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„In falsche Richtung Gas gegeben“

Am 26. März 2017 krönte Stefan Kraft mit seinem Sieg im letzten Weltcup-Bewerb beim Skifliegen in Planica eine Traumsaison. Damals hätte wohl noch niemand geahnt, dass es der bis dato letzte rot-weiß-rote Sieg bleiben würde. 365 Tage und eine neuerliche Weltcup-Saison später stehen die erfolgsverwöhnten ÖSV-Adler mit leeren Händen da. Die Suche nach der Ursache für den Rückfall gestaltet sich schwierig.

Am Sonntag sorgte Kraft mit Platz zwei in Planica zumindest für einen kleinen versöhnlichen Abschluss aus Sicht der österreichischen Männer. Der Salzburger musste sich beim Skifliegen nur Kamil Stoch geschlagen geben, der heuer die Rolle von Kraft als Dominator übernommen hatte. Zum zweiten Mal nach 2013/14 ging damit auch die große Kristallkugel an den Polen, der heuer auch die Vierschanzentournee und Olympiagold von der Großschanze gewonnen hatte.

Der 30-jährige Stoch war letztlich auch mitschuldig daran, dass Österreichs Skispringer erstmals seit 2000/01 und erst zum dritten Mal überhaupt eine Saison ohne Sieg fabrizierten. Bei den Frauen schaffte es immerhin Daniela Iraschko-Stolz im zweiten Springen nach dem Comeback von ihrem Kreuzbandriss im slowenischen Ljubno auf die oberste Stufe des Podests. „Heuer haben wir scheinbar geschlossen in die falsche Richtung Gas gegeben“, fasste Routinier Manuel Fettner die verpatzte Saison zusammen.

Kraft schönt Bilanz

Ohne Kraft wäre die Olympiasaison überhaupt unter der Rubrik „katastrophal“ einzuordnen. Denn der Doppelweltmeister von 2017 sorgte für acht der neun rot-weiß-roten Podestplätze. Mit Michael Hayböck, der in Oslo Rang drei belegte, schaffte es nur noch ein weiterer Österreicher auf das Siegerfoto. Im Gesamtweltcup tauchte nur Kraft als Vierter oberhalb der Wahrnehmungsgrenze auf, Hayböck ist als zweitbester ÖSV-Springer nur auf Rang 23 zu finden.

Stefan Kraft

GEPA/Christian Walgram

Bei Olympia konnte nicht einmal Kraft das Ruder herumreißen

Auch bei den Saisonhöhepunkten spielten die Österreicher nur eine Statistenrolle. Im Schatten von Stochs „Grand Slam“ wurde Kraft Vierter. Auf das Podest schaffte es auch bei den Einzel-Springen kein rot-weiß-roter Athlet. Die Misere setzte sich auch bei Olympia in Pyeongchang fort. Erstmals seit Salt Lake City 2002 fuhren Österreichs Springer ohne Edelmetall nach Hause. Im Nationencup landete Österreich hinter Norwegen, Deutschland und Polen nur auf Platz vier - mit nur fast halb so vielen Punkten wie die siegreichen Norweger. „Wir haben heuer wirklich eine schwierige Saison gehabt“, sagte Cheftrainer Heinz Kuttin im ORF-Interview.

Eineinhalb Monate im Loch

Der Kärntner musste in seinem vierten Jahr als Headcoach oft nach Erklärungen für die Misere suchen. Wirklich gefunden hatte der 47-Jährige auch zum Saisonende keine. „Wir waren am Anfang gut dabei und haben einige Podiumsplätze gemacht. Von der Tournee bis zu Olympia hatten wir eineinhalb Monate, wo wir uns brutal schwer getan haben, unsere Leistungen nicht gebracht und daher die Erwartungen auch nicht erfüllt haben“, sagte Kuttin.

