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„Eine Riesengeschichte“

Von 7. bis 21. Juni 2008 waren Österreich und die Schweiz der Nabel von Fußball-Europa. Die 13. Endrunde der Geschichte bot auch dem österreichischen Nationalteam die Chance, sich erstmals bei einer Europameisterschaft zu präsentieren. Damals wie heute war Sebastian Prödl mit von der Partie. Der heute 30-jährige Verteidiger nutzte die Heim-Euro als Sprungbrett in die große Welt.

„Euphorie, super Stimmung im eigenen Land, aber auch eine hohe Erwartungshaltung und viel Druck“, ist das, was Prödl im Gespräch mit ORF.at zehn Jahre nach der Heim-EM spontan einfällt. Der damals 20-Jährige gehörte zu jenen „richtigen Spielern“, die Teamchef Josef Hickersberger auserkoren hatte, den großen Außenseiter Österreich im Konzert der Großen zu repräsentieren. Prödl ist der einzige Spieler, der auch unter Hickersbergers aktuellem Nachfolger Franco Foda zum Stammpersonal des Nationalteams gehört.

Sebastian Prödl

picturedesk.com/EXPA/Vassil Donev

Prödl (Nr. 15 in Rot) gehörte mit 20 Jahren bereits zum Stammpersonal bei der Heim-EM

Euphorie und ein Elfmeterpfiff

Ein Jahr nachdem der Steirer als Kapitän die U20-Mannschaft zum vierten Platz bei der WM geführt hatte, stand er gegen Kroatien (0:1) und Polen (1:1) 90 Minuten auf dem Feld. Zwei gelbe Karten verhinderten, dass Prödl beim 0:1 gegen Deutschland auflief. Trotzdem: „Es war für mich klarerweise eine Riesengeschichte“, erinnert sich der Watford-Legionär, dem die EM-Erfahrung den Wechsel zu Werder Bremen erleichterte. "Es hat mich natürlich geprägt und geformt. Die EM war eine Vorbereitung auf die Drucksituation und auch auf die großen Stadien“, so Prödl, „es war eine wichtige Lehre, ein super Erlebnis und ein toller Start in die internationale Karriere.“

Speziell ein Erlebnis ist nicht nur den Fußballfans, sondern auch Prödl noch heute genau in Erinnerung: jener Moment kurz vor dem Schlusspfiff gegen Polen, als Mariusz Lewandowski im Strafraum etwas an Prödls Leiberl zerrte, Schiedsrichter Howard Webb auf den Elfmeterpunkt deutete und Ivica Vastic das erste und für lange Zeit einzige EM-Tor aus österreichischer Sicht erzielte. „Das war der Moment, in dem der Glaube und die Hoffnung wieder zurückgekommen sind. Wir hatten nach zwei Spielen wieder die Chance, doch noch aufzusteigen“, sagt Prödl.

Am Ende machte Michael Ballack mit seinem Freistoßtor die Träume der Österreicher jedoch zunichte. „Aber“, so Prödl, „es hätte auch gut ausgehen können. Wenn wir unsere Chancen gegen Kroatien und speziell gegen Polen genutzt hätten, dann hätte es ganz anders ausgeschaut.“ Dass die EM für Österreich, das in der Vorbereitung nur mäßig überzeugen konnte („Es war noch eine lange Findungsphase davor“), zu früh gekommen ist, glaubt er nicht: „Es wurde das Bestmögliche getan. Natürlich war es eine Heim-Euro, aber wir waren so oder so die klaren Underdogs.“

Grundstein zur erfolgreichen Quali 2016

Auch ohne Viertelfinal-Teilnahme sei die EM für Österreich enorm wichtig gewesen, so Prödl. „Das Erlebnis eines Turniers ist schon prägend. Das ganze Rundherum, alles vor und nach einem Spiel und auch der Zuschauer an sich, welche Emotionen er preisgibt.“ Durch die EM in Österreich seien der österreichische Fußball und seine Spieler wieder mehr in den Fokus gerückt: „Wenn man sich die letzten zehn Jahre anschaut, wie viele Österreicher in der deutschen Bundesliga, der englischen Liga oder der zweiten deutschen Liga unterwegs sind, kann man schon sagen, dass die Euro der Startschuss war, um den österreichischen Fußball etwas mehr ins Licht zu rücken“, sagt der Steirer.

Heinz Lindner, Sebastian Proedl und Stefan Ilsanker

GEPA/Christian Walgram

Zehn Jahre nach dem Heimturnier trägt der Steirer (Mi.) als einer der Routiniers noch immer das Nationalteamtrikot

Die bei der Heim-EM gelegte Saat – sprich mehr Legionäre – sei letztlich bei der erfolgreichen Qualifikation für die Europameisterschaft 2016 aufgegangen. Spieler wie Prödl, Christian Fuchs und Martin Harnik waren das Rückgrat der erfolgreichen Mannschaft Marcel Kollers. „Wir wollten das unbedingt wieder erleben dürfen. Und es ist auch ein Ansporn, das in Zukunft noch einmal zu erleben“, so Prödl, „als kleineres Fußballland werden wir es auch in Zukunft nicht einfach haben, und wir müssen in den begrenzten Jahren als Fußballer alles in die Waagschale werfen, um an so vielen Turnieren wie möglich teilnehmen zu können.“

Verpatzte EM als Motivation

Motivation, es noch einmal zu einer Endrunde, egal ob EM oder WM, zu schaffen, ist auch die verpatzte Europameisterschaft 2016 selbst. Auch dort lief es - unter anderen Voraussetzungen – gar nicht nach Wunsch. „2016 hätten wir eigentlich schon viel mehr eingespielt sein müssen“, erinnert sich der 30-Jährige an die erfolglose Frankreich-Dienstreise von vor zwei Jahren. Der öffentliche Druck sei aber deutlich größer als 2008 gewesen. „Weil wir die Teilnahme auch aus eigener Kraft - mit einer überragender Qualifikation - geschafft haben. 2008 als Ausrichter hatten wir die Teilnahme ja dem Bewerbungskomitee zu verdanken“, so Prödl.

Die nächste Chance auf ein Großereignis ist die europaweite Europameisterschaft 2020. Mit der im Herbst beginnenden Nations League, wo Österreich auf Bosnien-Herzegowina und Nordirland trifft, gibt es noch einen zweiten Weg zur Endrunde. Im neuen Format und auch in der darauf folgenden klassischen Quali will Prödl erneut umsetzen, was er einst vor zehn Jahren gelernt hat: „Es war für mich am Anfang meiner internationalen Karriere schön zu sehen, dass es nach oben kein Limit gibt und man sich jeden Tag weiterentwickeln muss, um auf diesem Niveau zu bleiben.“ Bisher gelang es Prödl sehr gut, wie der EM-Kader von 2008 und jener zehn Jahre später beweisen.

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