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Schwierige Verhältnisse

Lewis Hamilton ist nach dem Rücktritt von Weltmeister Nico Rosberg endgültig die klare Nummer eins bei Mercedes. Das könnte das Team vor ein Problem stellen. Einerseits will man das Umfeld für den Engländer so angenehm wie möglich gestalten, andererseits aber auch nicht die jahrelang gepflegte Philosophie verraten, die das Team über alles stellt. Beides unter einen Hut zu bringen, wird ein schwieriger Spagat.

Dazu kommt, dass Hamilton trotz seiner Sonderstellung offenbar nicht ganz zufrieden ist. Vor dem Saisonstart am Sonntag im Albert Park von Melbourne (7.00 Uhr MESZ, live in ORF eins) kursierten in englischen Medien immer wieder Gerüchte, dass der dreifache Weltmeister alles hinschmeißen könnte. „Wenn es nicht gut läuft für Lewis, tendiert er dazu, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen“, wurde sein englischer Landsmann und Ex-Champion Damon Hill in mehreren Zeitungen zitiert.

Ganz ausschließen wollte auch Hamilton einen plötzlichen Rücktritt nach dem Rosberg-Muster nicht. „Ich kenne nicht alle Gründe, warum Nico zurückgetreten ist, aber ich kann das Gefühl nachvollziehen, Schluss machen und etwas anderes tun zu wollen“, hatte Hamilton im Februar gesagt.

Immer wieder Konflikte im Team

Mindestens einmal war es fast schon so weit. Nach dem Crash mit Rosberg beim Spanien-GP im Mai 2016 soll Hamilton mit seinem Rücktritt kokettiert haben. Der Engländer fühlte sich in der Vergangenheit im Team oft zu Unrecht gemaßregelt und nicht richtig anerkannt - trotz der Präsenz seines Mentors Niki Lauda. Dass Toto Wolff zu Rosberg den besseren Draht hatte, ist ein offenes Geheimnis.

Nico Rosberg und Lewis Hamilton

Reuters/Chris Wattie

Zwischen Hamilton und Rosberg krachte es öfters

Die bisher schwerwiegendste Meinungsverschiedenheit gab es im vergangenen Jahr beim Finale in Abu Dhabi. Hamilton verringerte als Führender entgegen den Boxenkommandos das Tempo, um Überholmanöver gegen den hinter ihm fahrenden Rosberg zu provozieren. Wäre der Deutsche nur Vierter geworden, hätte Hamilton noch den Titel holen können. Wolff sprach danach von Anarchie und drohte mit Sanktionen, sogar eine vorzeitige Trennung stand im Raum. „Wir sind ein Konzern, der nach Integritäts- und Compliance-Standards arbeitet. Es gab eine Instruktion, und diese Instruktion wurde nicht befolgt“, erklärte der Wiener damals.

Mercedes steht an erster Stelle

Bei Mercedes gibt es ein Set von Regeln und Werten, die in schriftlicher Form vorliegen und auf die alle eingeschworen werden. Laut diesen steht das Team über einzelnen Siegen oder Meisterschaften. Den Fahrern werde zwar keine Stallorder auferlegt, wer aber gegen den größtmöglichen Erfolg des Teams handelt oder leichtfertig einen Sieg aufs Spiel setzt, hat mit Konsequenzen zu rechnen.

„Diese Rekorde, die wir geschlagen haben, mit 19 Rennsiegen sind nur dadurch zustande gekommen, weil die Fahrer immer wieder Eigeninteressen zurückgesteckt haben“, sagte Wolff, der nach Abu Dhabi aber zurückruderte und wieder einmal das klärende Gespräch mit Hamilton suchen musste.

Mehr Macht als je zuvor

Denn mit dem Rosberg-Abschied änderten sich die Voraussetzungen komplett. Hamilton ist nun intern so mächtig wie nie zuvor, und Mercedes von ihm abhängig, wenn man den vierten Titel in vier Jahren einfahren will. „Ich bin fitter, ich arbeite härter als je zuvor und bin total fokussiert und ehrgeizig nach diesem letzten Jahr“, gab Hamilton auch schon zu verstehen, dass er keine Kompromisse eingehen wird.

Valtteri Bottas

Reuters/Albert Gea

Für Bottas geht es vorerst darum, im Team Fuß zu fassen

Valtteri Bottas, der nicht ohne Hamiltons Segen als Rosberg-Nachfolger engagiert wurde, war zwar bei Williams stets erfolgreicher als seine Teamkollegen, mit einem Kaliber wie nun musste sich der Finne aber noch nie messen. Das ungleiche Verhältnis im Team könnte dazu führen, dass Hamilton mehr Freiheiten für sich reklamieren wird, womit weitere Belastungsproben programmiert wären.

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