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„Russische Emotionen“ und Starauflauf

Fußball-WM-Auslosungen haben seit jeher einen besonderen Reiz. Mit der Festlegung der Vorrundengruppen nimmt auch das Turnier 2018 in Russland Gestalt an. Die Megashow am Freitag (16.00 Uhr, live in ORF eins) im Moskauer Kreml-Palast wird in mehr als 200 Ländern im TV übertragen. Die Auslosungsurnen stehen auf der Bühne bereit, der WM-Pokal glänzt schon im Scheinwerferlicht.

Russlands Präsident Wladimir Putin und etwa 1.300 Gäste werden dabei sein, wenn die Vorrundengruppen für das Turnier von 14. Juni bis 15. Juli kommenden Jahres ausgelost werden. Die Organisatoren wollen „russische Emotionen“ bieten. Vor der mit Spannung erwarteten Einteilung der acht Gruppen zu je vier Mannschaften tritt unter anderem Opernstar Ildar Abdrasakow auf. Das Igor-Moissejew-Volkstanz-Ensemble von der staatlichen Akademie für Modernen Tanz ist ebenfalls für einen Showact angekündigt.

WM-Maskottchen vor dem Kreml

Reuters/Sergei Karpukhin

Das WM-Maskottchen „Zabiwaka“ stimmt die Russen auf die WM ein

Zudem soll an die Auslosung der WM-Qualifikationsgruppen 2015 in St. Petersburg erinnert werden, als in einem kurzen Theaterstück der Traum eines kleinen Jungen auf dem Weg zum Fußballstar präsentiert wurde. Diesmal wird der Nachwuchsfußballer Stars wie Diego Maradona begegnen, heißt es vom Weltverband (FIFA).

Zahlreiche Promis im Einsatz

Vor der eigentlichen Loszeremonie bringt der deutsche Weltmeister und WM-Rekordtorschütze Miroslav Klose den WM-Pokal auf die Bühne im 1961 errichteten Palast, in der die Sowjetunion einst ihren Parteiführern wie Nikita Chruschtschow, Leonid Breschnew und Michail Gorbatschow huldigte.

Als Lospaten agieren acht ehemalige Fußballstars. Laurent Blanc, Gordon Banks, Cafu, Fabio Cannavaro, Diego Forlan, Maradona, Carles Puyol und Nikita Simonjan werden in unterschiedlichen Funktionen die Kugeln ziehen und damit die Teams auf die Gruppen verteilen. Geleitet wird die Auslosung von Englands Ex-Teamstürmer Gary Lineker und der russischen TV-Moderatorin Maria Komandnaja. Gastgeber der insgesamt einstündigen Show ist der russische Schauspieler Iwan Urgant.

Gruppenköpfe werden zuerst gezogen

Die FIFA hat vor der Auslosung einige Regeln festgelegt. Die 32 WM-Teilnehmer wurden von der FIFA anhand der Oktober-Weltrangliste auf vier Töpfe mit je acht Mannschaften aufgeteilt. Zunächst werden die Gruppenköpfe aus Topf eins gezogen. Gastgeber Russland ist fix in Gruppe A platziert, die weiteren sieben Teams, also Weltmeister Deutschland, Brasilien, Portugal, Argentinien, Belgien, Polen und Frankreich, kommen in die Gruppen B bis H.

WM-Pokal

Reuters/Sergei Karpukhin

Die Glasurnen und der WM-Pokal sind schon bereit für die Zeremonie

Die Teams aus den Töpfen zwei, drei und vier werden dann unter gewissen Ausschlusskriterien - so dürfen sich nur zwei europäische Mannschaften in der Vorrunde begegnen - zugelost. Gruppenduelle von zwei Teams aus einer der fünf anderen Konföderation in der Vorrunde sind untersagt. Aus dem zweiten Topf gilt Ex-Weltmeister und Mitfavorit Spanien als unangenehmster Gegner. „Spanien oder England muss man nicht in der Gruppe haben“, sagte der deutsche Nationalspieler Thomas Müller wohl stellvertretend für viele andere.

