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„Löwen“ vor radikalem Neubeginn

Der einst so stolze Traditionsverein TSV 1860 München liegt nach dem von schlimmer Fanrandale überschatteten Absturz aus der zweiten Liga in Trümmern. Eine ohnehin chaotische Saison endete mit skandalösen Begleitumständen und Rätselraten über den schwierigen Neubeginn. Im Mittelpunkt der Spekulationen steht der unberechenbare und mit seinen Visionen bisher gescheiterte Investor Hasan Ismaik.

„Unsere erste Aufgabe ist es jetzt, einen konkreten Plan für die Zukunft zu machen“, teilte der Verein mit und versicherte: „Mit dem Fall dritte Liga haben wir uns bereits befasst.“ Aber wer setzt die Planungen fort und um?

Präsident Peter Cassalette trat direkt nach dem beschämenden 0:2 (0:2) im Relegationsrückspiel gegen den aus der vierten Liga nach oben durchmarschierten SSV Jahn Regensburg zurück. Geschäftsführer Ian Ayre war schon vor dem Spiel abgetreten. Und der mit großen Ambitionen angetretene Trainer Vitor Pereira erklärte sein ambitioniertes „Projekt“ für gescheitert und hielt im Pressesaal eine Art Abschiedsrede.

Chaotische Szenen im Stadion

Die Schlussbilder waren besonders beschämend für jene 1860-Fans, die dem Verein stets die Treue halten, gemäß dem Motto: „Einmal Löwe, immer Löwe.“ Über 60.000 Zuschauer füllten am Dienstag die Allianz Arena. Sie sahen die Tore der klar besseren Regensburger von Kolja Pusch und Marc Lais. Ein gewaltbereiter Teil der Fans versuchte nach 80 Minuten, einen Spielabbruch zu provozieren. Stangen und Sitzschalen flogen auf das Spielfeld.

Schiedsrichter Daniel Siebert unterbrach die Partie zunächst und brachte sie dann ohne größere Personenschäden über die Bühne. Zehn Polizisten wurden leicht verletzt. Der DFB-Kontrollausschuss nahm Ermittlungen auf, 1860 droht eine harte Bestrafung. Der Regensburger Torwart Philipp Pentke bezeichnete die Ereignisse als „Unding“. Er stand im Tor vor der 1860-Kurve, aus der immer wieder Gegenstände flogen.

Sicherheitskräfte der Polizei am Spielfeld

APA/AP/Peter Kneffel

Beschämende Szene in der Schlussphase der Partie in der Allianz Arena

„Auf allen Ebenen gescheitert“

Am Tag nach dem schwarzen Dienstag für 1860 warteten alle gespannt auf die Reaktion von Ismaik. Beim Abstieg war er nicht im Stadion, sondern auf Tauchstation. Der Jordanier hatte versichert, auch in der dritten Liga weiterzumachen. Ob das noch Jubel bei 1860-Fans auslöst?

Ismaik hat in den vergangenen Jahren Präsidenten, Trainer, Manager und Spieler en masse verschlissen. Als Fußballlaie hat er mit seinem vielen Geld keines seiner groß angekündigten Ziele (Europapokal und ein eigenes Stadion) erreichen können. „Alles, was ich in den vergangenen Jahren unternommen habe, um den Verein voranzutreiben, ist auf allen Ebenen gescheitert“, sagte er selbst vor dem Abstieg. Und er kündigte „grundlegende Änderungen“ an.

Der wild zusammengekaufte „Löwen“-Kader wird auseinanderfallen. „Wir waren nie zu hundert Prozent die Mannschaft, die wir sein sollten“, gestand der steirische Routinier Michael Liendl. „Wir haben deutlich gesehen: wir (Regensburg) sind eine Mannschaft - und 1860 nicht“, sagte Goalie Pentke, ein ehemaliger 1860-Spieler.

Abstieg in fünf Altersklassen

13 Jahre nach dem Bundesliga-Abstieg hat der deutsche Meister von 1966 einen neuen Tiefpunkt in seiner bewegten Geschichte erreicht. Nach 24 Jahren sind die „Löwen“ wieder drittklassig. Das ganze Ausmaß des Desasters wird in einem Fünffachabstieg deutlich: Profis, U21, U19, U17 und U16 spielen künftig alle eine Klasse tiefer.

Sogar der gefeierte Regensburg-Coach Heiko Herrlich äußerte Worte des Mitleids. „Mir tut es im Herzen weh, was hier bei 1860 passiert“, sagte der Ex-Nationalspieler. Herrlich fügte aber auch hinzu: „Es ist schwer, unter diesen Rahmenbedingungen hier zu arbeiten.“

Fehlende „gemeinsame Vision“

Der erst im April vom FC Liverpool gekommene Geschäftsführer Ayre begründete seine überraschende Kündigung im „Liverpool Echo“ dann auch mit einem Richtungsstreit der 1860-Anteilseigner. Ismaik und der Verein hätten keine gemeinsame „Vision für den Verein“ gehabt. Die Uneinigkeit hätte ihm eine Weiterarbeit unmöglich gemacht.

Die sportliche Verantwortung übernahm Trainer Pereira. „We go to the top“, lautete sein Versprechen beim Amtsantritt im Winter. Wenige Monate später ist er mit 1860 ganz unten gelandet. „Bei mir bleibt ein großer Schmerz“, sagte der ehemalige Meistercoach des FC Porto und sagte: „Ich habe ein gutes Gewissen, ich habe alles gemacht.“

Offene Fragen vor Neubeginn

Den Neubeginn muss neues Personal bewerkstelligen. Ob 1860 auch in der dritten Liga Mieter in der riesigen Arena des FC Bayern bleibt, ist nur eine Frage. Das TV-Geld schrumpft auf eine Million Euro. Macht Ismaik frisches Geld locker? Klar ist: Die Zeit drängt. Die Liga startet am 21. Juli. Dann heißen die 1860-Gegner FSV Zwickau und SG Sonnenhof Großaspach.

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