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USA und Bolt drücken Stempel auf

Die 16. Ausgabe einer Leichtathletik-Weltmeisterschaft ist seit Sonntag in den Sportgeschichtsbüchern archiviert. Zehn Tage lang war die britische Hauptstadt London Schauplatz im Kampf um Meter und Sekunden. Im Mittelpunkt des Interesses stand neben den strahlenden Siegern einmal mehr Superstar Usain Bolt, der bei seinen letzten Wettkämpfen auch ohne Titel denkwürdig von der Bühne abtrat.

Insgesamt 48 Entscheidungen standen im Queen Elizabeth Olympic Park in zehn Tagen auf dem Programm. Insgesamt 43 der 204 teilnehmenden Nationen und Teams - darunter ein Flüchtlingsteam und eine unter neutraler Flagge startende russische Abordnung - fuhren mit zumindest einer Medaille heim. 27 Nationen konnten zudem mindestens einen Weltmeister bejubeln.

Krampf beendet Bolts große Karriere

Zu einem bitteren Abschied kam es beim letzten Rennen von Superstar Usain Bolt bei der WM in London. Der achtfache Olympiasieger erlitt beim Endlauf über 4 x 100 m einem Krampf.

Das mit Abstand meiste Edelmetall hatten einmal mehr die USA im Gepäck. Mit zehnmal Gold, elfmal Silber und neunmal Bronze schnitt das Team USA so gut wie noch nie bei Weltmeisterschafen ab. Kenia folgt mit Respektabstand auf Rang zwei im Medaillenspiegel (5-2-4). Platz drei ging an Südafrika (3-1-2). Gastgeber Großbritannien durfte sich über zwei Goldene, drei Silberne und einmal Bronze freuen. Für den einzigen Weltrekord sorgte am Schlusstag Ines Henriques aus Portugal, die in 4:05:56 Stunden die 50 km so schnell wie noch keine Frau vor ihr zu Fuß absolvierte.

Große Abgänge ohne Happy End

Zum letzten Mal stand bei der WM in London Usain Bolt im Rampenlicht. Doch was als goldene Abschiedsgala gedacht war, endete mit einer Enttäuschung für den 30-Jährigen. Über 100 m musste Bolt dem Amerikanern Justin Gatlin und Christian Coleman den Vortritt lassen und in der 4-x-100-m-Staffel wurde der einst unbezwingbar scheinende Jamaikaner von einem Krampf gefällt.

Usain Bolt

APA/AP/Martin Meissner

Bolt zog noch einmal auf einer Ehrenrunde seine große Show ab

Trotzdem wurde Bolt am Ende der WM mit einer Zeremonie verabschiedet. Die Ehrenrunde vor 56.000 Zuschauern wurde der letzte Akt der großen Show, mit der der Jamaikaner ein Jahrzehnt lang die Fans verzückt hatte. Auch wenn es sportlich nicht wie erhofft lief, sah Bolt seine Karriere dadurch nicht getrübt. „Ich glaube nicht, dass eine Weltmeisterschaft ändern wird, was ich getan habe. Muhammad Ali hat seinen letzten Kampf auch verloren“, sagte der wohl schnellste Mann aller Zeiten. Ein Comeback schloss er aus: „Ich komme nicht zurück.“

Mit Mo Farah sagte auch ein weiterer Superstar zumindest der Laufbahn Adieu. Der 34-jährige Brite holte zum Abschluss zwar noch einmal Gold über 10.000 Meter, das angestrebte Double mit dem Titel über 5.000 Meter blieb Farah jedoch versagt. Der vierfache Olympiasieger und sechsfache Weltmeister, der bei seiner letzten Siegerehrung mit den Tränen zu kämpfen hatte, bleibt dem Sport jedoch erhalten und tritt künftig im Marathon an.

Unerwartete Siegergesichter

Die WM in London war aber nicht nur aufgrund der Niederlagen von Bolt und Farah reich an Überraschungen. Für die vielleicht größte sorgte Ramil Guliyev über 200 m. Der in Aserbaidschan geborene und aufgewachsene Türke trat sensationell die Nachfolge von Bolt als König der halben Stadionrunde an und schrieb damit ein Stück türkischer Sportgeschichte. Dass er sich im Siegestaumel zuerst die Flagge seines Geburtslandes und erst danach die türkische über die Schultern hängte, wird man ihm auch verzeihen. Für eine Premiere sorgte auch die britische Sprintstaffel, die erstmals Gold gewann.

Ramil Guliyev

APA/AP/Tim Irleand

Guliyev sorgte über 200 m für die vielleicht größte Überraschung in London

Auch bei den Damen gab es einige unerwartete Siegergesichter. Über 100 m Hürden schlug die Australierin Sally Pearson, vor fünf Jahren an gleicher Stelle Olympiasiegerin, noch einmal überraschend zu und krönte sich sechs Jahre nach ihrem Titel in Daegu noch einmal zur Weltmeisterin. Über 400 m Hürden gelang der Amerikanerin Kori Carter das seltene Kunststück Gold auf der Außenbahn zu holen. Im Dreisprung gewann die 21-jährige Yulimar Rojas das erste WM-Gold für Venezuela überhaupt - und das mit nur zwei Zentimetern Vorsprung.