Noch einige Arbeit für Russland

Putin will Russland als modernen und freundlichen Gastgeber für die WM-Endrunde präsentieren. Knapp 200 Tage bleiben bis zum Anpfiff des Turniers. Damit das Fußballfest für die Gastgeber ein Erfolg wird, muss fernab der Fernsehkameras aber noch einiges geschehen. Auch der Präsident weiß das und drängt zur Eile.

„Eine Verzögerung bei der Vorbereitung ist nicht akzeptabel“, sagte Putin bei einem Treffen mit Sportfunktionären im Oktober. Es gebe noch Kleinigkeiten zu tun, nichts Gravierendes. „Aber wenn wir nachlassen, bringen wir sie auch nicht zu Ende.“ Vor allem in der Wolgastadt Samara hängt der Bau des Stadions hinter dem Zeitplan. Putin will keine Baulücken, Pfützen oder Halden mit Bauschutt sehen, „alles soll angenehm für die Leute sein“.

Staatsangelegenheit auf höchstem Level

Die WM ist für die stolze Sportnation Russland, die durch die jüngsten Dopingenthüllungen weiter unter Druck geraten ist, Staatsangelegenheit auf höchstem Level. Die Regierung investiert umgerechnet rund zehn Milliarden Euro. Experten zufolge könnten die Kosten gar doppelt bis dreimal so hoch ausfallen - ein immenses Konjunkturprogramm für die Wirtschaft nach Jahren der Rezession.

Vor allem die russische Provinz sieht sich als Nutznießer der WM. Beispiel: Saransk. International kaum bekannt, gilt die Hauptstadt der Teilrepublik Mordwinien als besonders lebenswerte Stadt. Zahlreiche Baumaßnahmen sollen den 300.000 Einwohnern den Alltag über die WM hinaus verschönern. Am Ufer des Flusses Insar wurden 1,3 Kilometer Promenade gebaut. Im südrussischen Rostow am Don ist ein neuer Flughafen entstanden, und in der Ostseestadt Kaliningrad (ehemals Königsberg) wurde brachliegendes Land für ein Stadion und Parkanlagen erschlossen.

Baustelle in russischem Stadion

Reuters

Nicht nur der Bau zahlreicher Stadien bringt die russische Wirtschaft auf Touren

Doch Korruptionsvorwürfe trüben die glanzvollen Pläne. Nicht nur rund um das Stadion in St. Petersburg gab es Skandale von Unterschlagung. Auch in der Provinz haben Beobachter Zweifel, dass das viele Geld am richtigen Ort ankommt.

Debatten über Sport und Doping

Auch sportlich prasselt immer wieder Kritik auf die „Sbornaja“ ein. Ob die Mannschaft unter Teamchef Stanislaw Tschertschessow, einst Torhüter und Trainer des FC Tirol, die Stärke hat, die Gruppenphase zu überstehen, wird in der Presse heftig diskutiert. In ausländischen Medien kommen Dopingdebatten rund um das russische WM-Team von 2014 auf. Doch Russlands Multisportfunktionär Witali Mutko lässt die Vorwürfe mit Witz abtropfen: „Wenn wir unter Doping so spielen, dann stellen Sie sich vor, wie wir ohne spielen würden.“

Trotz aller Kritik ist Russlands Führung überzeugt, dass das WM-Projekt das Land nachhaltig verändern kann. „Das wichtigste Ziel eines großen internationalen Sportevents ist, eine Grundlage für die Zukunft zu schaffen“, sagte Putin. „Die Menschen aufmerksam machen auf den Sport, auf eine gesunde Lebensführung, auf eine effektive und langfristige Nutzung von Gebäuden und Infrastruktur“, das sei die Aufgabe, betonte der Kreml-Chef.

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