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Mercedes-Boss bleibt vorsichtig

Wäre die Formel-1-Saison ein Tennisspiel, dann hätte Lewis Hamilton vor den Toren von Austin den ersten Matchball. Der Mercedes-Star könnte am Sonntag (21.00 Uhr MESZ, live in ORF eins) beim viertletzten Grand Prix - jenen der USA - den WM-Titel fixieren. Gewinnt der Brite, sollte Verfolger Sebastian Vettel sich knapp hinter ihm klassieren, um die Entscheidung um die Krone noch hinauszuzögern.

59 Punkte liegt Vettel vier Grands Prix vor Schluss hinter Spitzenreiter Hamilton. Die Rechnung klingt komplizierter, als sie ist: Sollte der Engländer in Austin gewinnen, müsste Vettel zumindest Fünfter werden, um die Titelparty aufzuschieben. Selbst ein zweiter Platz könnte Hamilton zum vorzeitigen Titel reichen - wenn sein deutscher Rivale im Ferrari nicht besser als Neunter wird und Hamiltons Mercedes-Teamkollege Valtteri Bottas nicht vor dem WM-Spitzenreiter gewinnt.

„Gesunde Portion Skepsis“

Hamilton hat nicht nur vier der vergangenen fünf Saisonrennen für sich entschieden, auch in Austin gewann der Engländer vier der bisherigen fünf Grands Prix - die letzten drei davon en suite. Als selbstverständlich will sein Team vor dem Showdown in Texas trotzdem nichts ansehen. „Wir gehen jedes Rennen mit einer gesunden Portion Skepsis und nicht mit Wunschdenken an“, betonte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. „Unser Fokus muss darauf liegen, an diesem Wochenende in Austin jeden Punkt mitzunehmen, der in unserer Reichweite liegt.“

Lewis Hamilton im Jahr 2016 mit dem Siegerpokal von Austin

AP/Icon Sportswire/John Crouch

2016 gewann Hamilton zum vierten Mal auf dem Circuit of The Americas

Die jüngsten technischen Probleme bei Ferrari haben Mercedes in Fahrer- und Konstrukteurs-WM fast uneinholbar in Führung gebracht. Als Schlüssel sieht Wolff aber nicht nur das Pech der Konkurrenz, sondern auch Hamiltons Formanstieg nach der Sommerpause. „Seitdem fuhr er in einer eigenen Liga“, meinte der Wiener. „Es war beeindruckend, ihm dabei zuzusehen, wie er alles aus dem Auto herausholte und mit dem Team zusammenarbeitete, um Probleme zu lösen und sich noch weiter zu steigern.“

Vettel gibt nicht auf

Vettel dagegen wartet seit dem Ferrari-Heimrennen in Monza schon drei Rennen vergeblich auf einen Podestplatz. Zweimal kam er nicht ins Ziel - in Singapur nach einer Startkollision, in die auch Teamkollege Kimi Räikkönen verwickelt war, zuletzt in Japan wegen einer defekten Zündkerze. Dazwischen rettete der Deutsche mit einem Husarenritt in Malaysia nach Motorenproblemen von der letzten Startreihe aus zumindest Platz vier.

Aufgegeben hat Vettel nach all dem Pech der vergangenen Wochen noch nicht. „Was uns passiert ist, kann anderen jederzeit auch passieren. Es gleicht sich alles immer wieder aus“, meinte der 30-Jährige. Vettel muss sich an die Hoffnung klammern, dass auch Hamilton vor Defekten oder Unfallpech nicht verschont bleibt. „Ich wünsche niemandem etwas Schlechtes, aber so läuft es halt im Rennsport“, sagte Vettel.

Sebastian Vettel in der Box

Reuters/Kazuhiro Nogi

Vettel muss auf ein Ende der Probleme bei der „Scuderia“ hoffen

Hamilton: „Einfach weitermachen“

Mit derartigen Gedanken will sich Hamilton gar nicht erst beschäftigen. Die Zuverlässigkeit war auch in diesem Jahr eine der Stärken von Mercedes - auch wenn das Auto bei unterschiedlichen Bedingungen mitunter als schwer zu kontrollierende Diva galt. Hamilton will sich auf keine Experimente mehr einlassen. In Austin hatte er 2015 bereits seinen bisher letzten WM-Titel perfekt gemacht. Mit vier Triumphen in bisher fünf Auflagen ist er in Texas zudem Rekordsieger. Der bisher einzige andere Siegername in Austin: Sebastian Vettel, der vor vier Jahren gewann.

„Ich muss einfach so weitermachen und diese Leistungen abrufen. Dann gibt es keinen Grund für mich, etwas zu ändern“, erklärte Hamilton. Mit 32 Jahren verfügt selbst der mitunter impulsive Engländer bereits über ausreichend Erfahrung - wenngleich er auch im WM-Finish zumindest kontrolliertes Risiko gehen will. Hamilton: „Wenn du manchmal nur ein bisschen vom Gas gehst, bereitest du dir mehr Probleme, als du brauchst.“

Sicher ist sich Hamilton seiner Sache noch nicht. „Es sind noch 100 Punkte zu vergeben, das ist eine Menge. Im Leben kann alles passieren“, meinte der achtfache Saisonsieger. Hamiltons Hochform seit der Sommerpause - in diesen fünf Rennen holte er gleich 73 Punkte mehr als Vettel - lässt aber kaum noch an eine weitere Wende glauben. Auch wenn der deutsche Ferrari-Star noch einmal die Stärke seines Teams beschwor: „Wenn das Tempo passt, dann können wir alles schaffen.“

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