen. Ob es für eine Medaille reicht, weiß ich nicht. Aber ich werde mein Bestes geben.“
Suche nach der Ideallinie
Jedenfalls liegt ihm Corviglia, über die er sagte: „Oben braucht man einen Trieb, wie man im Rennfahrerjargon sagt. Einen schnellen Ski und gute Gleitfähigkeiten. Man muss den Ski gehen lassen. Unten bei den Sprüngen und schwierigen Kurven muss man technisch gut Ski fahren, aber gleichzeitig darf man von der Linie her nichts herschenken. Der kürzeste Weg ist meistens auch der schnellste. Im Training ist mir das super geglückt.“ Er kenne die Ideallinie. Im Rennen müsse er sie allerdings wiederfinden, so Kriechmayr.
„So eine Fahrt noch einmal hinzukriegen ist schwierig. Das kann ich fürs Rennen auf keinen Fall versprechen“, gab sich Kriechmayr bescheiden. „Aber ich fahre schon lang genug Ski in meiner Karriere, um das Beste aus mir herausholen zu können. Es auf den Punkt genau so zu treffen wie im Training wäre das Ziel“, so Kriechmayr, dem der fünfte WM-Platz im Super-G nach all den Problemen in der Weltcup-Saison viel Selbstvertrauen und Motivation gegeben hat. „Da habe ich gesehen, dass ich super schnell Ski fahren kann. Das freute mich irrsinnig.“
Favoritenrolle schon besetzt
Zudem habe sein Servicemann Wilfried Wieser bisher einen super Job gemacht, weil im oberen Abschnitt der Ski von entscheidender Bedeutung ist. Dass er im technischen Teil vorne war, überraschte Kriechmayr demnach weit weniger als seine Spitzenzeit oben. „Die technischen Passagen kommen mir mehr entgegen. Hier auf dem aggressiven Schnee muss man die feine Klinge auspacken, wie es normal immer die Norweger machen, das gelingt mir offenbar gut. Zum großen Glück fehlt mir jetzt nur mehr eine Medaille.“
Als Favorit sieht sich Kriechmayr trotz allem nicht. Weil er im Training im Gegensatz zur Konkurrenz „am letzten Zacken“ fuhr, Feuz und Co. dagegen noch Reserven hätten. „Die haben noch nicht 100 Prozent gegeben, ich schon. Ich hätte nicht schneller fahren können. Also bin ich sicher nicht Favorit. Zu schlagen gilt es die Schweizer. Feuz ist im Training die letzten Tore wie ein Tourist gefahren, er hat geblufft. Im Rennen wird er auf den letzten Toren hier noch einmal den Turbo zünden. Mal schauen, was für uns dann übrig bleibt. Unser Team ist stark, aber die Konkurrenz auch.“
Michael Fruhmann, ORF.at, aus St. Moritz
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