Tragische Helden

Doch nicht allen Siegerinnen und Siegern war bei den Titelkämpfen nach Lachen zumute. Allen voran Justin Gatlin, der vor und nach seinem Triumph über 100 m mit Buhrufen der Zuschauer bedacht wurde. Grund war die Dopingvergangenheit des 35-Jährigen. Gleich zwei Strafen wegen der Einnahme verbotener Mittel, die letzte von 2006 bis 2010, musste Gatlin absitzen und wurde damit zum Gegenpol zum „sauberen“ Bolt hochstilisiert. Aber sogar Bolt nahm seinen Nachfolger als 100-m-Weltmeister in Schutz: „Du hast hart dafür gearbeitet, und all diese Buhrufe hast du nicht verdient.“

Isaac Makwala

APA/AP/David J. Phillip

Makwalas Solo im Vorlauf über 200 m wurde eines der Bilder der WM

Eine traurige Siegerin war auch Maria Lassizkene. Die 24-jährige Russin holte sich in souveräner Manier im Hochsprung Gold, durfte sich aber nicht wie andere Weltmeister mit den Farben ihres Heimatlandes feiern lassen. Russland ist aufgrund des Vorwurfes des systematischen Dopings von Bewerben ausgeschlossen. Lassizkene, die eine Ausnahmeregelung erhalten hatte, musste unter neutraler Flagge antreten. Bei der Siegerehrung wurde für Lassizkene die Hymne des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF) gespielt. Es war der Weltmeisterin anzusehen, wie sehr sie sich zu einem müden Lächeln zwingen musste.

Als tragischen Helden musste man auch Botsuanas Topsprinter Isaac Makwala bezeichnen. Dem Medaillenkandidaten über 200 m wurde zuerst wegen Quarantänevorschriften aufgrund des im Athletenhotel grassierenden Norovirus der Zutritt zum Stadion verwehrt. Später bekam Makwala doch die Chance und musste alleine seinen Vorlauf bestreiten. Zwar schaffte es der 30-Jährige locker ins Semifinale und später in den Endlauf, dort hatte Makwala allerdings nichts mehr zu bestellen.

Österreich verkauft sich gut

Österreich schien im Medaillenspiegel der 16. Weltmeisterschaften zwar nicht auf, dennoch verkaufte sich das fünfköpfige Aufgebot in London großteils passabel. Ivona Dadic gelang im Siebenkampf mit 6.417 Punkten ein neuer österreichischer Rekord. Mit Platz sechs erzielte die Oberösterreicherin auch das drittbeste rot-weiß-rote WM-Ergebnis aller Zeiten. Auch Verena Preiner hielt im Siebenkampf gut mit, nach einem dramatischen Asthmaanfall konnte die 22-Jährige den Wettkampf nicht beenden.

Ivona Dadic

APA/AFP/Andrej Isakovic

Dadic klassierte sich mit Platz sechs mitten in der Weltspitze

Im Marathon setzte Valentin Pfeil ebenfalls einen Meilenstein aus heimischer Sicht. Mit Rang 23 gelang dem 29-Jährigen die beste WM-Platzierung eines Österreichers über die 42,195 km. Seine Zeit von 2:16:28 Stunden war ebenfalls Topwert in Rot-Weiß-Rot bei einer WM. Einzig Diskuswerfer Lukas Weißhaidinger (Platz neun) und der von Achillessehnenproblemen geplagte Zehnkämpfer Dominik Distelberger (17.) blieben etwas hinter den Erwartungen.

Perfekte Gastgeber mit Schönheitsfehler

London selbst erwies sich einmal mehr als perfekter Gastgeber eines Großereignisses. So wie schon bei Olympia vor fünf Jahren war das Stadion im Stadtteil Stratford bei den hauptsächlich abends stattfindenden Wettkämpfen rammelvoll. Alle Athleten - Ausnahme Gatlin - wurden von den Fans fair angefeuert. Waren britische Sportlerinnen und Sportler am Start steigerte sich die Begeisterung ins Unermessliche. Viele Beobachter sprachen daher von den besten Titelkämpfen aller Zeiten. Die Latte für den nächsten Veranstalter Doha in zwei Jahren liegt hoch.

Aber auch die perfekte Inszenierung hatte ihre Schönheitsfehler. So warf ein hartnäckiger Norovirus im Athletenhotel neben der Tower Bridge einige Sportlerinnen und Sportler auf die Bretter. Für Unmut sorgte außerdem die Vorstellungsshow vor den Entscheidungen. Dadurch entstanden speziell bei den Laufentscheidungen lange Wartezeiten bis zum eigentlichen Start. Für Jamaikas Yohan Blake war dieser Umstand Mitschuld an Bolts Krampf. „Usain war es wirklich kalt. Er sagte zu mir, ‚Yohan, ich denke, das ist verrückt‘. Es waren noch vierzig Minuten und zwei Medaillenzeremonien vor unserem Lauf“, sagte der ehemalige Weltmeister.

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