Die mit den fehlenden Erfolgen einhergehende Kritik habe die Mannschaft - oder zumindest den Zusammenhalt im Team - sogar stärker gemacht, so Kuttin. „Man kann viel mitnehmen, vor allem weil es heuer so schwer war“, sagte der Kärntner, der laut eigener Aussage keine Angst vor den kommenden Entscheidungen vonseiten des Österreichischen Skiverbandes hat: „Ich mache mir über meine Zukunft keine Sorgen, das ist überhaupt kein Thema.“ Sein bisherige Arbeit („Wir haben viele Medaillen geholt und viel gewonnen“) spreche für sich, so der 47-Jährige im ORF.

Keine schnelle Entscheidung

Sprungdirektor Ernst Vettori wollte unmittelbar nach der Saison auch keine Entscheidungen treffen. „Wir haben inhaltlich immer alles sachlich diskutiert. Es betrifft nicht nur Heinz, sondern auch das gesamte Trainerteam. Es ist auch das gesamte Trainerteam gefordert, eine gute Arbeit zu machen“, sagte Vettori. Jetzt werde erst einmal in aller Ruhe analysiert, was schiefgelaufen ist, „und dann schauen wir weiter“.

Heinz Kuttin

GEPA/Matic Klansek

Kuttin stand heuer im Mittelpunkt der Kritik an den mageren Ergebnissen

Rückenwind erhielt Kuttin zumindest von seinem Vorzeigespringer Kraft. „Ich bin vier Jahre sehr gut unterstützt worden. Es waren meine besten Skispringerjahre. Es hat immer das richtige Feedback gegeben. Natürlich muss sich was ändern, aber nicht unbedingt im Trainerstab“, stärkte Kraft Kuttin den Rücken. Auch Gregor Schlierenzauer, dessen Verhältnis mit dem Cheftrainer als schwierig eingestuft werden durfte, hält nichts von kosmetischen Eingriffen an der Spitze: „Ich halte nichts davon, immer nur einen Kopf auszutauschen, man muss sich auch über das gesamte System Gedanken machen.“

„Über das System Gedanken machen“

Schlierenzauer nahm sich so wie seine Kollegen aber auch selbst an der Nase. Die ihm gestellte „technische Challenge“ konnte der Rekordsieger im Weltcup nur ab und zu lösen - siehe sein Flug auf 253,5 Meter in der Qualifikation in Planica. „Wenn es mir gelungen ist, dann war ich, so blöd es klingt, immer vorne dabei. Speziell im Training. Wenn es nicht gelungen ist, dann hat es nicht einmal für den zweiten Durchgang gereicht.“

ÖSV-Springer ohne Saisonsieg

Österreichs Skispringern beenden die Saison 2017/18 ohne einen einzigen Sieg – zum erst dritten Mal in der Weltcup-Geschichte. Kraft sorgt mit Platz zwei im letzten Einzel-Bewerb immerhin für einen versöhnlichen Abschluss.

Auch Hayböck fand heuer nie die ideale Flughöhe und pendelte zwischen guten Leistungen und sportlichen Abstürzen hin und her. „Es war eine sehr schwierige Saison, die von Sachen geprägt wurde, wie ich sie mir nicht gewünscht habe“, sagte Hayböck, der nach einer Knöchelverletzung erst verspätet in die Saison einsteigen konnte. Danach habe er vergeblich darauf gewartet, dass sich ein Stabilisierungseffekt einstellt, so der Oberösterreicher: „Aber das ist heuer irgendwie nie so wirklich passiert.“

Auffallend war auch, dass hinter den Arrivierten niemand nachdrängte. Springer wie Daniel Huber oder Philipp Aschenwald konnten das Schwächeln der Arrivierten nicht nutzen. „Heuer wäre es easy gewesen, aber es ist nicht passiert. Die Tür ist offen“, sagte auch der bereits 32-jährige Fettner. Cheftrainer Kuttin versuchte seiner Truppe zum Saisonkehraus jedenfalls noch einmal Mut zu machen: „Der letzte Bewerb mit dem zweiten Platz von Stefan tut der ganzen Mannschaft gut, und das nehmen wir mit.“ Die nächste Saison beginnt am 17. November im polnischen Wisla.

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