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Defensive als Prunkstück

Am Wochenende geht das Rennen um die zwei Plätze in Super Bowl LII am 4. Februar in Minneapolis in die nächste Runde. Mittendrin sind weiter die Jacksonville Jaguars. Ein Jahrzehnt lang eine Lachnummer der National Football League (NFL), ist der Underdog aus dem Norden Floridas heuer ein Geheimfavorit. Denn die Jaguars sind das personifizierte Rezept für NFL-Titel: „Defense wins Championships.“

In den Divisional Play-offs steigen die vier besten Teams des Grunddurchganges - New England Patriots, Pittsburgh Steelers, Philadelphia Eagles und Minnesota Vikings - ins Geschehen ein. Die Jaguars mussten bereits eine Runde überstehen, das allerdings mit Bravour. In einer Defensivschlacht wurden die Buffalo Bills mit 10:3 in den Urlaub geschickt. Für Jacksonville war es nicht nur der erste Play-off-Sieg seit der Saison 2007/08, sondern auch ihr erster Auftritt in der K.o.-Runde seit damals. Am Sonntag geht es in Pittsburgh um den nächsten Schritt Richtung Minneapolis.

Wichtige Personalentscheidungen

Das Duell mit dem sechsfachen Super-Bowl-Champion wird die nächste große Bewährungsprobe für eines der Überraschungsteams dieser Saison. Denn im Vorjahr war noch nicht damit zu rechnen, dass Jacksonville im Kampf um den Titel eine Rolle spielt. Mit nur drei Siegen bei 13 Niederlagen waren die Jaguars eines der schwächsten Teams der Liga. Zum achten Mal seit dem bis dato letzten Play-off-Auftritt beendete Jacksonville eine Saison mit einer negativen Bilanz. Nur 2006 schaffte man es, nach einer Spielzeit mit 8:8 „pari“ auszusteigen.

Jalen Ramsey

Reuters/Matthew Childs

Den Jaguars gelang in nur einer Saison der Sprung aus dem Schatten zurück ins Rampenlicht

Im Frühjahr 2017 sorgten zwei Personalentscheidungen von Teameigentümer Shahid Khan und General Manager David Caldwell dafür, dass die Raubkatzen aus Florida wieder gezähmt wurden. Doug Marrone wurde zum Cheftrainer befördert und Clublegende Tom Coughlin kehrte als „Executive Vice President of Football Operations“ nach Jacksonville zurück. Unter Coughlin als Trainer hatten es die Jaguars zwischen 1995 und 1999 - in den ersten fünf Jahren ihres Bestehens - viermal ins Play-off und zweimal ins Conference Championship Game, dem Halbfinale, geschafft.

Neue Mentalität

Unter der Oberaufsicht von Coughlin, der mit den New York Giants 2008 und 2012 die Super Bowl jeweils gegen die New England Patriots gewann, und Headcoach Marrone kehrte der Erfolg in die flächenmäßig größte Stadt der USA zurück. Mit zehn Siegen und drei Niederlagen zog Jacksonville souverän ins Play-off ein. Die Zeiten, als man im Heimstadion aus mangelndem Interesse Sitzplätze abdeckte, um das Fassungsvermögen zu reduzieren, waren mit einem Schlag vorbei.

Das Duo änderte vor allem die Mentalität im Team. „Früher hat es geheißen: Die Leute gehen nach Jacksonville, um zu sterben“, sagte Verteidiger Malick Jackson, 2015 Super-Bowl-Champion mit den Denver Broncos, „jetzt kommst du hierher, um hart zu arbeiten und besser zu werden.“ Großen Sprüchen, wie sie auch Jackson („Wir werden heuer die Super Bowl gewinnen“) etwa vor der vergangenen Saison - jener mit den drei Siegen - von sich gab, schoben Coughlin und Marrone schnelle den Riegel vor. Dazu wurden im Draft, etwa mit Runningback Leonard Fournette, die richtigen Baustellen behoben.

Verteidiger räumen Liga auf

Grund für den Wandel von „zero to hero“ ist vor allem die bärenstarke Defensive der Jaguars. Im Schnitt ließen die Verteidiger im Grunddurchgang nur 286,1 Yards pro Spiel und insgesamt 262 Punkte zu. Macht unter dem Strich die zweitbeste Defensive der Liga. Nur die Minnesota Vikings hatten mit 275,9 Yards pro Spiel und 250 zugelassenen Punkten eine bessere Statistik. Dafür verfügen die Jaguars mit nur 169,9 Yards pro Spiel über die beste Passverteidigung. Auch mit sieben Defensiv-Touchdowns war man klar die Nummer eins der NFL.

Jubel bei den Jaguars

Reuters/Eduardo Munoz

A.J. Bouye (Nr. 21) und Jalen Ramsey sind das Rückgrat der starken Passverteidigung

Die beiden Cornerbacks A.J. Bouye und Jalen Ramsey, die für zehn der 21 Interceptions der Jaguars verantwortlich zeichneten, sowie den Defensive Linemen Calais Campbell und Yannick Ngakoue, die mit 14,5 bzw. zwölf Quarterback-Sacks den Spitznamen „Sacksonville“ salonfähig machten, sind die Aushängeschilder des jungen Teams. Dank ihrer Defense konnte Jacksonville ihre bisher vermeintlich größte Schwachstelle, Quarterback Blake Bortles - er erzielte mit 88 Yards gegen die Bills mehr Raumgewinn per Lauf als im Passspiel (87) - locker kompensieren.

Roethlisbergers schwärzeste Stunde

Wie bissig die Defensive der Jaguars ist, musste auch der nächste Gegner Pittsburgh heuer bereits am eigenen Leib erfahren. In der fünften Runde kauften die Jaguars-Verteidiger Steelers-Quarterback Ben Roethlisberger ordentlich die Schneid ab - noch dazu auswärts. Gleich fünf Pässe fingen Ramsey und Co. ab, steuerten zwei Touchdowns zum 30:9-Sieg bei und hielten im Gegenzug die potente Offensive aus Pittsburgh von der eigenen Endzone fern. Roehtlisberger zweifelte damals nach seiner schwärzesten Stunde sogar seine eigene Befähigung, in der NFL zu spielen, an.

Am Sonntag kommt es an gleicher Stelle zur Revanche. Und bei beiden Seiten ist die Vorfreude auf das Wiedersehen groß. Steelers-Star Roethlisberger, der sich von der „Watschn“ damals schnell erfing, hatte schon vor der Wild-Card-Runde, auf die Chance zur Revanche gehofft. Eine zusätzliche Motivation für die Mannen aus Florida. „Pass auf, was du dir wünscht“, richtete Verteidiger Bouye dem Pittsburgh-Spielmacher aus, „jeder glaubt, wir schaffen so etwas nicht noch einmal. Aber wir wissen, was wir können.“ Übrigens: Das bisher einzige Duell im Play-off ging ebenfalls an Jacksonville. Vor genau zehn Jahren setzten sich die Jaguars im Heinz Field mit 31:29 durch.

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