Pleiten, Pech und Pannen in Neuseeland
Die 2005er-Tour der „British and Irish Lions“ ist die bis dahin größte ihrer Art gewesen. 30.000 Fans begleiteten ihre Mannschaft im Juni 2005 nach Neuseeland und erlebten ein Debakel der Sonderklasse. Die Tour 2005 gilt bis heute als Beispiel, wie man es besser nicht macht.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Organisatorisch bis ins letzte Detail durchdacht, blieb der sportliche Erfolg komplett aus. Die zerstrittenen „Lions“ schafften erstmals seit 1983 keinen Länderspielsieg und verloren auch erstmals seit 1930 gegen die Mannschaft der neuseeländischen Maori. Der neu bestellte Trainer Sir Clive Woodward, mit England 2003 Weltmeister, musste die volle Verantwortung übernehmen.
Zu viele Spieler verderben den Brei
Woodwards Vorgänger Graham Henry hatte nach der knappen 1:2-Niederlage gegen Australien 2001 noch gewarnt: Die „Lions“-Tour sei zu groß geworden. Zu viele Spieler, zu viele Spiele. Woodward ignorierte die Warnungen. Er nahm 70 Mann, 44 Spieler und 26 Betreuer mit auf die Reise und vertraute dabei vor allem auf seine Weltmeister von 2003. Die 2005 stärkeren Waliser hatten beim englischen Cheftrainer eine Nebenrolle. Henry, nun „All Blacks“-Coach, präsentierte Woodward die Rechnung.
Der neuseeländischen Erfolgstrainer spielte mit seinen in Höchstform agierenden „All Blacks“ sein ehemaliges Team in Grund und Boden: 21:3, 48:18 und 38:19 lauteten die eindeutigen Resultate für Neuseeland. Auch gegen die Auswahl der Maori setzte es eine 13:19-Pleite für die „Lions“. Vor und zwischen den Länderspielen traten die britischen Touristen gegen Clubteams an und hatten auch hier manchmal ihre Mühe.
Woodwards (schlechter) Plan
Die Taktik von Woodward war gründlich danebengegangen. Der geadelte Weltmeistertrainer hatte seinen aufgeblähten 44-Mann-Kader, in dem die englischen Weltmeister von 2003 dominierten, strikt aufgeteilt. Es gab das „Midweek-Team“ für die weniger wichtigen Clubspiele während der Woche und das „Saturday-Team“ für die Wettkampfspiele gegen Neuseeland. Die Spannungen waren vorprogrammiert.
Bald erkannten die „Midweek“-Spieler, unter Führung des langjährigen „Lions“-Erfolgscoachs Ian McGeechan, dass sie auch bei noch so guten Leistungen keine Chance auf einen Platz in der ersten Mannschaft hatten. Kritik brach über Woodward herein. Durch ungeschickte PR-Maßnahmen wurde zusätzlich Öl ins Feuer gegossen.
Falsche Freunde, falsche Fotos
Pressesprecher Alastair Campbell, der vorher für die britische Regierung arbeitete, hatte Woodward als Medienspindoktor in seinen Stab geholt. Doch Campbell flog bei seinem Versuch, die Fans an der Nase herumzuführen, auf. Der Pressesprecher ließ ein Foto veröffentlichen, auf dem Trainer Woodward scheinbar im freundlichen und vertrauten Gespräch mit Gavin Henson zu sehen war.
Der walisische Star war von Woodward zum Auftakt in die zweite Mannschaft verbannt worden - zum Unverständnis nicht nur der walisischen Fans. Doch das Foto war gestellt. Henson hatte keine Ahnung, dass es aufgenommen wurde. Die Pannenserie setzte sich für die Briten auch auf dem Spielfeld fort.
„Lions“-Kapitän geht zu Boden
Im ersten „Test“ gegen Neuseeland bei starkem Regen in Christchurch mussten die „Lions“ nach wenigen Sekunden einen schweren Schock verarbeiten. Teamkapitän Brian O’Driscoll lag bereits in der zweiten Spielminute mit zertrümmerter Schulter auf dem Boden, und erst Tage später war in genauen TV-Analysen zu erkennen, was passiert war.

AP/Mark Baker
Mit der Verletzung von Kapitän O’Driscoll fing die Tour bereits katastrophal an
„All Blacks“-Kapitän Tana Umaga und Keven Mealamu hatten, abseits des Schiedsrichters, den Iren bei einem „Spear Tackle“ in die Luft gestemmt und mit dem Kopf voraus wieder ungebremst auf den Boden geschleudert. Für O’Driscoll war die Tour damit vorbei. Er wurde später vom beinharten und furchteinflößenden walisischen Stürmer Gareth Thomas ersetzt. Thomas bekannte sich übrigens noch während seiner aktiven Zeit 2009 als erster Rugbyspieler zu seiner Homosexualität.
Kampf der Worte
Nach diesem unrühmlichen Auftakt brach zwischen Briten und Neuseeländern ein Duell auf Medienebene aus. Da Umaga und Mealamu ungestraft davonkamen, starteten Woodward und Campbell eine Kampagne gegen diesen „billigen Angriff“, die von den Neuseeländern entsprechend beantwortet wurde. Die Briten wollten nur von ihrer schwachen Vorstellung ablenken, war der Tenor.
Doch in der Folge beschloss das International Rugby Board (IRB) ein Verbot der „Spear Tackles“. Wenn ein Spieler durch einen Gegner hochgestemmt wird, hat dieser dafür zu sorgen, dass sein Kontrahent wieder sicher auf dem Boden landet. Für die „Lions“ war bei dieser Tour dennoch nichts mehr zu gewinnen. Auch ein motivierendes Telefongespräch des damaligen britischen Premierministers Tony Blair mit Ersatzkapitän Thomas brachte keine Besserung.
Woodward bleibt stur und muss gehen
Die „All Blacks“ erteilten unter der Führung von Superstar Dan Carter den Briten noch zwei Lektionen, die schwerste Niederlage seit 22 Jahren war für das größte und bestorganisierte „Lions“-Team der Geschichte perfekt. Woodward war der geballten Kritik durch Fans und Presse ausgesetzt, zeigte sich aber uneinsichtig.
Auch nach dem Scheitern verteidigte Sir Clive seine Taktik und betonte, dass er genau so wieder vorgehen würde und beim nächsten Mal noch mehr Personal mitnehmen würde. Es gab kein nächstes Mal für Woodward.
An seiner Stelle übernahm wieder Ian McGeechan für die 2009er Tour in Südafrika, die nach guten Vorstellungen 1:2 verloren ging, den Stolz des britischen Rugbys. Das von McGeechan trainierte und von Sir Clive standhaft ignorierte „Midweek“-Team war in Neuseeland übrigens ungeschlagen geblieben.
Martin Wagner, ORF.at
Link: