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Gruppenfinale könnte Krimi werden

Das Sparta-Stadion Het Kastell, wo der sechsfache niederländische Meister Sparta Rotterdam zu Hause ist, liegt westlich des Stadtzentrums im Arbeiterviertel Spangen. Wo der 1888 gegründete und älteste noch bestehende Verein des Landes seine Heimspiele in der Eredivisie austrägt, kommt auch auf Österreichs Frauen-Nationalteam harte Arbeit zu. Gegen Island braucht man am Mittwoch (20.45 Uhr, live in ORF eins) zumindest ein Remis, um ohne fremde Hilfe ins EM-Viertelfinale einzuziehen.

„Das wird ein verdammt schwieriges Spiel, aber unser ganzer Fokus liegt auf diesem Tag“, meinte ÖFB-Teamchef Dominik Thalhammer am Vorabend der bisher bedeutendsten Partie in der Geschichte des österreichischen Frauen-Fußballs. „Wir hoffen auf einen guten Start“, so Thalhammer, der natürlich weiß, dass gegen die defensiv sehr robust und kompakt agierenden Isländerinnen ein Geduldsspiel droht. Verlieren ist verboten, gewinnen wird ungemein schwierig - auch weil die Isländerinnen in ihrem Spielstil geradezu das Spielgelbild der Österreicherinnen sind.

ÖFB-Team

GEPA/Florian Ertl

In den letzten Trainingseinheiten schwor sich das Team auf Island ein

„Sie spielen sehr aggressiv, attackieren hoch und verteidigen auch mit einer Fünferkette“, beschrieb der österreichische Cheftrainer die wichtigsten Attribute der Gegnerinnen und damit gleichzeitig die eigenen. In den Zweikämpfen hätten die Isländerinnen dafür das eine oder andere Mal die Grenzen überschritten, was man selbst zu vermeiden sucht, betonten Thalhammer und Laura Feiersinger, die ebenfalls zur Abschluss-Pressekonferenz vor dem letzten Training im Stadion gekommen war. Gesunde Härte wird jedenfalls gefragt sein. „Darauf sind wir körperlich und mental eingestellt“, betonte der Coach. „Wir werden gut dagegenhalten“, pflichtete Feiersinger bei.

Vier Konstellationen brächten historischen Erfolg

Obwohl Thalhammer und Spielerinnen die bei Turnieren allseits beliebten Rechenspiele so weit als möglich ausblenden wollen, sei die Ausgangsposition in der ungemein ausgeglichenen Gruppe C noch einmal genau beschrieben: Vier Konstellationen in den noch ausstehenden Parallelspielen würden für die EM-Debütantinnen den historischen Erfolg bringen: Österreich gewinnt gegen Island oder spielt unentschieden. Man verliert, und die Schweiz gewinnt nicht gegen Frankreich. Österreich verliert und Frankreich verliert, schießt dabei aber weniger Tore als das ÖFB-Team.

Frauen-EM, Gruppe C

Beginn 20.45 Uhr:

Live in ORF eins und im Livestream

Island - Österreich -:- (-:-)

Rotterdam, Sparta Stadion, SR Riem Hussein (GER)

Mögliche Aufstellungen:

Island: G. Gunnarsdottir - G. Jonnsdottir, G. Viggosdottir, S. Atladottir, I. Sigurdardottir, H. Gisladottir - K. Asbjörnsdottir, S. Gunnarsdottir, S. Gardarsdottir, F. Fridriksdottir - D. Brynjarsdottir

Österreich: Zinsberger - Schiechtl, Kirchberger, Wenninger, Aschauer - Feiersinger, Zadrazil/Eder, Puntigam, Makas - Billa, Burger

Und zuletzt könnte auch der Fall eintreten, dass Österreich und Frankreich mit demselben Resultat verlieren - dann wären Torverhältnis und erzielte Tore beider Teams identisch und würde die Anzahl der Roten (3 Schlechtpunkte) und Gelben Karten (1 Schlechtpunkt) entscheiden. Österreich ist in dieser Wertung mit 3:2 derzeit schlechter. Ist sie am Ende ausgeglichen, scheidet Österreich aufgrund des schlechteren UEFA-Koeffizienten aus. Über den aktuellen Spielverlauf in der Parallelpartie wird Thalhammer in der Coachingzone jedenfalls immer gut informiert sein.

