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„Gibt keine Mannschaft, die wir fürchten“

Gurban Gurbanow ist alles andere als zurückhaltend. „Es gibt keine Mannschaft, die wir fürchten“, erklärte der Trainer des FK Karabach Agdam. Der krasse Außenseiter aus Aserbaidschan fiebert seiner Premiere in der Champions League entgegen. Erstmals in der Geschichte hat sich überraschend ein Verein aus der früheren Sowjetrepublik für die Gruppenphase qualifiziert.

Als erster Gegner in der Königsklasse wartet am Dienstag Chelsea auf den aserbaidschanischen Meister und Cupsieger. „Wir spielen für die Fans, und dieser Sieg wird uns helfen, zusammen noch stärker zu sein“, meinte Gurbanow, nachdem der CL-Einzug Ende August in der Qualifikation gegen den FC Kopenhagen gelungen war.

Karabach-Coach Gurban Gurbanow

Reuters/Peter Cziborra

Seit 2008 fungiert der 45-jährige Gurban Gurbanow als Trainer von Karabach

Nach einem 1:0-Heimsieg reichte in Dänemark eine 1:2-Niederlage, um dank der Auswärtstorregel den Aufstieg zu schaffen. Ausgelassen feierten die Fans den historischen Erfolg, als sie ihre Spieler in Baku empfingen. Die ganze Nacht zogen die Anhänger des im Westen nahezu unbekannten Clubs in Autokorsos und mit wehenden Fahnen durch die Straßen der Millionenmetropole am Kaspischen Meer.

Verein mit tragischer Vergangenheit

Groß war der Jubel auch deswegen, weil Karabach Agdam wegen seiner tragischen Vergangenheit nach Auffassung vieler wie kein anderer Verein für den Kampfgeist der Südkaukasus-Republik steht. Seit 1993 kann der Club wegen des blutigen Konflikts um das von Aserbaidschan abtrünnige Gebiet Berg-Karabach nicht mehr in seiner Heimatstadt spielen, sondern ist in Baku zu Hause. Agdam gibt es nur noch auf Landkarten und im Gedächtnis Tausender Vertriebener.

Als sich 1991 proarmenische Kräfte in Karabach von Baku lossagten, entbrannte ein heftiger Krieg mit fast 30.000 Toten. Die Stadt Agdam fiel 1993 an die Separatisten, die rund 28.000 Einwohner flohen oder wurden vertrieben, Häuser wurden bis auf die Grundmauern zerstört. Seitdem ist Agdam eine Geisterstadt hinter schwer befestigten Linien der proarmenischen Streitkräfte.

Ruine in Agdam

Reuters/David Mdzinarishvili

Die Stadt Agdam wurde in dem blutigen Konflikt ausgelöscht

Ein Waffenstillstand 1994 beendete zwar die Kämpfe, doch das Blutvergießen flammt bis heute immer wieder auf. Zuletzt wurden im April 2016 rund 120 Menschen getötet. Die Vereinten Nationen verurteilen, dass die Aufständischen über die Grenzen von Berg-Karabach hinaus aserbaidschanische Gebiete besetzt halten.

Unterstützung durch Staat und Hauptsponsor

Gerade diese tragische Geschichte macht den FK Karabach Agdam, der in Gruppe C noch auf Atletico Madrid und AS Roma trifft, zu einem besonderen Gegner, bei dem Sport und Politik Hand in Hand gehen. „Obwohl die Stadt Agdam besetzt ist, erobern ihre Vertreter Europa. Das zeigt, dass sich das aserbaidschanische Volk niemals mit dieser Besetzung abfinden wird“, sagte der autoritär regierende Präsident Ilham Alijew bei einem Treffen mit den Spielern. „Wir erringen Siege nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch auf den Sportplätzen.“

Mit zwei Millionen Manat (eine Million Euro) hat Alijew den Club für den historischen Einzug in die Königsklasse belohnt. Neben solchen Zuwendungen des ölreichen Staates lebt der Verein vor allem von seinem Hauptsponsor, der privaten Lebensmittelholding Azersun.

„Im Fußball ist alles möglich“

Auch wenn Karabach Agdam international wohl nur Insidern etwas sagen dürfte, gehört der Club zu den Traditionsvereinen seines Landes. Fünfmal waren die Blau-Weißen mit den Pferden im Wappen Meister, sechsmal holten sie den Cup. International hat sich das Teams mit Europa-League-Auftritten langsam an die Königsklasse herangetastet, vor sieben Jahren scheiterten sie in der Qualifikation zur Europa League an Borussia Dortmund.

Neben Tarik Elyounoussi, dem norwegischen Ex-Stürmer von 1899 Hoffenheim, und paar Legionären spielen vor allem Aserbaidschaner für Agdam. Der Russe Ramil Schejdajew aus St. Petersburg spielt erst seit Kurzem für Karabach und geht optimistisch in das Spiel gegen Chelsea. „Die meisten Fans sagen, dass wir keine Chance haben, doch im Fußball ist alles möglich“, sagt der 21-Jährige dem Portal Azerisport.com zufolge. „Wir wollen zeigen, dass wir in der Lage sind, den Großen der englischen Liga Widerstand zu leisten.“

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