Isländischer Beton muss brechen

So weit so gut, davor müssen gegen kampfstarke Isländerinnen, die ihre Aufstiegshoffnungen nach zwei unglücklichen Niederlagen (0:1 gegen Frankreich, 1:2 gegen Schweiz) begraben mussten, 90 oder mehr intensive Minuten absolviert werden. „Wir wollen uns auf keinen Fall nur verstecken, um einen Punkt zu holen, sondern unser Spiel durchziehen“, gab Mittelfeldspielerin Sarah Zadrazil die Marschroute vor. Im Gegenteil wolle man gegen die wie immer defensiv robust eingestellten Inselkickerinnen „mehr mit dem Ball machen“, wie es Zadrazil vor dem Gruppenfinale formulierte.

Laura  Feiersinger

GEPA/Florian Ertl

Feiersinger kommt auch im Gruppenfinale eine entscheidende Rolle zu

„Island hat eine robuste, körperlich starke Mannschaft“, warnte Offensivspielerin Lisa Makas davor, das letzte Gruppenspiel aufgrund der aussichtslosen Situation des Gegners als das vermeintlich leichteste anzusehen. „Wir müssen wieder über unsere Grenzen gehen“, betonte Torhüterin Manuela Zinsberger. Cheftrainer Thalhammer betrachtet das Duell mit Island sogar als das schwierigste der Vorrunde. „Eine unangenehme Hürde“, so der 46-jährige Teamchef. „Das ist eine ganz schwer zu bespielende Mannschaft, eben weil sie ähnlich wie wir agiert.“ Die Ausgangslage sei aber natürlich günstig.

Ohne Druck in die Premiere

„Die Konstellation ist sehr gut für uns, weil Frankreich mit der besten Mannschaft spielen muss - sonst könnte der große Turnierfavorit in der Vorrunde weg sein“, sieht Thalhammer die prekäre Lage der allgemein als Titelanwärter eingestuften Französinnen als Vorteil. Im Gegensatz dazu können die Österreicherinnen einmal mehr ohne Druck spielen, nachdem man ihnen zum Turnierstart weder den Sieg über die Schweizerinnen noch das Remis gegen Frankreich zugetraut hatte. „Wir können mit Gelassenheit und Lockerheit ins Spiel gehen, weil wir schon viel erreicht haben“, meinte Carina Wenninger.

Österreich und Island treffen bei den Frauen auf A-Team-Ebene erstmals aufeinander. Bei der EM 2013 standen die Isländerinnen aber im Viertelfinale, was der ÖFB-Equipe ebenfalls Warnung ist. Derzeit liegt das Team von Trainer Freyr Alexandersson auf Rang 19 im FIFA-Ranking, fünf Plätze vor den Österreicherinnen. Zweitere werden nach der bisher so erfolgreich verlaufenen EM aber auch in der Weltrangliste einen Sprung nach vorne machen.

Tausende Fans aus Island bei EM

Was die Fans betrifft, wäre Island in jedem Fall viertelfinalwürdig. Wie bei der Männer-EM 2016 in Frankreich, als man sensationell ins Viertelfinale einzog und dort erst den Gastgebern unterlag, werden auch die Isländerinnen von 5.000 mitgereisten Anhängern lautstark und bedingungslos unterstützt. Auch das schon legendäre rhythmische Klatschen verbunden mit „Huh“-Rufen haben die „Wikinger“ in den Niederlanden wieder im Repertoir. Fröhlich, begeisterungsfähig und trinkfest sind sie ohnehin.

Freyr Alexandersson

GEPA/Florian Ertl

Islands Teamchef Freyr Alexandersson fand vor dem Duell Lob für Österreich

Der Frauen-Fußball spielt in Island eine große Rolle - und das seit etwa zehn Jahren. Rund 7.000 Mädchen von knapp mehr als 300.000 Einwohnern des sportverrückten Inselstaates spielen Fußball, das Nationalteam regelmäßig vor toller Kulisse. Mit 7.521 Zuschauern wurde in der EM-Vorbereitung gegen Brasilien (0:1) in Reykjavik sogar ein neuer Besucherrekord aufgestellt.

Laut Islands Trainer hat sich Österreichs Team „in den letzten drei, vier Jahren sehr gut entwickelt“. Es stehe eine rosige Zukunft bevor. „Sie werden weiter wachsen“, ist sich Alexandersson sicher. Die Gewissheit, dass Österreich ein starkes Team haben werde, habe er schon vor dem Turnier gehabt. „Bei der EM hatten sie auch das nötige Glück, aber das haben sie sich auch erarbeitet“, sagte Alexandersson. Sein Team habe die Enttäuschung über das vorzeitige Aus verdaut. „Jetzt wollen wir das Turnier mit einem Sieg beenden“, kündigte Mittelfeldmotor Sara Björk Gunnarsdottir an.

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